Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Glamour und Zoff auf dem Lido: Am Mittwoch beginnen die 76. Filmfestspiele von Venedig

Geschlechtergerechtigkeit ist ein Fremdwort für ihn: Alberto Barbera, Direktor der internationalen Fimfestspiele.  Foto: dpa
Geschlechtergerechtigkeit ist ein Fremdwort für ihn: Alberto Barbera, Direktor der internationalen Fimfestspiele.

Glamour ist garantiert bei den 76. Internationalen Filmfestspielen Venedig. Zur Eröffnung am Mittwochabend sollen Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke über den roten Teppich laufen. Weitere Stars folgen. Doch es gibt auch Kritik an der Filmauswahl.

Meryl Streep, Brad Pitt, Johnny Depp, Scarlett Johansson und Robert Pattinson kommen, auch Hollywood-Ikone Julie Andrews und Regie-Star Pedro Almodóvar, die Ehrenpreise erhalten. Und die Wahl des Auftaktfilms „The Truth“ („Die Wahrheit“) darf als programmatisch angesehen werden. Das Familiendrama hat der Japaner Hirokazu Koreeda inszeniert. Auch er: ein Star. Im Vorjahr hat er in Cannes mit „Shoplifters“ die Goldene Palme gewonnen. Die japanisch-französische Koproduktion konkurriert mit 20 weiteren Beiträgen um den Hauptpreis, den Goldenen Löwen. In der Konkurrenz sind viele bekannte Regie-Größen vertreten, so der Kanadier Atom Egoyan („Das süße Jenseits“), der Franzose Olivier Assayas („Die Wolken von Sils Maria“) und der Pole Roman Polanski („Der Pianist“).

Die Einladung von Roman Polanskis neuem Spielfilm, dem Historiendrama „J’accuse“ („Ich klage an“), hat Biennale-Präsident Paolo Baratta und Festivalleiter Alberto Barbera jedoch im Vorfeld heftige Kritik eingebracht. Polanski ist im Vorjahr in den USA von der für die Oscar-Vergabe zuständigen „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ als stimmberechtigtes Mitglied ausgeschlossen worden. Anlass war der Vorwurf, er habe vor 42 Jahren eine damals 13-Jährige sexuell missbraucht. Nicht allein Vertreterinnen und Vertreter der MeToo-Bewegung protestieren lautstark gegen die Präsentation seines Films. Ob er selbst auf den Lido di Venezia kommt, die Venedig vorgelagerte Insel, auf der die Festspiele stattfinden, ist noch unklar.

Nur zwei Filme stammen von Frauen

Für Streit sorgt obendrein der Umgang der Festspiele mit den Streaming-Diensten. Die Konkurrenz in Cannes verweigert den Produktionen von Netflix und Co. die Teilnahme am Wettbewerb. Venedig schert sich nicht darum. So haben es denn auch Steven Soderberghs Polit-Drama „The Laundromat“ mit Meryl Streep und Gary Oldman sowie Noah Baumbachs Scheidungsgeschichte „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson und Adam Driver ins Rennen um den Goldenen Löwen geschafft. Denn die Filmfestspiele von Venedig müssen sich zunehmend der Konkurrenz des fast zeitgleich stattfindenden Festivals von Toronto erwehren. Wichtigste „Waffe“ Venedigs: Hier gehen immer viele Filme an den Start, die im Rennen um die nächsten Oscars eine wichtige Rolle spielen dürften. Der Oscar-Erfolg „Roma“, ebenfalls eine Netflix-Produktion, lief zuerst in Venedig. Darum wurde wohl auch zur Überraschung vieler Todd Philips Comic-Adaption „Joker“ mit Joaquin Phoenix als erstes Superhelden-Spektakel in den Wettbewerb von Venedig eingeladen.

Und noch mehr Zoff: Geradezu einen Sturm der Entrüstung hat ausgelöst, dass von den 21 Wettbewerbsfilmen nur zwei von Frauen stammen. Seit Jahren wird Alberto Barbera immer wieder angegriffen, weil er sich offenbar nicht mal ansatzweise um Geschlechtergerechtigkeit bemüht, obwohl er in offiziellen Statements gern das Gegenteil behauptet. Und er präsentiert diesmal, in der Geschichte des Festivals erst zum siebten Mal überhaupt, eine Frau als Präsidentin der Jury, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, in Deutschland in den 1990ern bekannt geworden mit ihrem auch auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg gezeigten Film „Besos rojos“.

Deutsche Hoffnungen auf eine Auszeichnung

Und das deutsche Kino? Im Wettbewerb laufen zwei Spielfilme, in denen deutsches Geld steckt: „Om det oändliga“ („Über die Endlosigkeit“) von Roy Andersson und „Die perfekte Kandidatin“ von Haifaa Al Mansour („Mary Shelley“) aus Saudi-Arabien. Die stärksten deutschen Hoffnungen auf eine Auszeichnung sind allerdings auf Katrin Gebbe („Tore tanzt“) gerichtet. Sie eröffnet den Wettbewerb der Nachwuchs-Sektion „Orrizonti“ („Horizonte“) mit ihrem nun zweiten Spielfilm, „Pelikanblut“.

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