Mythos Alltag
Hüterin der Herzen: Das Mysterium Damen-Handtasche
Im Netz, dessen Wege ja unergründlich sind, jetzt erst entdeckt: die krass aufschlussreiche YouTube-Serie „In the bag“ der „Vogue“. Es geht um Handtaschen. Fern der Griffe und Henkel eines der für manche Männer ja schwer fassbaren sein sollenden Mysterien dieser komplizierten Welt. Und es geht um – unter anderem – die Sängerin Lena Meyer-Landrut, vormals Lena. Und um die vielfach begnadete Anke Engelke. Das heißt, eigentlich spielt darin nicht so sehr die bestimmt auch superwichtige Hülle, die an Frauen hängt und an der, vice versa, Frauen hängen, die Hauptrolle. Sondern die Leere, die sie umkörpert und die mit Seins-Dingen (Lipgloss, „Lieblingsgast“-Kekskrümel, Meerschweinchen-Fön, Blasenpflaster) gefüllt sein will.
Psychogramm an der Hand
Lena Meyer-Landrut hat Koala-Bären mit Erdbeergeschmack dabei. Anke Engelke Datteln im Glas. „Das Krughafte des Kruges west im Geschenk des Gusses“, meinte der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) über das Gefäß. Ganz in dem Sinn schütten in „In the bag“ Meyer-Landrut und Engelke und andere Stars mit dem Inhalt ihrer Handtaschen ihr Herz aus. Wie tief die Einblicke sind, die sie dabei gewähren, lässt sich im Vergleich zu dem eher hilflosen Versuch des Künstlers HA Schult ermessen, den Müll von Fußballidol Franz Beckenbauer als Psychogramm auszustellen – 1974. Dann lieber jemandem in die Untiefen der Handtasche schauen. Bei der verhält es sich sowieso so, dass sich laut Fachpersonal wie den Handtaschen-Psychologinnen der „Gala“ schon an der Art, wie sie sie trägt, weit mehr Schlüsse ziehen lassen als aus einem Rohschachtest.
„Hab’ alles im Griff. Mein Job? Mein ein und alles!“ bedeute es demnach, wenn eine Frau sie wie eine Aktentasche am Henkel mit sich führt. Unter den Arm geklemmt, bedeute, verkürzt gesagt: „Ich Chef, du nix“. Auf der Schulter: „ist halt eine Louis Vuitton – und wenn schon?“ Über den Oberkörper gekreuzt mit Tasche vorn: „Seht, meine Rüstung – bleib mir fern.“
Halspastillen und Nagelöl
Bei Lena Meyer-Landrut, die eingezwängt in einem Sessel sitzt, liegt die Nylon-Camera-Bag von Prada, aus der sie dann Ipalat-Halspastillen und Nagelöl von Susanne Kaufmann zieht, auf ihrem Oberschenkel. Anke Engelke, die ihre türkisfarbene Hermes-Tasche mit Lochmuster („Hab„ ich mir geleistet – secondhand“) scheinbar peinlich berührt, hat sie auf einen runden Tisch gestellt, auf den dann alles quellt.
„Alle Gebärenden bluten“, sagt Lena Meyer-Landrut, als sie einen Tampon hervorzieht und in die Kamera hält. Wie um damit zu illustrieren, dass der Inhalt des symbolisch aufgeladenen Meta-Dings Handtasche existenzielle Fragen tangiert. Glaubt man der schwer unterschätzten US-Autorin Ursula K. Le Guin (1929 bis 2018) reicht ihre Herkunftsgeschichte in die Zeit zurück, als Frauen, zumindest filmgeschichtlich betrachtet, noch Schwänze trugen. Le Guin jedenfalls hält das „Behältnis“ begründet für die erste kulturelle Erfindung überhaupt.
Am Anfang war der Beutel
Von der kürzlich gestorbenen Jane Birkin ist bekannt, dass sie die nach ihr benannte, wohl berühmteste, Handtasche der Welt auf einer Kotztüte entwarf. Im Flugzeug neben einem Verantwortlichen von Hermès sitzend und als Alternative zu dem praktischen Korb, den sie als Mutter von drei Kindern bisher immer mit sich getragen hatte. „Das erste Werkzeug“, so schreibt die Autorin Le Guin in ihrem Essay „Am Anfang war der Beutel“, seien „Behältnisse zum Transport von Gesammeltem“ gewesen. Eine Art Tragetuch oder Tragenetz, führt sie aus, für Hülsenfrüchte und Brocken von Rentierfleisch.
Das Böse: Männersache(n)
Der Beutel stehe symbolisch für eine friedliche, selbstgenügsame Art von Gesellschaft, „in der Subsistenz nicht durch Gewalt erreicht werden muss, sondern bedeutet zu sammeln, zu tragen und zu bewahren.“ Heißt dann im Umkehrschluss: Das Böse kam mit Männersachen in die Welt. Dem Knochen, mit dem laut Stanley Kubricks Film „2001“, der eine Ur-Mensch den anderen erschlug. Oder gar dem Speer. Was jetzt nicht bedeutet, dass eine schlaginstrumentell nutzbare Handtasche per se als ungefährlich angesehen werden darf. Oder mancher Inhalt nicht beängstigend wäre, wie der Gummischlauch, den Lena Meyer-Landrut aus den Urgründen ihrer Tasche hervorholt. (Tatsächlich braucht sie ihn, um sich in einem Wasserglas damit blubbernd, einzusingen.)
Die Pistole in der Tasche
Die vor der Wende offiziell von Ost- nach West-Berlin gedrängte Künstlerin Cornelia Schleime erzählte einmal, dass sie in ihrem Exemplar eine Zeit lang eine Pistole bei sich trug, um ihren vorgeblichen besten Freund und maßgeblichen Verräter, den Stasi-Spitzel Sascha Anderson, zu erschießen – was sie aber dann doch ließ. Von der romantischen Dichterin Bettina von Arnim (1785 bis 1859) ist bekannt, dass in eigens eingenähten Taschen, links Nähzeug, rechts Schreibutensilien und am Boden ein Tintenfässchen mit sich trug – als sozusagen emanzipatorische Waffen.
Das innere Kind
Anke Engelke trägt in Taschen in der Tasche, die sie mutmaßlich über der Schulter hängen hat, grundsympathische Dinge wie eine Murmel mit sich, einen „Ich habe Zeit“-Anstecker, vorgekochten Spitzkohl und Reisebesteck, einen Apfel, eine Ein-Liter-Teekanne, Familienfotos und ein Gesellschaftsspiel, in dem ein Einhorn, das einen Regenbogen speit, die beste Karte ist. Derweil kommt bei Lena Meyer-Landrut ein angekokeltes Holzstückchen zum Vorschein, dazu dienlich, wie sie sagt, neu betretene Räume energetisch „auszureinigen“.
Anke Engelke kramt neben einem Heft, in dem sie ihre Einfälle und Gedanken mit einem Stift archiviert, eine Kamera hervor, mit der sie statt mit einem Smartphone (sie besitzt keins) fotografiert. Lena Meyer-Landrut hält ein Buch in die Kamera, auf dessen Cover ein Pferd am Strand zu einem Galopp anzieht. Michael A. Singers „Die Seele will frei sein“. Dann setzt sie ihre Kindersonnenbrille auf, die sie „immer“ mit sich trägt, um durch sie auf ihr „inneres Kind“ zu schauen. Derweil hat Anke Engelke stets eine Sicherheitsnadel dabei und den jüngsten Roman von Julia Franck. Dessen Titel könnte stellvertretend für den Sigmund Freud in den Schatten stellenden Handtaschen-Vergleich stehen: Er heißt „Welten auseinander“.