Kultur Hart am Leben: Europa rettet die guten Sitten

Placeholder-Image

Zum Glück braucht in Europa niemand den Untergang abendländischer Sitten zu fürchten, solange die EU-Gesetzeshüter auch über die Wahrung moralischer Grundsätze in der Werbung wachen. Seit gestern sind wir (zumindest vorerst, da erstinstanzlich) davor sicher, auf Kaffeetassen, T-Shirts, Schmuck, Schreibwaren und sonstigem Kram den „Fack Ju Göhte“-Aufdruck lesen zu müssen. Die Constantin Film Produktion GmbH wollte den Titel ihrer Erfolgsfilme 2015 als EU-Marke eintragen lassen, war gescheitert und hat nun zunächst erfolglos geklagt. Da versteht das Gericht nämlich keinen Spaß und ignoriert, dass Millionen Kinozuschauer einfach nur brüllten vor Lachen über die satirischen Schulkömodien. Schließlich könne ein solcher Aufdruck uns Verbraucher schockieren. Denn der Begriff spreche sich schließlich aus, wie das englische „fuck you“ und sei damit „nicht nur eine geschmacklose, sondern auch eine anstößige und vulgäre Beleidigung“, die auch durch den Zusatz eines hoch angesehen Schriftstellernamens (Kennen Sie einen Göhte?!) nicht abgemildert werden könne. Wo kämen wir denn auch hin, wenn wir uns täglich in der Werbung nicht nur mit fragwürdigen Wertvorstellungen und unseriösen Körper- und/oder Seelenheilsversprechen, sondern zusätzlich auch noch mit derben, aber wenigstens aus tiefstem Herzen geäußerten Verbalentgleisungen konfrontiert sehen müssten? Der alte Goethe hat es schon lange erkannt: „Ohne Umschweife/Begreife/Was dich mit der Welt entzweit;/Nicht will sie Gemüt, will Höflichkeit.“ | Tatjana Klöckner

Mehr zum Thema
x