Kultur
Irgendwas mit Trump: Falk Richters fulminant überdrehte, spaßig-ernste Inszenierung „Am Königsweg“ bei den Festspielen in Ludwigshafen
Ein Theaterstück ohne Handlung, ohne richtigen Stoff sogar, mit einem Ensemble, dessen Mitglieder keine Figuren spielen, sondern über drei Stunden lang monologisieren – das ist „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek. Und trotzdem ist es das Stück der Stunde, Falk Richters Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus preisgekrönt. Beim Gastspiel im Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen konnte sich niemand im Publikum bequem zurücklehnen.
Was einem als Erstes zu Elfriede Jelinek einfällt oder, okay, als zweites nach dem Literatur-Nobelpreis, das ist diese Frisur. Diese aufgetürmten und wie betonierten Ponysträhnen auf jedem veröffentlichten Foto seit 1984. Genau diese seltsame Frisur trägt nun die Kabarettistin und Schauspielerin Idil Baydar und kombiniert sie mit einem übel goldglitzernden Trainingsanzug und einem T-Shirt darunter, auf dem „Cute but Psycho“ steht. Als Kunstfigur Jilet Ayşe aus Kreuzberg erteilt sie dem Publikum mithilfe von Google („Ich schwör dir, geh auf Wikipedia“) eine Lehrstunde in Rassismus und historischem Kolonialismus. Von einer Loge im Publikum aus schaut sie auf die Bühne und fragt so entsetzt wie belustigt, das sei „Hochkultur“?
Die Frage ist berechtigt. Was das Publikum zuvor zwei Stunden lang gesehen hat, war ein atemloser Horrorfilm, ein Kasperletheater mit Kermit dem Frosch und Miss Piggy, ausgestattet mit Maschinengewehren und Baseballschlägern. Wir haben der Krönung eines lächerlichen, hässlichen, gewaltliebenden und gewalttätigen Königs beigewohnt. Einfach alles ist hoffnungs- und hemmungslos überladen, schrill, bunt, laut, ein einziger Trash: die Bühne von Katrin Hoffmann, die Kostüme von Andy Besuch, die Musik von Matthias Grübel, die Videos von Michel Auder und Meika Dresenkamp. Wenn das Publikum auf dieses absurde Theater mit Lachen reagiert, wird es von Benny Claessens zurechtgewiesen: „Es! Ist! Nicht! Lustig! Es! Ist! Jelinek!“
Atemlos über die Bühne
Nein, es ist alles überhaupt nicht lustig seit dem Wahltag, der sich an diesem Freitag zum dritten Mal jährt. Am gleichen Abend, am 8. November 2016, hat sich Elfriede Jelinek hingesetzt und ihre Fassungslosigkeit über Donald Trump in dieses Theaterstück gegossen. So atemlos, wie sie es geschrieben hat und wie es nun auf der Bühne wirkt, ist es inszeniert worden. Schon am 28. Oktober 2017 war die Uraufführung von „Am Königsweg“ am Hamburger Schauspielhaus, auf die Inszenierung von Falk Richter folgten etliche weitere auf deutschen Bühnen.
Falk Richter ist nicht nur ein erfolgreicher Regisseur, er machte zuerst als Dramatiker auf sich aufmerksam. „Gott ist ein DJ“ hieß 1998 eins seiner ersten Stücke. Damals stand der Schöpfer am Mischpult. Wer diesmal die Regler bedient und das System organisiert, diese Frage beantworten Jelinek und Richter nicht. Kermit der Frosch schon mal nicht: „Du bist gefeuert.“ Irgendwie der globale Finanzkapitalismus. Aber die Deutsche Bank ist hier ein unscheinbares Möbelstück aus hellem Holz. Fragil wie die Weltkugel in Form eines riesengroßen Wasserballs, die in sich zusammensackt, nachdem der König sich draufgesetzt hat.
Zwitscher-zwatscher mit Publikum
Der Name Trump fällt kein einziges Mal. Aber natürlich geht es um ihn, um seine Immobilien, Golfplätze und Casinos, es regnet Dollarscheine, er twittert („Zwitscher-zwatscher“) und stellt mit all dem die Frage in den Raum, ob Kermit der Frosch als König vielleicht besser taugen würde. Ja, es geht um Donald Trump. Gleichzeitig geht es aber um uns, die weißen Privilegierten in der Bundesrepublik Deutschland, die sich herrlich echauffieren können über einen Präsidenten, der gar nicht ihrer ist und die gleichzeitig von den eigenen kolonialen Verbrechen in Namibia nichts wissen möchten. „Wir haben ausgeredet“, sagen die großartigen Schauspieler zu Beginn des zweiten Teils, schauen das Publikum an, und das Publikum schaut zurück. Wer zuerst zuckt, verliert.
Natürlich sind der Worte noch nicht genug gebrüllt. Das Ensemble (Benny Claessens, Matti Krause, Anne Müller, Tilman Strauß, Julia Wieninger und Frank Willens) wendet sich immer wieder von der Weltpolitik ab und dem Zustand des deutschen Stadttheaters zu. „Teuer! Teuer! Teuer!“, ruft Benny Claessens, schaut auf die Kulissen und in den Theatersaal und dann auf sich herunter. Sein grotesk blauer Glitzerfummel war immerhin billig, von H&M. „Wir schreiben Spielzeitbücher voller Diversität und schaffen es noch nicht mal hier.“ Das Publikum, das ja wenigstens da ist, wird immer wieder dafür beschimpft, zu alt zu sein, zu weiß, zu homogen.
Der Tiger auf der Galerie, die antiken Säulen, die Trumps Wahl mit einem Sophokles-Drama gleichsetzen, die ständigen Bilder auf der Videowand, „Country Roads“ am Lagerfeuer – es ist die totale Reizüberflutung. Und dann kommt Ilse Ritter auf die Bühne, 75-jährige Theaterlegende, eine Künstlerin des Nichtbrüllenmüssens, um sich Gehör zu verschaffen. Man kann sie als blinde Seherin oder alter Ego der fast gleichaltrigen Elfriede Jelinek interpretieren: verstört von alledem, ratlos und am Ende einfach müde, so müde.