Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Liselotte von der Pfalz: Madame zum 300. Todestag

Das Staatsporträt, das Hyacinthe Rigaud 1713 von der 61-Jährigen Herzogin von Orléans malte: eine resolute Frau in herrschaftlic
Das Staatsporträt, das Hyacinthe Rigaud 1713 von der 61-Jährigen Herzogin von Orléans malte: eine resolute Frau in herrschaftlicher Pose.

Am 8. Dezember 1722 Jahren starb Elisabeth Charlotte, die Herzogin von Orléans, die man in ihrer Heimat Liselotte von der Pfalz nennt. „La Palatine“ hieß sie in Versailles am Hof des Sonnenkönigs, dessen Schwägerin sie war. Man kennt sie als große Briefeschreiberin – und weiß doch längst nicht alles über sie.

Sie hat wunderbare Briefe geschrieben. Und dass sie sich ein Leben lang nach dem heimatlichen Pfalz zurücksehnte, hat man ihr dort nicht vergessen. So könnte jeder Text über Liselotte von der Pfalz, verehelichte Herzogin von Orléans beginnen. Das mit den Briefen stimmt, es dürften an die 60.000 (36.000 nach anderen Schätzungen) gewesen sein, die sie im Laufe ihres von 1652 bis 1722 währenden Lebens meist in den frühen Morgen- und späten Abendstunden, selten nachmittags, eigenhändig verfasst hat. Erhalten hat sich etwa ein Zehntel, die meisten in deutscher Sprache, die französischen eher zufällig. Letzteres hat auch damit zu tun, dass nach französischer Sitte Korrespondenzen von Verstorbenen ungelesen verbrannt wurden.

Aus dem deutsch geschriebenen Bestand stechen die Briefe an die deutschen Verwandten hervor, vor allem die an Liselottes Tante Sophie in Hannover, ihre Erzieherin Anna Katharina von Harling und ihre Heidelberger Halbgeschwister Amelise und Luise. Alle Liselotte gesandten Briefe wurden nach Lektüre gleich verbrannt, ausgenommen die von Sophie, die dann dem postmortalen Autodafé zum Opfer fielen, zum großen Kummer des Philosophen Leibniz, der als Briefpartner beider Damen sehr wohl um die schriftstellerischen Qualitäten der hannoveranischen Kurfürstin wusste.

Zunehmende Schreibwut

Die Editionslage dieses kulturhistorisch immens kostbaren Schatzes (die hier ausgeklammert sein soll) schwankt zwischen desolat und (in Teilen) zuverlässig; eine kritische Gesamtausgabe dürfte allein schon der schieren Masse wegen in weiter Ferne liegen. Über die mit dem Alter zunehmende Schreibwut der Elisabeth Charlotte ist viel spekuliert worden. War es Halt in seelischer Vereinsamung? War es Resignation einer Frau, die in ihrem neuen Milieu nie richtig heimisch geworden ist? War es geschwätziges Mitteilungsbedürfnis („ich schreibe wie ich rede“), das diese Fürstin ein mehr oder weniger verwandtschaftlich begründetes postalisches Spinnennetz über ganz Europa legen ließ? Wenn man ehrlich ist – man weiß es nicht.

Beschreibungen von „Madame“ gibt es in der französischen Memoirenliteratur reichlich. Das wohl präziseste, gern zitierte Charakterbild hat der Herzog von St. Simon hinterlassen: „Madame“, schreibt er, „war eine Prinzessin nach altem Stil, sie hielt auf Ehre, Tugend, Rang, Größe und war unerbittlich in Hinsicht auf Schicklichkeit. Sie war nicht ohne Geist, und alles, was sie sah, sah sie sehr richtig. Eine gute und treue Freundin, zuverlässig, wahrhaftig, aufrichtig, leicht einnehmbar und verletzlich, und schwer eines Besseren zu belehren: Grob, gefährlich wegen ihrer Vorliebe für Auftritte in der Öffentlichkeit, sehr deutsch in allen ihren Lebensgewohnheiten, dabei freimütig, ohne Rücksicht auf Bequemlichkeiten für sich und andere, mäßig, schroff und voll eigener, wunderlicher Grillen“.

Elisabeths Sterbeort: Schloss St. Cloud bei Paris (Kupferstich von Jacques Rigaud)
Elisabeths Sterbeort: Schloss St. Cloud bei Paris (Kupferstich von Jacques Rigaud)

Bei aller Bewunderung des Schreibers: Ein Heiligenbild ist das nicht. Unkonventionell im privaten Leben, extrem adelsstolz, hart und barsch gegenüber den zahlreichen Mätressen und Bastarden Ludwigs XIV. (die illegitimen Nachkommen ihres Vaters aus der Beziehung zu Luise von Degenfeld waren ausgenommen), konnte ihre Stellung im Versailler Sündenpfuhl nur prekär sein. Elisabeth Charlotte, als „Madame“ zeitweilig erste Dame am Hofe, wusste um ihre Schwächen: Frankreich, schrieb sie einmal, habe sie nicht polieren können, sie sei zu spät hineingekommen.

Gescheitertes Kalkül

„Hineingekommen“ ist Liselotte von der Pfalz als Opfer eines am Ende krachend gescheiterten politischen Kalküls. Um das Verhältnis zu Frankreich „pfalzfreundlich“ zu stabilisieren, hatte man die Neunzehnjährige in eine bizarre Ehe mit Philippe von Orléans hineingezwungen, dem verwitweten Bruder des „Sonnenkönigs“. Der zog sich nach dem dritten von zwei überlebenden Kindern definitiv aus dem gemeinsamen Schlafzimmer zurück und verschwendete Geld und Gut (auch pfälzisches, über das „Monsieur“ nach französischem Recht verfügen durfte) lieber an „seine Buben“.

Schon im Urteil der Zeitgenossen war die Verbindung der „pfälzischen Amazone“ mit dem stets modisch gekleideten, als schwach und zänkisch beschriebenen homophilen Weichling eine seelische Mésalliance. Eine Zeit lang ging diese Ehe leidlich gut. Als die Kabalen aus Philippes Entourage jedoch zunahmen – und am Ende schwindelerregende Höhen der Niedertracht erreichten – wendete sich das Blatt. Hilfe vom König gab es nicht, der hatte seiner Schwägerin unmissverständlich klar gemacht, dass er immer auf Seiten seines Bruders stehe. Diese vergötterte den vierzehnten Ludwig über die Maßen; nicht einmal die von diesem – „Brûlez le Palatinat!“ – angeordnete Zerstörung der Pfalz, der 75 Prozent der Bevölkerung zum Opfer fielen, konnte diese (psychologisch zu hinterfragende) Anhänglichkeit nachhaltig beschädigen.

Verlorenes Paradies

Es gibt, wenn man sich durch Elisabeth Charlottes Briefe liest, mehr solcher Inkonsequenzen, als dem Leser lieb sein kann. Wie gerne hätte man da die nicht erhaltenen Antworten ihrer meist weiblichen Korrespondenten zur Hand! Konsequent, möchte man meinen, ist in ihrem seelischen Haushalt nur die Liebe zur alten Heimat, das Schwelgen in (verklärten?) Erinnerungen, die der politisch einflusslosen, auf eine repräsentative Rolle im Rahmen des offiziellen Protokolls beschränkten Neu-Französin wie ein verlorenes Paradies erscheinen mussten – der dort heimischen Schlangen ungeachtet.

Da war die katastrophale Ehegeschichte ihrer Eltern, Wilhelmine von Hessen-Kassel und Kurfürst Karl Ludwig, der der scheidungsunwilligen Mutter aus purem Hass die siebenjährige Tochter entzogen und zu seiner Schwester Sophie nach Hannover geschickt hatte, ihre Briefe unterschlug und die ihm lästig Gewordene auch sonst auf unvorstellbare Weise quälte und demütigte – die durch eine heimliche „Eheschließung“ mit der Hofdame Luise von Degenfeld offenkundig gewordene Bigamie eingeschlossen. Mutter und Tochter sollten sich erst 1681, also 22 Jahre später, wiedersehen.

„Sie ist wie wir“

Dessen ungeachtet erzählt „das Kind der Pfalz“ von unbeschwerten Kinderjahren im Heidelberger Schloss, noch glücklichere vielleicht bei ihrer Tante Sophie in Hannover (wo auch nicht alles zum Besten stand) und bei ihrer Großmutter Elizabeth Stuart in Den Haag, die mit kleinen Kindern eigentlich nichts anfangen kann, aber auf einmal ganz vernarrt ist in die lebhafte Enkelin, der sie im gewohnten Englisch attestiert: „Schi is not leik the hous off Hesse, schi is leike ours“, sie ist nicht wie die von Hessen, sie ist wie wir. Freizügiger und unkomplizierter war das Leben in Hannover und der rheinischen Pfalz gewiss.

Umso mehr erstaunt, wie sich Elisabeth Charlotte trotz ziemlich nachlässiger Ausbildung in Heidelberg (kein Englisch, kein Latein, keine historischen Fächer, in der Musik nur ein bisschen Klimpern auf der Gitarre) in Frankreich eine für die Zeit und ihren Stand erstaunliche Bildung erwerben konnte, sehr im Gegensatz zu ihrem Ruf als ungehobelte „derbe Deutsche“ aus einer Familie von Sauerkrautfressern (richtig: die französische Zubereitung schmeckte ihr nicht). Sogar die in diesem Punkt sehr anspruchsvolle Madame de Sévigné musste zugeben, dass die Neue bei Hofe ein vorzügliches Französisch sprach (und schrieb, wie erhaltene Briefe bezeugen) und an standesgemäßen Manieren nichts zu wünschen ließ.

Regelmäßiger Opernschlaf

Intellektuell war die „Palatine“ trotz ihrer notorischen Verachtung für Putz und „schmink“ stets auf der Höhe der Zeit. In ihrer reichhaltigen Bibliothek – das Verzeichnis ist überliefert – standen griechische und römische Klassiker (in Übersetzung) neben zeitgenössischen Franzosen, historischen und mathematischen Werken, den Klassikern der Naturgeschichte und der Medizin und wurden auch gelesen; Romane allerdings nur morgens auf dem „Kackstuhl“. Ausgewählte Kapitel und Psalmen aus der deutschen Bibel waren vor dem Frühstück dran.

Sie war eine begeisterte Theatergängerin, wozu sie praktischerweise von ihrem Appartement in Versailles nur eine Treppe hinuntergehen musste; in Opern schlief sie – wie in der Kirche, in der sie das Geplärre der Pfaffen nicht aushalten konnte – freilich regelmäßig ein. Ihre heute in der Ermitage St. Petersburg aufbewahrte Sammlung von Gemmen und Medaillen war mit Kennerschaft zusammengestellt und wurde nur von der des Königs übertroffen. Als Mikroskope Mode wurden, beschaffte sie sich einige und benutzte sie, wie laienhaft auch immer, mit Ernst und Vergnügen.

Die erste Dame

Ja, sie hatte viele Qualitäten: Ausdrucksfähigkeit, Neugierde, Integrität und Humor. Anpassungsfähigkeit, die ihr das Überleben am französischen Hof erleichtert hätte, war nicht dabei. Und sie war durchaus rachsüchtig. Den Tod ihrer Intimfeindin Madame de Maintenon (mit der sie sich angeblich versöhnt hatte) quittierte sie mit einem zufriedenen „Nun ist die alte Zott doch verreckt“. Das war 1719, Ludwig XIV. seit vier Jahren tot, sie selbst seit 1701 Witwe. Ihr Sohn Philippe führte als Regent die Regierungsgeschäfte für den noch minderjährigen Ludwig XV. Ihre Schulden waren bezahlt, sie selbst finanziell endlich leidlich abgesichert.

Aus dieser Zeit stammt das bekannte, vielfach kopierte Staatsporträt, das Hyacinthe Rigaud 1713 von der 61-Jährigen malte, und von dem sie meinte, man habe „sein Leben lang nichts Gleicheres gesehen.“ Elisabeth Charlottes vielleicht letztes Porträt zeigt eine resolute Frau mit solidem Doppelkinn in herrschaftlicher Pose. Der Witwenschleier? Ein wenig prominentes Accessoire. Die linke Hand liegt auf einer Krone, über deren Funktion man spekulieren könnte. Ist es ein Zeichen ihrer hohen Abkunft – oder ein Hinweis auf die englische Krone, die sie anstelle der in der Erbfolge nächsten Sophie von Hannover, respektive deren Sohnes geerbt hätte, wäre sie nicht zum Katholizismus konvertiert? Ist das Bild ein letzter Triumph der adelsstolzen Pfälzerin, die die Umstände wieder zur ersten Dame Frankreichs gemacht haben?

Dennoch, „Madame sein“ betrachtete die Herzogin von Orléans als „elendes Handwerk“, das sie am liebsten als Charge verkauft hätte. All ihr Leben, ließ sie schon 1701 ihre Halbschwester Luise wissen, sei es ihr leid gewesen, ein Weibsmensch zu sein; und Kurfürst zu sein, wäre ihr „um die Wahrheit zu sagen“, besser angestanden. Koketterie? Elisabeth Charlotte, Herzogin von Orléans, starb um halb vier Uhr morgens am 8. Dezember 1722 in ihrer über alles geliebten Sommerresidenz St. Cloud: An diesem Tag, es war der der Unbefleckten Empfängnis, gab es eine Sonnenfinsternis, „fünf Finger breit von zwei bis vier Uhr“. Ihr letzter (erhaltener?) Brief, datiert auf den 3. Dezember, geht an die Raugräfin Luise.

Sie ist sehr schwach, fühlt das Ende nahen, das sie mit kalvinistischer Gottergebenheit erwartet „in der Hoffnung, dass mein Erlöser, so vor mich gestorben und auferstanden ist, mich nicht verlassen wird, und wie ich ihm treu geblieben, dass er sich auch meiner erbarmen wird an meinem letzten End … nun aber nur sage, dass ich Euch bis an mein Ende von Herzen lieb behalte.“ Die privaten Eigentümer hüten das kostbare Dokument bis heute wie ihren Augapfel.

Grabräuber in St. Denis

Begraben wird Madame am 10. Dezember 1722 in Saint Denis. In der Französischen Revolution werden die Särge von Monsieur und seinen beiden Gemahlinnen aufgebrochen, um an die kostbaren Bleiverkleidungen zu kommen; ihre sterblichen Überreste wirft man in ein Massengrab. Womit die Gebeine der „Elisabeth Charlotte de Bavière“ – so die heutige Gedenktafel – das gleiche Schicksal erleiden wie die ihrer pfälzischen Vorfahren, die seit der Schändung der kurfürstlichen Grablege in der Heidelberger Heiliggeistkirche wohl irgendwo verscharrt wurden.

„Wir verlieren eine gute Prinzessin, und das ist etwas Seltenes“, schrieb der Advokat Mathieu Marais, der nicht ahnen konnte, welche merkwürdigen Vorstellungen und Missdeutungen sich die Nachwelt auf französischer wie auf deutscher Seite von dieser Frau gemacht hat. Viel Arbeit für die Wissenschaft, es könnte lohnen. Und das nicht nur wegen des gewaltigen Epochenpanoramas, das sich nicht zuletzt anhand des einzigartigen Briefkorpus der Liselotte von der Pfalz entfalten lässt.

Ausstellung

„Madame Palatine – Liselotte von der Pfalz am Hof des Sonnenkönigs“ ist bis 22. Januar 2023 im Kurpfälzischen Museum Heidelberg zu sehen.

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