Kultur Interview: Intendant Thorsten Schmidt über „Heidelberger Frühling“

Die Heidelberger Stadthalle: Hier schlägt das Herz des „Frühlings“.
Die Heidelberger Stadthalle: Hier schlägt das Herz des »Frühlings«.

Der 1962 geborene Thorsten Schmidt ist das Gesicht des „Heidelberger Frühlings“ – seit der Gründung des Festivals 1997. Ohne Thorsten Schmidt würde es dieses außergewöhnliche, neue Formate austestende, neue Wege gehende, neue Horizonte eröffnende Klassik-Festival nicht geben. Er hat es ins Leben gerufen, und er ist immer noch voller Motivation. Amtsmüdigkeit jedenfalls kennt er nicht.

Seit 1997 gibt es nun schon den „Heidelberger Frühling“, seit 1997 sind Sie für das Festival verantwortlich. Kennen Sie so etwas wie Amtsmüdigkeit? Wie motiviert man sich Jahr für Jahr?

Das ist eigentlich ganz einfach, weil ich nie den Eindruck gehabt habe, dass wir mit irgendetwas fertig sind. Immer wenn wir unsere Ziele erreicht hatten, alle Träume erfüllt schienen, kamen neue Ideen, neue Projekte in den Blick. Gefühlt sind wir in einer neuen Gründungsphase. Ich erlebe wieder die Chance, Neues zu entwickeln, nur auf einer Stufe ganz neuer Möglichkeiten, die wir uns erarbeitet haben. Es wird also nie langweilig, und Amtsmüdigkeit gibt es absolut keine. Wie viel Thorsten Schmidt steckt denn drin im „Frühling“? Anders gefragt: Könnte Ihr nun ja durchaus schon erwachsenes Kind auch ohne seinen Vater auf eigenen Füßen stehen? Ich glaube, jeder verantwortungsvolle Gründer handelt genau so, wie auch Eltern handeln. Man versucht, die Weichen so zu stellen, dass die Kinder irgendwann auch gut alleine laufen können. Natürlich hinkt der Vergleich ein wenig. Ein Festival braucht ja – anders als ein Kind – auch dann noch Impulse, wenn es längst schon erwachsen ist wie der „Frühling“. Bis zur Pubertät kann man das vielleicht aber ganz gut vergleichen. Es steckt sicherlich viel von mir in der Tonalität des Festivals, in der Art und Weise, wie sich das Festival darstellt: unsere Arbeit mit dem Publikum, der grundlegende Ansatz unseres Programms, der Versuch, eine Mischung zu finden zwischen Repräsentationskultur, die ein Festival stets auch ein wenig mit abdeckt, und Wagnis. Ein Festival entwickelt über die Zeit eine Identität, und diese Identität ist sicher mit den Personen verbunden, die es konzipieren. 22 Jahre hinterlassen ihre Spuren. Aber natürlich bin ich das nicht alleine, da gibt es Kolleginnen und Kollegen, auch Weggefährten. Das Festival ist immer ein Gemeinschaftswerk. Sie haben inhaltliche Verantwortung delegiert, etwa an Igor Levit für die „Standpunkte“. Wie wichtig sind solche Weggefährten wie Levit, zu denen ja noch zahlreiche weitere Künstler wie Jörg Widmann, Thomas Hampson oder Thomas Quasthoff zu zählen sind, um nur Beispiele zu nennen? Ich halte Weggefährten für sehr wichtig, weil nur durch einen regelmäßigen Austausch neue Impulse gesetzt werden können. Und der erste, mit dem ich in einen solchen intensiven Austausch getreten bin, war der von Ihnen genannte Jörg Widmann. Mit ihm habe ich in endlosen Diskussionen wirklich um die Konzertformate gerungen. Das hat meine Arbeit stark geprägt. Genauso wie Jörg Widmann und Igor Levit bin ich jemand, der auch einmal ein bereits feststehendes Konzept wieder über den Haufen wirft, wenn plötzlich eine neue, bessere Idee dazugekommen ist. Es geht nicht ums Erledigen, sondern darum, das Richtige zu tun. Können Sie etwas zu dem Motto des diesjährigen „Frühlings“ sagen: „Eigen-Arten“, das ist ja ein eher eigenartiges Motto. Was ist damit gemeint? Wir sprechen eher von einem Leitgedanken, der bestimmte Schwerpunktprojekte des Festivaljahrgangs prägt, aber natürlich nicht jede der weit über 100 Veranstaltungen. Wir sind ja im zweiten Jahr einer Trilogie, die um Kernmotive der Aufklärung kreist. Im vergangenen Jahr haben wir uns damit beschäftigt, wie wir dem Fremden begegnen, es ging also um Toleranz. Dieses Jahr geht es um die Frage: Was macht uns aus? Es geht um Werte und Errungenschaften der westlichen Welt, historisch betrachtet vor allem von der angelsächsischen Aufklärung. Das große Thema heißt hier Freiheit. Vor diesem Hintergrund geht es auch darum, wie die Aufklärung Menschen als Individuen prägt, was uns als Individuen ausmacht. Welche Rolle spielt Freiheit? Welche Rolle spielt die Demokratie? Welche Rolle spielen Menschenrechte? Und dann natürlich die Frage: Kann ich es mir leisten, wegzuschauen, wenn momentan in vielen Ländern diese Werte der Aufklärung mit Füßen getreten werden? Wie politisch sollte denn die Kunst im Allgemeinen sein? Diese Frage ist so groß, so umfangreich, so global, die kann ich eigentlich nicht beantworten. Ich kann Ihnen aber vielleicht etwas dazu sagen, wie politisch der „Frühling“ ist. Gerne. Entscheidend ist doch, dass Musik, dass Kunst auch im Zeitkontext zu sehen ist. Sie entsteht unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen. Hier spielt auch Politik eine Rolle. Beispiel Haydn: Seine Musik kann immer auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass er Angestellter eines absolutistischen Herrschers war, der ihn an manchen Stellen eingeschränkt hat, ihm dafür aber auch die Möglichkeit eines Labors gegeben hat, in dem er experimentieren konnte. Über Beethoven müssen wir nicht sprechen. Er hat sich zu den gesellschaftlichen Umständen ganz konkret geäußert. Bezogen auf den „Frühling“ heißt das für mich: Ein Festival, das wahrgenommen wird, das in der Öffentlichkeit steht, hat, so meine ich, auch die Aufgabe, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, Fragen aufzuwerfen. Etwa die Frage, ob sich die momentane Situation mit dem Erstarken von Rechten und Nationalisten mit einem aufgeklärten Europa vereinbaren lässt. Der „Frühling“ soll also auf jeden Fall eine Relevanz haben in gesellschaftlichen Fragen, ohne jetzt ein dezidiert politisches Festival zu sein. Dann wechseln wir doch mal zu den politisch Verantwortlichen. Kultur wird gerade auf kommunaler Ebene immer mehr in Frage gestellt, weil sie als freiwillige Aufgabe mehr diffamiert als deklariert wird. Eine Studie hat aber gerade festgestellt, dass von jedem Euro des insgesamt 810.000 Euro umfassenden städtischen Zuschusses zum „Frühling“ vier Euro wieder zurückfließen in die Stadt. Wieso kann man dann noch glauben, Kultur sei eine Art Luxus, den man in Krisensituationen streichen kann? Solche Studien, die es ja nicht nur bei uns gibt, haben tatsächlich eine hohe Relevanz. Diese Zahlen beweisen, dass wir durch die Kulturförderung auf der einen Seite etwas für die Stadtgesellschaft bewirken können, und dass diese Förderung eben keine freiwillige Aufgabe ist, die in jeder kritischen Situation gestrichen werden kann. Wenn Kulturförderung klug eingesetzt wird, dann kann sie auch ein Wirtschaftsfaktor sein. Das wird aber leider nicht gesehen. Ich bin überzeugt, dass nicht die Kulturpolitiker, sondern die Finanzpolitiker sich diese Zahlen genauer anschauen und überlegen sollten, welches Potenzial vorliegt. Aber da stoßen Sie im Moment immer noch auf eine unfassbare Arroganz. Der Charme des Festivals besteht auch in seiner Präsenz in der ganzen Stadt. Dennoch wird ein Konzertsaal auch von Ihnen schmerzlich vermisst. Wie groß ist die Sehnsucht in Ihnen nach einem solchen Saal? Diese Sehnsucht ist natürlich immer noch da, und ich war ein vehementer Befürworter eines neuen Konferenzzentrums für Heidelberg, in dem auch ein Saal hätte integriert sein können für groß besetzte Sinfoniekonzerte, die von der Größe her eigentlich nicht optimal in die Stadthalle passen. Die Konzertnutzung im neuen Konferenzzentrum wird nicht kommen, stattdessen werden gerade die Weichen gestellt, die Stadthalle zu einem besseren Konzertsaal umzubauen. Sie ist jetzt schon ein wunderbarer Ort für Klavier- und Liederabende, für Kammermusik, aber auch für Kammerorchester. Wir kämpfen jetzt für die Optimierung dieser Stadthalle, da gibt es ein unglaubliches Potenzial. Könnte das Festival noch größer, noch erfolgreicher sein mit einem Konzertsaal? Die Ertüchtigung der Stadthalle wäre jedenfalls ein sehr sinnvoller erster Schritt. Als Salzburg gestartet ist, gab es kein Großes Festspielhaus, kein Haus für Mozart, und es sagt ja niemand, dass mein Nachfolger vielleicht nicht doch mit einem Konzertsaal auf der sprichwörtlichen „grünen Wiese“ wird arbeiten können. Wagen Sie doch zum Abschluss mal einen Blick in die Zukunft: Wie wird der „Frühling“ in fünf, in zehn Jahren aussehen? Wohin könnte die Reise des Festivals gehen, wie soll es sich weiterentwickeln? Fünf Jahre sind ja ein kurzer Zeitraum, in den auch unser 25. Geburtstag fällt, den wir hoffentlich in einer wiedereröffneten Stadthalle in neuem altem Glanz feiern können. Das wird unsere Arbeit beeinflussen, weil wir dann andere Möglichkeiten in diesem Gebäude haben werden. In sechs, sieben Jahren soll der „Heidelberger Frühling“ aus meiner Sicht noch viel stärker das sein, was ein Festival eigentlich ausmachen soll: ein Treffpunkt zu sein, nicht nur für das Publikum, sondern auch für Kolleginnen und Kollegen anderer Festivals. Eine Plattform zu bieten für Projekte internationaler Kooperationspartner. Und einen Raum zu schaffen, an dem man sich über die Zukunft des Konzertes austauscht. Kontakt Karten und weitere Infos zum „Heidelberger Frühling“ finden Sie auf der Internetseite des Festivals: www.heidelberger-fruehling.de

Thorsten Schmidt
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