Kino RHEINPFALZ Plus Artikel Grandioses Schauspiel: „Daddio – Eine Nacht in New York“

Szene mit Dakota Johnson und Sean Penn.
Szene mit Dakota Johnson und Sean Penn.

Zwei Menschen auf engstem Raum in einer begrenzten Zeitspanne: Reicht das für einen fesselnden abendfüllenden Spielfilm? Absolut, wenn die Dialoge so pointiert und gehaltvoll sind und das Schauspiel so grandios wie in „Daddio – Eine Nacht in New York“.

Unvergesslich: der Kino-Hit „Night on Earth“. Darin hat Star-Regisseur Jim Jarmusch 1991 der Magie von nächtlichen Taxifahrten gehuldigt. Beschworen wurde sie in fünf Kurzgeschichten, mal skurril, dann romantisch. Getragen wurde der Film von einem exzellenten Darsteller-Ensemble. Das, allerdings nur das, hat „Daddio“ mit „Night on Earth“ gemeinsam. Auch hier begeistert grandioses Schauspiel.

Aber dieses Mal sind es lediglich zwei Akteure, die in ihren Bann ziehen, Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“) und der zweifache Oscar-Preisträger Sean Penn („Mystic River“, „Milk“). Regisseurin und Drehbuchautorin Christy Hall, die mit diesem Kammerspiel ihr Regiedebüt vorlegt, setzt ganz auf die Ausstrahlungskraft des Duos. Woran sie gutgetan hat. Die beiden machen den kleinen Film zu einem großen Ereignis.

Dakota Johnson im Taxi.
Dakota Johnson im Taxi.

Die Story: Junge Frau, Programmiererin, steigt am New Yorker Flughafen JFK ins Taxi. Sie möchte auf dem schnellsten Weg nachhause. Der Fahrer versucht, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Er nervt mit indiskreten Fragen. Sie reagiert zunächst abweisend. Doch je länger die Fahrt dauert – und sie zieht sich wegen eines Staus länger hin als erwartet – öffnen sich die zwei einander und entdecken nicht nur beim Gegenüber Überraschendes, sondern auch an sich selbst.

Das Gespräch hat in seiner Intensität etwas von einem Bolero: Die Kreise werden immer enger, der Ton drängender, intensiver, die Pausen muten mehr und mehr spannungsgeladen an. Der Gedankenaustausch reicht von ganz Privatem bis zu Politischem, streift von philosophischen Gedankensplittern bis zu sehr Intimem wie beispielsweise dem Umgang mit Verlusten. Selbst wenn es um Allgemeinplätze wie den angeblichen oder wirklichen Unterschied von Männern und Frauen geht, rutscht das nie ins Banale ab.

Sean Penn als Taxifahrer.
Sean Penn als Taxifahrer.

Dank des Könnens von Dakota Johnson und Sean Penn, ihrer mimischen und gestischen Fähigkeiten, entstehen nuancierte Charakterstudien. Das Publikum kommt den Protagonisten erstaunlich nah, kann mit ihnen fühlen, folgt ihren manchmal recht verzwickten Gedankengängen – und nicht wenige im Kinosaal dürften dabei mehr als einmal schnell bei sich selbst, eigenen Erfahrungen und Empfindungen, landen.

Szene aus dem Film „Daddio“.
Szene aus dem Film »Daddio«.

Man staunt, wie sehr einem das ungleiche Paar tatsächlich ans Herz wächst. Dafür sorgt wesentlich auch die einfallsreiche Kameraführung von Phedon Papamichael („Le Mans 66 – Gegen jede Chance“, „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“). Es ist absolut erstaunlich, welche originellen Blickwinkel er gefunden, wie er den engen Raum zum weiten Spiegel von Seelenzuständen gemacht hat. Raffiniert zwischen Nähe und Distanz changierend, entfaltet er eine staunenswerte optische Attraktivität.

Bemerkenswert ebenfalls: der Mut von Christy Hall, die Figuren keine gängigen, also politisch korrekt geltende Floskeln plappern zu lassen. Was über die Liebe und andere Misslichkeiten des Lebens gesagt wird, ist durchweg realitätsnah. Und in der Realität dominieren nun einmal noch immer viele altbekannte Klischees.

Darauf deutet schon der Originaltitel des Films, „Daddio“. Der Ausdruck war in den USA einst gängig als ebenso ironisierende wie freundlich gemeinte Bezeichnung jüngerer Leute für einen älteren, lebenserfahrenen und gelegentlich auch ein wenig belehrenden Mann, dessen Rat man folgen kann, aber nicht muss. Denn er hat Meinungen, Haltungen, Ansichten, die von den Jungen nicht blind geteilt werden. Wobei es jedoch fast immer lohnt, über das nachzudenken, was er so sagt.

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