Nachruf RHEINPFALZ Plus Artikel Hoffentlich ist der Himmel eine Bibliothek: Zum Tod von Peter Weibel

„Ich würde ja gerne aufräumen, darf aber nicht“: Peter Weibel.
»Ich würde ja gerne aufräumen, darf aber nicht«: Peter Weibel.

Der österreichische Kunst- und Theoriezampano Peter Weibel hat in seinen 24 Jahren als Direktor das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien weltberühmt gemacht – als Bauhaus der Zukunft und badisches Centre Pompidou. Jetzt ist der Unruheherd des Kunstbetriebs kurz vor seinem 79. Geburtstag gestorben.

Die Schau sollte sein „Vermächtnis“ werden, schlimm, dass „Renaissance 3.0“ die letzte Ausstellung des Hunderttausendsassas Peter Weibel geworden ist. Er ist tot. Gestorben aus dem Nichts. Er wurde fast 79. Die historisch-futuristische Überblickspräsentation über Kunst und Technik öffnet am 25. März im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM).

Im April wollte der Österreicher Weibel nach 24 Jahren im Direktorenamt dort abtreten, um nach Wien in eine Art Fahrstuhl zu ziehen, der zwischen zwei Büchertürmen mit seinen 120.000 Büchern auf und ab fährt. Die Linie der „Renaissance 3.0“-Schau wird sich derweil Weibel-typisch von den Musikapparaten und roboterartigen Figuren aus der Zeit der arabischen Renaissance von 800 bis 1000 bis zur angebrochenen Zukunft der Künstlichen Intelligenz, Genetik, Biochemie und des Informationsdesigns bewegen. Ihre These von der Verwissenschaftlichung der Kunst und die zu erwartende Tendenz zur Überforderung entsprechen dem Turbodenker Weibel vollends.

Eigentlich unvorstellbar, dass sie jetzt ohne den ehemaligen Film-, Komparatistik-, Medizin-, Mathematik- und Logik-Studenten stattfinden soll. Wissen war für den 1944 in Odessa geborenen Sohn einer russischen Mutter und eines Wehrmachtsoffiziers nicht schnöde Macht, sondern alles. Sein Leben. Als Kind wuchs Weibel weit weg davon auf der Flucht und als displaced person in amerikanischen Lagern in Oberösterreich auf.

Er sei eigentlich nur krank gewesen damals, erzählte er einmal aus dieser Zeit. Heimgesucht von Parasiten. Der Hunger ständiger Begleiter. Aus dem kränkelnden Kind ist eine bis zum Schluss imposante Erscheinung mit hoher Stirn, zurückgekämmten Haar und in ausgetretenen Loafern geworden. Ein Künstler, ein Theorie-King. Legendär die von seiner Gedankenflut überschießende Sprache, die die Dichterin Friederike Mayröcker einmal „stenographierend“ nannte.

Chaos und Untertitel

Dazu der starke österreichische Akzent, der dazu führte, dass selbst das einheimische Fernsehen bei Interviews Untertitel mitlaufen ließ. Das Chaos in seinem Büro, das nur er als ausufernder Charakter – und Ego - beherrschte. Er hatte einen Zettel aufgehängt, auf dem stand: „Ich würde ja gerne aufräumen. Darf aber nicht. Das Büro wurde zum Weltkulturerbe erklärt.“ Weibel hat das ZKM – zumindest in Fachkreisen – zu einer Weltberühmtheit gemacht. Es wurde Ende der Achtziger von der Stadt Karlsruhe, dem Land Baden-Württemberg und dem Wormser Kunsthistoriker und Gründungsdirektor Heinrich Klotz als postmodernes Bauhaus in den Hallen einer ehemaligen NS-Munitionsfabrik gegründet. Weibel funktionierte es zu einer einzigartigen interdisziplinären Institution zwischen Kunst, Wissenschaft, Medien und Musik um, zu einem strahlenden Haus der Kulturen. Ganz in dem Sinn hatten schon seine Anfänge als Ausstellungsmacher in den Siebzigern ein radikales Alleinstellungsmerkmal.

Kunstschauen waren bei ihm von Anfang „primär als ein „intellektuelles, philosophisches und auch künstlerisches Medium“ zu verstehen, wie er das selbst beschrieb. Ein Anlass zum Denken. Im ZKM dann wurde ab 1999 die „Weibelian Tradition“, von der die vergangenes Jahr gestorbene französische Soziologiestar Bruno Latour einmal sprach, zur Perfektion getrieben. Die Arbeit mit Archiven und die sperrangelweite Öffnung für die Theorie, von deren Impulsen Kasseler Großschauen, wenn sie gut sind, immer noch zehren.

Im Weibel-ZKM wär man manchmal hoffnungslos verloren, weil den Gedankenflügen des Hausherrn nur schwer zu folgen war. Anderseits lässt sich dort auch „Pacman“ spielen und Videogames der ersten Stunde. Weibel saß derweil zwischen seinen Bücher- und Zettelbergen.

2004 installierte er ein Labor für Videosysteme und Medienkunst, das die Künstlerin Dorcas Müller leitet und in dem auch das New Yorker MoMa seine historischen Kunstwerke der Gattung restaurieren lässt. Er vergab zahllose Forschungsaufträge, stritt für die Open-Source-Bewegung, etablierte ein fulminantes Soundlabor mit Klangdom und richtete ein eigenes TV-Aufnahmestudio ein. Weibel blieb ständig auf Sendung und war während des Corona-Lockdowns mit der Digitalisierung dort, wo andere nie hinkommen werden. Ein Museum „digital only“, warum nicht? Für ihn, sagte der Skriptomane, sei das eine Vorstellung, die ihm sympathisch erschien. Immer weiter schrieb er sich die Seele wund und produzierte en suite Enzyklopädien zur Gegenwartskunst mit schönen Titeln wie „Lichtkunst aus Kunstlicht“, feierte Beuys, resümierte die Geschichte der sogenannten Sound Art und der Bildhauerei des 20. und 21. Jahrhunderts, Titel „Negative Space“. Das Werk ist im Verlag des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge erschienen, eine der weltweit führenden Spitzenuniversitäten. Zum Schluss allerdings hatte sich der im Gespräch sehr zugewandte Mann einigermaßen verrannt: als Mitinitiator des im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine verfassten Emma-Briefes gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine, in der er ja geboren war.

Die Kunst des Gassigehens

Auch bei dem an Bundeskanzler Olaf Scholz gerichteten, hoch umstrittenen „Manifest für Frieden“ von Sarah Wagenknecht gehörte er zu den Erstunterzeichnern. Seinen Status als Intellektueller wird das dennoch nicht nachhaltig beschädigen. Lieber denken wir ohnehin an die Anfänge des unruhigen Geistes und ewigen Unruheherds im Kunstbetrieb, damals auch ein Künstler, der selbstredend an Neuem interessiert war, an Fluxus, der Konzept- und Performance-Kunst. Einmal ließ er sich aus Protest gegen die „Gewalt der Sprache“ die Zunge in einen Block einbetonieren und büßte dabei ein Stück ein. Vielleicht das berühmteste Werk, an dem er beteiligt gewesen ist, war aber: 1968, die Aktion, als seine Kollegin Valie Export ihn an die Leine nahm und durch die Wiener Innenstadt Gassi führte – er auf allen Vieren. Als Hund. Ein Skandal, eh. Noch ein Vermächtnis. Baba, Peter Weibel. Wir sind traurig. Er wird bleiben. Der Himmel ist bestimmt eine Bibliothek.

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