Kultur
Interview mit Kulturberater Roderick Haas: Wer hilft der freien Szene im Land?
Herr Haas, was ist Ihre Aufgabe?
Meine Aufgabe ist es, Anfragen von Kulturschaffenden aus dem südlichen Rheinland-Pfalz hinsichtlich der Auswirkungen durch die Corona-Krise zu beantworten. Zumeist auf telefonischem Wege, aber auch per Mail und Social Media gehen viele Anfragen ein.
Wie viele Anfragen erreichen Sie?
Auf den verschiedenen Kanälen zirka zehn Anfragen täglich. Es können tagesaktuell auch mehr werden.
Wie beurteilen Sie die Situation?
Die Situation ist für die Kulturschaffenden im Lande, insbesondere für die Freiberufler, alles anders als einfach. Zu den direkten finanziellen Belastungen durch Ausfälle bei Honoraren und Veranstaltungen kommt vielfach eine große Unsicherheit hinzu, wie es in den kommenden Monaten weitergeht. Aber auch Kulturinstitutionen und Vereine sind von den Auswirkungen oftmals direkt und einschneidend betroffen.
In einem Offenen Brief der freien professionellen Theater heißt es kritisch, Ihr Wirkungsspektrum erschöpfe sich darin, Lotse im Info-Dschungel zu sein. Für verbandlich organisierte und ehrenamtliche Kulturschaffende hätten Sie keine Funktion. Was können Sie tatsächlich tun?
Unsere Aufgabe besteht darin, zuerst einmal genau den jeweiligen Beratungsbedarf zu erfassen und zuzuhören. In einem zweiten Schritt können wir dann darüber informieren, was für konkrete Hilfsmaßnahmen für die jeweiligen Bedarfe abrufbar sind. Auf Seiten des Landes gibt es hier bereits beschlossene Erleichterungen bei Förderanträgen, etwa bei einer Verlängerung von Bewilligungszeiträumen, oder dass auf Rückforderungen von Fördermitteln so weit wie möglich verzichtet wird, wenn Veranstaltungen oder Projekte aufgrund der Pandemie nicht umgesetzt werden können. Wir raten darüber hinaus dazu, alle durch die aktuelle Krise bedingten Ausfälle genau zu dokumentieren.
Die freien Theater beklagen aber, dass die Landesförderung nur ein Drittel der Szene in signifikantem Umfang erreicht?
Hier möchte ich darauf hinweisen, dass sicher noch nicht alle Fragen geklärt sind, und offene Bedarfe gerade von den Verbänden und uns Beratern erfasst werden, so dass eine Landesförderung noch besser und zielgerichteter greifen kann. Hier sind wir in mit dem Ministerium in täglichem Austausch.
Das Land beruft sich auf das Hilfspaket für Soloselbstständige. Wie sehen die bürokratischen Hürden dafür aus?
Hier muss man differenzieren. Bei dem Hilfspaket für Soloselbstständige handelt es sich ja um ein Bundesprogramm, bei dem das Land mittels eines eingerichteten Zukunftsfonds die Zuschüsse des Bundes mit Sofortdarlehen für Unternehmen bis zu zehn Beschäftigten ergänzt und die Soforthilfen auf Unternehmen bis zu 30 Beschäftigte erweitert. Hiervon können Kleinunternehmer und Freiberufler profitieren, sofern sie unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Folge von Corona leiden. Laufende Betriebskosten wie Mieten oder Kredite für Betriebsräume sollen über diesen Fond gedeckelt werden. Geht es um die persönliche Existenzsicherung jedes einzelnen Betroffenen, erleichtert die Bundesregierung zusätzlich für Soloselbstständige den Zugang zur sozialen Grundsicherung.
Der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Rheinland-Pfalz beklagt aber, dass zum Beispiel eine Soforthilfe mit Rückzahlung nicht hilft, weil die Lage der Künstlerinnen zu prekär ist. Die Theater bemängeln, dass es an der Realität vorbeigehe, Betriebskosten geltend zu machen, Fixkosten etwa. Oft hätten die Theaterleute ihre Ausstattung in Privaträumen untergebracht. Viele Probleme, was sagen Sie den Anfragenden dazu?
Das sind Fragen, die in der Tat aktuell noch zu klären sind – wie auch die Frage inwieweit gemeinnützige Vereine von den Hilfen partizipieren können. Viele Vereine unterhalten ja auch einen wirtschaftlichen Bereich, etwa im Zweckbetrieb. Bei diesen Fragen gelten wir aber weiterhin als Ansprechpartner, genau wie die Fach-Referenten im Ministerium, und informieren über neue Entwicklungen. Ein offener und produktiver Austausch ist hier jetzt wichtig, so dass wir für die neu aufkommenden Problemstellungen gemeinsame Lösungen finden.
Was würden Sie einer Künstlerin raten, deren Ausstellungen abgesagt sind, deren Galerie geschlossen ist. Die keine Fördermittel beantragt hat. Aber ihre Ateliermiete muss sie weiterzahlen?
Hier haben wir ja den eben angesprochenen Fall der Soforthilfe bei Selbständigen, wobei immer erst einmal gefragt werden muss, in welcher Rechtsform sie sich genau befindet. Nach meinen Kenntnisstand erhält sie für die Zahlung der Ateliermiete aus dem Soforthilfeprogramm des Bundes einen Betriebskostenzuschuss. Darüber hinaus frage ich immer, ob die Künstlerin Mitglied bei der Künstlersozialkasse oder anderen Verwertungsgesellschaften und Verbänden ist. Die halten für Ihre Mitglieder spürbare Erleichterungen und teilweise auch Fonds vor. Auch steuerlich können finanzielle Erleichterungen geltend gemacht werden. Hier möchte ich noch einen wichtigen Punkt unserer Beratung ansprechen. Es geht oftmals auch darum, Mut zu machen und zu vermitteln, dass sie nicht alleine „auf weiter Flur“ agieren, sondern dass wir gerade bei diesen Fragen ansprechbar sind.
Was würden Sie einem freien Institution wie dem Herxheimer Theater Chawwerusch in der erzwungenen Spielpause raten?
Für Chawwerusch als Verein stellt sich auch hier wieder die Frage, ob es eventuell einen wirtschaftlichen Bereich gibt, und man muss auf den aktuellen Schwebezustand hinweisen. Darüber hinaus ist zu eruieren, wie man kreative neue Wege gehen kann. Ich weiß, gerade die Theater sind hier sehr experimentierfreudig, und ich kenne auch bereits einige interessante Konzepte, die zum Beispiel mit Livestreams oder Gutschein-Systemen arbeiten. Interessant finde ich auch Ansätze, wie zum Beispiel, „Tickets für die Zukunft“ zu kaufen, also ein Theater für ein kommendes Stück bereits zu entlohnen und so die Produktion zu unterstützen. Grundsätzlich geht es aktuell wohl sehr darum, wie sich eigentlich sehr analoge Ausdrucksformen ins digitale transferieren lassen. Das gilt alles sicher nicht nur für Chawwerusch, die ja seit vielen Jahren ja eine ganz tolle Theaterarbeit machen.
Wäre jetzt nicht ein Art bedingungsloses Grundeinkommen für Kulturschaffende die Lösung?
In meiner Funktion als Kulturberater und für die Beratung stellt sich ja die Frage aktuell nicht, da es nicht auf der direkten politisch umgesetzten Agenda zu sein scheint. Meine persönliche Meinung hierzu ist, dass die aktuelle Krisenzeit sicher eine ist, die Fragen nach existenzieller Lebenssicherung gerade für Künstler und Kreative verstärkt ins Rampenlicht bringt. Hier müssen sicher viele Wege bedacht werden. Ob es nicht zumindest partielle und zeitlich befristete Sicherungsmechanismen wie bedingungslose Grundsicherungen braucht, ist hierbei sicher diskussionswürdig.
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