Hintergrund
Kein Film für Nazis: Die Propagandaschlacht um erste „Im Westen nichts Neues“-Fassung
Die Buchvorlage von Erich Maria Remarque, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus Sicht eines blutjungen deutschen Soldaten schildert, erschien Ende 1928 als Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“, die Buchausgabe folgte drei Monate später. Innerhalb von elf Wochen waren 450.000 Exemplare verkauft, noch im selben Jahr kamen Übersetzungen in 26 Sprachen heraus. Der aus Schwaben stammende Hollywood-Produzent Carl Laemmle sicherte sich sofort die Filmrechte.
In seinem Universal-Studio begannen im Herbst 1929 die Dreharbeiten, die sich vier Monate hinzogen und die damals ungeheure Summe von 1,45 Millionen Dollar verschlangen. Nachdem der ursprünglich vorgesehene Kandidat zu hohe Gagenforderungen gestellt hatte, ging der Regieauftrag an Lewis Milestone. Der stammte aus Bessarabien (der heutigen Moldau-Republik) und hatte als Wochenschau-Kameramann selbst am Ersten Weltkrieg teilgenommen.
Erbitterte Vorab-Agitation im Mozartsaal
Da der Wechsel zum Tonfilm noch nicht überall vollzogen war, ließ Laemmle zeitgleich eine stumme Fassung herstellen. Für den deutschen Markt wurde die frühe, später nicht fortentwickelte Synchronisationstechnik der „Rhythmografie“ angewandt. Deutschland-Premiere war am 4. Dezember 1930 im Mozartsaal der Reichshauptstadt.
Der Ufa-Konzern verweigerte den US-Konkurrenten von der Universal die Bereitstellung seiner prächtigen Erstaufführungskinos. Immerhin war der Medienunternehmer und Rechtsaußen-Politiker Alfred Hugenberg Mitgesellschafter der größten deutschen Produktions- und Verleihgesellschaft. Gegen das pazifistische Buch „Im Westen nichts Neues“ und dessen Verfilmung machten seine Zeitungen von Anfang an Stimmung.
Trotz der erbitterten Vorab-Agitation fanden sich im Mozartsaal prominente Vertreter des linken und liberalen Lagers ein: der Innen- und der Kulturminister des Landes Preußen, der Botschafter der Vereinigten Staaten, die ehemaligen Reichskanzler Philipp Scheidemann, Wilhelm Marx und Hermann Müller, Reichstagsabgeordneter Willi Münzenberg von der KPD, der Chef des kommunistischen Kosmos-Verlags, dazu Kulturschaffende wie Alfred Döblin, George Grosz, Egon Erwin Kisch und Carl Zuckmayer. Wer außerdem kam, waren die auf Krawall gepolten Trupps von Hitler und Goebbels, die noch nicht die „Macht übernommen“ hatten.
Der NS-„Gauleiter“ und spätere Propagandaminister inszenierte vor dem Kino lautstarke Demos der SA, wetterte im Parteiblatt „Völkischer Beobachter“ gegen den „unpatriotischen“, „zersetzenden“ und „jüdischen“ Antikriegsfilm. In mehreren Lichtspieltheatern wurde die Vorführung durch die „spontanen“ Hasstiraden seiner johlenden Gefolgsmänner, Stink- und Rauchbomben sowie Rudel weißer Mäuse gestört.
Wilde Schlägereien bei der Premiere
Die „Deutsche Tageszeitung“ berichtete am 6. Dezember 1930: „Bei der Uraufführung (…) kam es zu schweren Demonstrationen. Nachdem die ersten Szenen ohne Störung verlaufen waren, erhob sich, als zum ersten Mal das Heulen und Kreischen der Freiwilligen im Unterstand gezeigt wurde, ein Proteststurm des Publikums, der die Theaterleitung zur Unterbrechung der Vorführung zwang. Es entwickelten sich schwere Schlägereien. Bald wiederholten sich die stürmischen Proteste, so dass sich die Leitung entschließen musste, die Vorführung abzubrechen. Die Direktion forderte Polizei an.“
Der NS-Publizist Werner Zöberlein ätzte im „Völkischen Beobachter“, Roman und Film seien „eine krampfhafte Betrachtung des Kriegs durch die Abortbrille“. Umgehend wurden die Namen jüdischer Mitwirkender aus dem Vorspann entfernt und Szenen geschnitten, die auf etwaige Empörung der Veteranenverbände hätten stoßen können: das Aufbegehren gegen einen Kasernenhof-Schinder, eine verweigerte Ehrenbezeugung.
Das Reichswehrministerium erhob Protest, da „keine deutschen Soldaten gezeigt werden sollten, die am Sinn ihres Einsatzes zweifeln“. Schließlich erklärte sich die Berliner Polizei außerstande, für die Sicherheit der Kinogänger zu garantieren.
Eine Woche nach der deutschen Erstaufführung sprach die Oberste Filmprüfstelle unter Leitung des Mannheimer Juristen Ernst Seeger ein Vorführungsverbot aus. Zur Begründung hieß es, von dem Film gehe eine „Gefährdung des deutschen Ansehens in der Welt“ aus, zumal er die „Herabsetzung der Reichswehr“ betreibe. Das Kinostück habe eine „ungehemmte pazifistische Tendenz“, so dass „bei der heutigen seelischen Not“ womöglich mit „Explosionen“ gerechnet werden müsse. Auch das Verbot löste heftige Proteste aus.
Gekürzte „deutsche Fassung“ für den internationalen Markt
Intellektuelle wie Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Heinrich Mann und Käthe Kollwitz setzten sich für „Im Westen nichts Neues“ ein. Eine Novellierung des Reichs-Lichtspiel-Gesetzes erhielt den Beinamen „Lex Remarque“. Sie ermöglichte dem Film eine Freigabe „für bestimmte Personenkreise und in geschlossenen Veranstaltungen“, kurz darauf dann die allgemeine Wiederzulassung in einer nochmals gekürzten Fassung. Die Universal musste sich verpflichten, „zukünftig auch im Ausland nur noch diese von den deutschen Zensurbehörden genehmigte Fassung zu zeigen“.
Mit der Machtergreifung der Nazis wurde der Film endgültig verboten. Remarque ging 1933 ins Exil, die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm „aberkannt“. In Kalifornien stellte Laemmle derweil Hunderte von Bürgschaftserklärungen für jüdische Flüchtlinge aus. Die ihm zu Ehren benannte Straße in seiner oberschwäbischen Heimatstadt Laupheim bekam einen neuen Namen.
Der Star als Kriegsdienstverweigerer
Hauptdarsteller Lew Ayres wurde im Zweiten Weltkrieg zum „berühmtesten Kriegsdienstverweigerer der Vereinigten Staaten“ - und daraufhin von Produktionsfirma Metro-Goldwyn-Mayer gefeuert. In einer 1979 entstandenen Fernseh-Verfilmung wird die Hauptfigur von Richard Thomas gespielt, bekannt vor allem als ältester Sohn der TV-Familie „Die Waltons“ und neuerdings aus der Krimiserie „Ozark“, die vom Streamingdienst Netflix produziert wird. Dieses Medienunternehmen zeichnet auch für die jetzt gestartete Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ verantwortlich, einer deutsch-britisch-amerikanischen Koproduktion in der Regie des gebürtigen Wolfsburgers Edward Berger.