Kultur Hirn hinter Nase

So sah er nicht aus, aber so wurde er berühmt: Gérard Depardieu als Cyrano de Bergerac.
So sah er nicht aus, aber so wurde er berühmt: Gérard Depardieu als Cyrano de Bergerac.

Cyrano, der Kinoheld, kämpft wie d’Artagnan und seine Musketiere mit den Gascogner Kadetten im Französisch-Spanischen Krieg. Literarischer Nachruhm ist diesen verwegen romantischen Mantel- und Degenhelden dank Alexandre Dumas und Edmond Rostand gewiss. Letzterer ist der Autor einer 1897 uraufgeführten Verskomödie, die Cyrano de Bergerac unsterblich machen sollte: die traurig-schöne Geschichte des unsterblich in seine Cousine Roxane verliebten Gascogners, der sich seiner großen Nase schämt und stattdessen für seinen Kameraden die anrührendsten Liebesgedichte schreibt. Der wahre Cyrano hatte wohl weder eine sein Gesicht verunstaltende Nase noch war er Gascogner, sondern vielmehr der in Paris geborene, lebenslustige Enkel eines Fischhändlers, der am 6. März 1619 im heutigen 2. Arrondissement das Licht der Welt erblickte und später, sagte er jedenfalls, zum Mond und zur Sonne flog. Hatte der Großvater sich als Lieferant des Hofes und Ratgeber des Königs bereits einen Adelstitel erworben, so trug sein Sohn, Abel de Cyrano, ihn als Advokat des Obersten Gerichts völlig zurecht. Die einzige Spur nach Bergerac führt nun auf ein vom Großvater erworbenes Landgut nahe Paris, deren Vorbesitzer aus Frankreichs Südwesten stammten. Und so nannte sich der nach seinem Großvater genannte Hector Savinien Cyrano kurzerhand de Bergerac. Dass der Gascogner in Wahrheit waschechter Pariser war, kam erst um 1860 ans Tageslicht, als der Historiker Auguste Jal seine Taufurkunde entdeckte. Es waren unruhige Zeiten für die europäische Geistesgeschichte, als das vierte Kind von Abel de Cyrano und seiner Gattin Espérance geboren wurde: In Prag war im Jahr zuvor ein Krieg um den richtigen Glauben ausgebrochen, der 30 Jahre dauern und Europa spalten sollte; in Frankreich spielt sich ein Familiendrama um die Macht ab, aus dem der jugendliche König Ludwig XIII. als scheinbarer Sieger hervorgeht und die Regentin, seine Mutter Marie de Medici, vom Hof verbannt, in dem als lachender Dritter aber Kardinal Richelieu die Fäden zieht. Noch gilt das Toleranzedikt von Nantes von 1588, das den Protestanten volle Bürgerrechte sichert. Aber es gibt auch innerhalb der katholischen Kirche Freidenker: die Jansenisten. Deren Lehre von der Gnade Gottes klingt den einflussreichen Jesuiten verdächtig nach Luther, beide beziehen sie sich schließlich auf die Lehren des Augustinus. Zu Anhängern des Jansenismus zählen unter anderem Jean Racine, Frankreichs großer Tragödiendichter, und der Philosoph Blaise Pascal, zu den großen Widersachern der mächtige Kardinal Richelieu. Als Ketzer verfolgt sind auch andere Freidenker, wie kurz vor der Geburt des jungen Savinien der italienische Theologe und Naturphilosoph Vanini, der im Februar 1619 in Toulouse öffentlich verbrannt wird. In der Bibliothek von Vater Abel findet der Heranwachsende Werke von Erasmus und Rabelais, zwei Bibeln und etliche, hugenottischem Gedankengut nahestehende Traktate. Ob der Knabe auch das jansenistisch geprägte Pariser Collège de Beauvais besucht hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Jedenfalls wird dessen Direktor von ihm später in einer Komödie karikiert. Vieles, was über das Leben des Cyrano de Bergerac bekannt ist, weiß man aus den Beschreibungen seines Jugendfreundes Henry Le Bret: dass er ein Haudegen war, dass er gerne dem Alkohol zusprach, spielte und sich auch sonst als kein Kind von Traurigkeit erwies. Was der gute Freund auch gemeint haben könnte, wenn er „gefährliche Neigungen“ erwähnte, sprachen Historiker erst in den 1970er-Jahren offen aus: Homosexualität. Das aber passt nun ganz und gar nicht ins Bild des von Edmond Rostand geschaffenen romantischen Bühnenhelden. Gemeinsam haben der wahre und der fiktive Cyrano allerdings neben ihrer dichterischen Begabung eine zeitweise Zugehörigkeit zum Garderegiment der gascognischen Kadetten – weswegen man auch Cyrano lange für einen Gascogner hielt. 1639 und 1640 finden wir den historischen Cyrano – höchstwahrscheinlich als unbezahlten Kadetten – im Französisch-Spanischen Krieg (1635-1659), in dem Frankreich vor allem in den Spanischen Niederlanden und gegen die Habsburger um die Vorherrschaft in Europa kämpfte. Ob er, wie Rostands Cyrano, auch an der Belagerung von Arras 1640 teilnahm, ist schon wieder ungewiss. Zurück in Paris setzt der begabte junge Mann seine Studien ebenso wie sein leichtes Leben fort, bewegt sich in Literatenkreisen, befasst sich mit Kopernikus, Galilei, Kepler und deren heliozentristischem Weltbild, das noch im Jahrhundert zuvor auf den Scheiterhaufen der Inquisition geführt hätte, liest die Schriften von René Descartes („Ich denke, also bin ich“) und bringt das Erbe seines Vaters durch. Seit 1643 hat Frankreich wieder einen Kinderkönig (Ludwig XIV., den späteren Sonnenkönig), eine Regentin (Anna von Österreich) und einen Kardinal (Mazarin) als Minister: Die „Fronde“, die sich dagegen erhebt, unterstützt Cyrano zunächst mit Pamphleten, bevor er sich von deren Anführern aus dem Hochadel abwendet und zum Königstreuen wird. In seinen Theaterstücken wie der 1654 gedruckten Tragödie „Der Tod der Agrippa“ oder der Komödie „Der getäuschte Pedant“ wie ihn satirischen Briefen erlaubt er sich erstaunliche religions- und kirchenkritische Wendungen, die einigen Anstoß erregen. Aber er hat einen hohen Gönner: den Herzog Louis d’Arpajon. In dessen Stadtpalais findet er Unterschlupf. Dennoch wird vermutet, dass der Balken, der ihm dort 1654 auf den Kopf fällt, sich nicht zufällig löste ... Ein Jahr nach dem Unfall, der womöglich keiner war, am 28. Juli 1655, stirbt Cyrano de Bergerac, zuletzt gepflegt von seiner Schwester, einer Nonne, in Sannois nahe Paris. Sein Hauptwerk – „L’autre monde“ („Die andere Welt“) – bestehend aus den Teilen „Die Staaten und Reiche des Mondes“ und „Die Staaten und Reiche der Sonne“ – erscheint posthum 1652 und 1662. Mit den von Mond- und Sonnenbewohnern darin gegenüber dem Ich-Erzähler geäußerten gesellschaftspolitischen Gedanken, religiösen philosophischen Ideen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hätte sich jeder Erdbewohner damals den Zorn von Staat wie Kirche zugezogen. Der wahre Cyrano de Bergerac: noch viel wagemutiger als jeder spätere Bühnen- und Kinoheld gleichen Namens.

Das nachträglich kolorierte Porträt von Cyrano de Bergerac auf dem Titelbild seiner Werke.
Das nachträglich kolorierte Porträt von Cyrano de Bergerac auf dem Titelbild seiner Werke.
Mondreise in einer Kiste mit Raketenantrieb, von Cyrano um 1650 vorausgesehen.
Mondreise in einer Kiste mit Raketenantrieb, von Cyrano um 1650 vorausgesehen.
x