Tanz
Holla die Waldfee: Florentina Holzingers Provokationsspektakel „Tanz“
Florentina Holzinger? Abseits des Stadttheaters zumindest sind die krawallige Österreicherin und ihre nackt zelebrierte Schmerzlustkörperkunst, na ja, Anbetungsgegenstand. Sie ist Boxerin. Kampfkünstlerin. Extrem-Performerin mit mehrfach gebrochener Nase, eine sturzbedingte Schneidezahnlücke hat sie jahrelang stolz getragen. Seit der Einladung zum Berliner Theatertreffen gilt sie quasi offiziell als berühmt-berüchtigt und wird hochkulturell veranschlagt.
Nominiert war sie für das 2019 entstandene Provokationsspektakel „Tanz“, jenem eben, das am Mittwoch bei den Ludwigshafener Theaterfestspielen auf die Bühne kracht. Der Untertitel „Eine sylphidische Träumerei“ fehlt. Indiz dafür, dass „Tanz“ auch ohne bildungsbürgerliche Zusatzaufladung zum Klassiker mutiert ist.
„Kein Applaus für Scheiße“
„Kein Applaus für Scheiße“ hatte das erste Stück der an der Amsterdamer New School of New Dance Development ausgebildeten Holzinger aus dem Jahr 2011 geheißen. Ihr jüngstes, jetzt als Artist in Residence an der 2021 von René Pollesch übernommenen Berliner Volksbühne choreographiert, nimmt Dantes „Göttliche Komödie“ zum ausufernden Anlass. Dramatisch, wie der Ruf der 35-Jährigen gelitten hat. Von der gefeierten Außenseiterin ist sie zur Betriebs-„Tanztheaternervensäge“ geworden, wie „Welt“-Lästermaul Manuel Brug Holzinger letztens beschrieb. Die „selten erfahrbaren Verbindungen zwischen Obszönität, Schönheit, Provokation, Zärtlichkeit, Ekel und Intimität“ heißen plötzlich geheimnisloser „Pseudoprovokationsmurx“. Wie die Abstrafung von Aufsteigerinnen halt so läuft. Kann allerdings gut sein, dass, wie man das jenseits der professionellen Übersättigung einschätzt, vor allem damit zusammenhängt, wie musikalisch und bereit jemand ist für die angebotene, schmerzhafte Erfahrung. Oder wie nervenstark.
Die Primaballerina als Dompteuse
„Tanz“ jedenfalls beginnt harmlos, um sich ins Nirwana zu steigern. Die 80-jährige Beatrice Cordua betritt die Bühne – na und? – so wie Gott sie schuf. Das heißt: plus der unabänderlichen Daseinsversehrung. Eine lebende Ballett-Legende, Primaballerina bei John Neumeier und Tänzerin bei Theaterberserker Johann Kresnik. Jetzt gibt „Trixie“ die sexuell übergriffig werdende Dompteuse des Abends souverän. Eine klassische Ballettstunde wird von ihr abgehalten, Plies und Jétes, „Musik bitte, Maestro“, die Elevinnen nach und nach nackt. Ein Zustand, der sich bis zum Ende des zweistündigen Abends nicht ändert.
Am Fleischerhaken
Eine der elf Tänzerinnen kreist dann, aufgehängt an in ihren Rücken getriebenen Fleischerhaken, haushoch bodenabgehoben in der Luft. Reitet, live auf zwei Großbildschirme übertragen, auf einem Besen, blutverschmiert. Besudelt wie ihre Kolleginnen, die alsbald ein letztes Mal Ballettpositionen exerzieren – geläutert, irgendwie transformiert von den Verausgabungsexzessen, die sie hinter sich haben. Auf ein höheres Level der Anmut zugerichtet und selbst schuld. „On a completly different level“, wie es heißt. Es wird durchgängig Englisch geredet. Der Ursprung für den Hexentanz aber ist die französische Ballettpantomime „La Sylphide“ von Adolphe Nourrit und Jean-Madeleine Schneitshoeffer, die aus dem Jahr 1832 stammt.
Las Vegas und Oberammergau
Das Original ist der Inbegriff des Romantischen, mit Spitzentanz und Tutu und trallala, geschlechtslose Waldfeen schweben seelen- und schwerelos im Mondlicht. Bei Holzinger werden aufgehängte Motorräder bestiegen, statt Unschuldsengel cruisen Rockerbräute breitbeinig am Theaterhimmel. Und apropos, vor gynäkologischen Ansichten darf keine Angst haben, wer das zunehmend sich eindüsternde und wilder werdende Geschehen verfolgt. Ein assoziativer Bilderreigen zwischen Klassik, Akrobatik, Kampfkunst, Märchen, Performance und Pornografie, Las Vegas und Oberammergau. Eine feministische Teufelsaustreibung des schönen Scheins Tanz, toxisch weiblich gleichzeitig, eine Selbstermächtigung. Kettensägenmassaker und Pinkelpausen auf offener Bühne inklusive.
Die Geburt einer – immerhin – Plastikratte ist zu erleben. Kunstblut spritzt. „Pulp Fiction“ scheint in die Inszenierung gefahren, Hass à la Stanley Kubrick, Horror, den abschüssigen Filmen eines Dario Agrento aus den Siebzigerjahren ähnlich. Der Wiener Aktionismus eines Otto Muehl ist einer der verständlichen Referenzen. Am Rand bürstet sich die Hexe des Abends grob die Haare wie Marina Abramovic in ihrer Performance über das Schönseinmüssen der Kunst.
Der männliche Blick
Der Mann an sich indes ist durch seinen einkalkulierten Blick allgegenwärtig. Oder wie Holzinger das sagt: „Der Ballettschuh ist der ultimative Phallus“. In einem Zwischenspiel fragt Florentina Holzinger so – nackt wie sie nun mal ist – nach Spenden für ein fadenscheiniges Umweltprojekt. Leiser Spott über die historisch verbürgte Praxis, dass sich in der Pariser Ballettwelt männliche Gönner hochoffiziell an die Tänzerinnen wanzen durften. In Ludwigshafen zückt ein Typ 50 Euro. „Geiler Scheiß“ sagt eine Frau in den Schlussapplaus. So lässt sich das natürlich auch sagen.