Literatur
Kein Opfer sein: Rafael Seligmanns Familiengeschichte „Rafi, Judenbub“
„Du kannst gut rechnen, wie sich’s für einen Judenbub gehört“, sagt Lehrer Walk zum zehnjährigen Rafael Seligmann und meint es sogar wohlwollend. Anders als ein anderer jüdischer Junge, der nicht einmal gut genug rechne, „um deine deutschen Kunden zu übervorteilen“. Walk war Lehrer unter den Nazis, jetzt ist er Lehrer in Nachkriegsdeutschland.
Wir schreiben das Jahr 1957. Rafaels Vater Ludwig, 1934 aus Nazi-Deutschland nach Palästina geflohen, kehrt nach beruflichem Scheitern mit Frau und Kind zurück nach Deutschland, in dem er sich besser auszukennen glaubt. Doch seine ersten Versuche, an das alte Leben als reisender Verkäufer von Arbeitskleidung bei den Bauern rund um sein bayerisch-schwäbisches Heimatdorf Ichenhausen anzuknüpfen, zeigt, dass nichts mehr ist, wie es war.
„Schwamm drüber“ oder Das Geheul der Wölfe
In Ichenhausen lebt kein Jude mehr, die Synagoge wird als Feuerwehrhaus genutzt. Die Ichenhausener sagen „Schwamm drüber“ , wollen alles „vergeben und vergessen“ sein lassen oder klagen, „was mir Deutsche g’litta hen, des darfsch ned erwähne“. Der Preis fürs Abkaufen seiner Arbeitshosen, erkennt Ludwig, soll sein, sich das „Geheul der Wölfe“, all die Rechtfertigungen und Relativierungen, widerspruchslos anzuhören. Ludwig wechselt als Angestellter zu einer von zwei Juden geführten Textilfirma in München, in der er aufsteigt, aber auch ausgebeutet wird“.
„Rafi, Judenbub“ ist der dritte Teil der Romantrilogie, die Rafael Seligmann – der wohl profilierteste deutsch-jüdische Gegenwartsautor – über seine eigene Familie geschrieben hat. In „Lauf, Ludwig, lauf“ hatte er die Kindheit und Jugend seines Vaters geschildert. Bis zu dessen Flucht nach Palästina, in „Ludwig und Hannah“ die harte und angsterfüllte Zeit im von mittellosen Flüchtlingen überschwemmten Gelobten Land, wo für die Ankommenden weder Milch noch Honig flossen. Nun widmet Seligmann sich den Erfahrungen und Gefühlen von deutschen Juden im Nachkriegsdeutschland. Einschließlich seiner eigenen.
Als Kind und junger Mann erlebt er Antisemitismus in allen Formen, derb-krude, gewalttätig – er wird in der Schule verprügelt – oder akademisch verschleiert bei einem seiner Universitätsprofessoren. Vom tagträumerischen Schulversager kämpft Rafael sich hartnäckig vom Lehrbuben zum promovierten Politikwissenschaftler. Zum Opfer will er sich nicht machen lassen.
Immer die Frage: bleiben oder gehen?
Seligmann hat noch nie gefällig geschrieben, er eckte an, bei Juden wie bei Deutschen. Provozieren sei recht einfach, sagt er, „man muss nur die Wahrheit sagen“. Die Wahrheit in seinen Romanen entsteht in der meisterhaften Schilderung menschlicher Schwächen wie Stärken, im Ausmalen von Lebensbrüchen durch Krieg und Verfolgung und ihren Auswirkungen bis ins Privateste. Im letzten Teil seiner Trilogie setzt er das Stilelement des zweiten Teils fort und arbeitet jetzt mit drei Ich-Erzählern, Vater, Mutter und Sohn. Die Konflikte in dieser Familie entzünden sich immer wieder an der Frage: bleiben oder gehen, erdulden oder sich wehren.
Da ist Ludwig, der sich im Streben nach beruflichem Erfolg kaputtarbeitet, mancher Fehleinschätzung aufsitzt und doch nie die Zuversicht verliert. Er leidet oft unter den Vorwürfen seiner Frau. Von schweren Verfolgungs- und Fluchterfahrungen versehrt, vergisst Hannah keinen einzigen Tag, dass ihre Geschwister und deren Familien ermordet wurden.
Sein Witz tanzt auf tiefsitzenden Traumata
In jedem Deutschen sieht sie den Nazi. Zugleich ist die resolute Frau diejenige, die in Krisen aktiv wird und in den entscheidenden Momenten die Familie zusammenhält.
Die Familientrilogie ist das größte Werk Seligmanns, hinreißend geschrieben, schockierend und berührend und leider hochaktuell in der Schilderung, was Deutschen passiert, die als „anders“ ausgegrenzt werden.
Seligmanns beißender Witz tanzt auf tiefen Traumata, er zerfetzt Lebenslügen und hohle Rechtfertigungen nicht nur in seinen Figuren, sondern auch in den Köpfen derer, die ihn lesen. In seinem gesamten Werk als Journalist, Publizist und Romanautor zeigt der 1947 geborene Seligmann eine aufklärerische Streitsucht, eine schonungslose Klarsichtigkeit, die er gegen jeden übt, Juden wie Nichtjuden. Nun übt er sie gegen seine eigene Familie und sich selbst. Das lässt uns die Menschen in diesen drei Büchern besonders nahe kommen. So nahe, dass wir uns den Fragen nicht entziehen können, die sie uns stellen.
Lesezeichen
Rafael Seligmann: „Rafi, Judenbub. Die Rückkehr der Seligmanns nach Deutschland“; Langen Müller, München; 400 Seiten; 24 Euro.