Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Katja Riemann: Wie die Schauspielerin Mannheims Literaturfest „lesen.hören“ eröffnete

Hielt es nicht auf dem Sessel: Sachbuchautorin Katja Riemann.
Hielt es nicht auf dem Sessel: Sachbuchautorin Katja Riemann.

Ein ernster Abend, was auch sonst, Deutschland erschrickt gerade vor sich selbst. Und bei dem Thema: Die Ungerechtigkeit der Welt. Am Freitagabend ist in der Alten Feuerwache das Mannheimer Literaturfestival lesen.hören eröffnet worden. Auch das sei eine Bühne, um Haltung zu zeigen, sagte Programmleiterin Insa Wilke dabei gleich zu Beginn. Wer lese, weite seine Perspektiven, sagte sie. Dann hat Katja Riemann im Gespräch mit Wilke ihr Debüt vorgestellt. Es ist ein ganz persönliches Sachbuch.

„Godmother der Schnepfendarstellerinnen“, wurde die Schauspielerin Katja Riemann („Fuck ju Göhte“) schon mal genannt – wegen ihrer maliziösen Verkörperungskunst. Sie ist auch Bundesverdienstkreuzträgerin. Eine Aktivistin, die sich für Amnesty International, die Aidshilfe, gegen Folter und Gewalt engagiert, aber als Zicke gilt, weil sie von Fragen über ihre Frisur genervt ist. „Jeder hat. Niemand darf“, heißt Riemanns Werk, das im doppelten Wortsinn Licht ins Herz der Finsternis bringt.

Jeder hat, niemand darf, so beginnen die meisten der 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die 1948 verabschiedet worden sind, auch wenn, wie Katja Riemann meint, sie in keinem Land „komplett eingehalten“ werde. „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ steht darin zum Beispiel. „Niemand darf gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören“ – und genauso weiter. Riemann beschreibt in ihrem Buch was sie bei sogenannten Projektreisen erlebt hat, die sie seit 2001 als Botschafterin von Unicef unternimmt. Nach Rumänien damals. In eine Verwahranstalt für behinderte Kinder. Später nach Moldawien, Nepal, Burkina Faso, in den Kongo und den Senegal, den Libanon, Seite an Seite mit Größen wie Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege unterwegs. Dabei lernt sie Menschen wie Molly Melching kennen, die mit ihrer Nichtregierungsorganisation „Tostan“ gegen die Genitalverstümmlung von Mädchen und gegen Windmühlen kämpft.

In Burundi – das Kapitel las Katja Riemann vor – traf sie einen alleinerziehenden Mann, der zum Überleben ein eigenes Feld bestellt, und zu seinen sieben Kindern noch ein achtes dazu aufgenommen hat. Er, ein Schauspieltalent, der sie – so beschreibt sie es – vor der Kamera eines begleitenden Kameramanns zur Statistin degradierte. Das Lachen hat er nicht verlernt. Das Schlussbild zeigt sie beide Hand in Hand. Riemanns mitreißend geschriebenes Werk ist ein Lehrbuch der Menschlichkeit geworden, in dem trotz allem Zuversicht und Humor triumphieren. Dass es – offiziell – am 26. Februar erscheint, hat sehr viel mit Mannheim zu tun, wie Katja Riemann schon im Vorwort erzählt. Insa Wilke und sie kamen am Eröffnungsabend noch einmal darauf zurück.

Ausgangspunkt ist einmal mehr Roger Willemsen gewesen, der Autor, Intellektuelle, Fernsehmann und Übervater des Festivals lesen.hören unter anderem. Ein Freund. Er hat Riemann eingeladen damals, in der Alten Feuerwache zu berichten von ihrem humanitären Engagement. Spontan, bei einem Zwischenstopp auf dem Flughafen. Sie sagte sofort zu, er wollte als ihr Gesprächspartner fungieren. Dann starb er. Ihr Auftritt zwölf Tage später geriet zum furiosen Requiem.

In Vorbereitung habe sie damals, sagte Katja Riemann am Freitag und so steht es auch in ihrem Buch, sich selbst hinterherrecherchiert und Texte über ihre Reisen geschrieben. Insa Wilke habe sie klammheimlich beim S. Fischer Verlag eingereicht. So sei ein ganzes Buch daraus geworden. Stehend nach einiger Zeit, raus aus dem hochlehnigen Fauteuil, in dem sie vorher saß, las Riemann dann daraus vor – lachenden Auges. Die Herzen der Zuhörer/innen im Klammergriff. Smalltalk mit ihr konnte man sich abschminken. Es gab auch keine Fragen aus dem Auditorium.

Die Oma aller Hoffnungen

Höchstens, dass die beiden Frauen gemeinsam die Orangerotdominanz ihrer Kleiderwahl feststellten. Eher lapidar. Ansonsten ging es in medias res. „Es einfach tun“, beschrieb Riemann ihr Credo, wie wichtig es sei, sich das „Unbekannte bekannt zu machen“, sagte sie. Sich einzusetzen für Unicef und die anderen sehe sie als ihre „Verpflichtung“ an – „für mich als Multiplikatorin“. Ernst blieb sie, ihr Wirkungsgrad hoch beim Publikum. Manchmal ging ein Lächeln über ihr Gesicht, das ein offener Roman war. Am liebsten wäre es ihr wohl gewesen, immer weiter von Menschen wie Marguerite Barankitse vorzulesen, die eine unwahrscheinliche Frau ist. Lehrerin, mit 23 siebenfache Adoptivmutter, Angehörige der sozialen Gruppe der Tutsi, die man als junge Frau dazu zwang, als „Verräterin“ dabei zuzusehen, wie „ihre Leute“ ein Massaker verübten. Seither gab sie mit Gottvertrauen und gegen jede Plausibilität mehr als 20.000 Kindern in ihrer „Maison Shalom“ in Burundi ein Zuhause. Von Mord bedroht, musste sie fliehen. Jetzt kämpft sie – mit über 60 – in Ruanda immer noch mit Hoffnung gegen Hass an. „Oma“ würden sie die Kinder nennen, las Riemann vor. „Oma“ – auf Deutsch, sagte sie. Müsse man sich mal vorstellen. Leuchtendes Riemann-Gesicht. „Ja“, sagte sie noch zum Schluss, „ich signiere heute das erste Mal ein eigenes Buch“. Die Menschentraube am Signiertisch herzte sie dann inniglich.

Lesezeichen

Katja Riemann: „Jeder hat. Niemand darf“; S. Fischer, Frankfurt; 400 Seiten, 24 Euro.

x