Humor RHEINPFALZ Plus Artikel Gerhard Polt zum 80. Geburtstag: Der vielsagende Schweiger

Gerhard Polt, der Philosoph unter den Kabarettisten (links im Bild: eine Tuba aus dem Bieermoos).
Gerhard Polt, der Philosoph unter den Kabarettisten (links im Bild: eine Tuba aus dem Bieermoos).

Als seine Lieblingsbeschäftigung hat er einmal „Herumschildkröteln“ genannt. Seine Komik besteht häufig auch darin, dass er einfach vielsagend schweigt. Aber jetzt hat Gerhard Polt den Offenen Brief an Kanzler Scholz unterschrieben und Stellung bezogen: zur Ukraine-Politik. An seinem 80. Geburtstag wird er nun nicht mehr nur gefeiert, sondern ist Zielscheibe heftiger Kritik auch von Kabarettistenkollegen.

„Als wenn man ein Dachs wär in seinem Bau“ hieß das vom Hessischen Rundfunk produzierte Hörspiel, mit dem Gerhard Polt 1976 die satirische Bühne betrat. Es geht darin um die Luxussanierung der Münchner Amalienstraße und um die Menschen, die man aus ihren Altbauwohnungen in Schwabing vertrieb. Ein Meisterwerk der Gattung und aktuell bis heute. Polt schlüpft dafür in rund 50 Rollen, in die der Bewohner wie in die der Investoren: genau beobachtete und geschilderte Realität – entlarvend in ihrer Absurdität. Schwer auszuhalten.

Ähnliches gilt auch für einen drei Jahre später entstandenen Sketch in der TV-Reihe „Fast wia im richtigen Leben“, der wohl zu seinen berühmtesten gehört und in dem Polt alias Herr Grundwürmer die Qualitäten von „Mai Ling“ anpreist, der „pflegeleichten“ Asiatin aus dem Katalog für 2785 Mark ab Bangkok Airport. Damals wie heute lachen vielleicht die Falschen darüber. Aber böser kann man eigentlich menschenverachtender gesellschaftlicher Realität nicht den Spiegel vorhalten. „Wenn jemand fragt, wo hört Satire auf, würde ich sagen, das weiß ich nicht – aber ich weiß, wo sie aufhört, verstanden zu werden: direkt hier, am Gartenzaun beim Nachbarn“, sagte Polt erst kürzlich in einem großen Interview für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“.

Krachend lautlos

Nicht mit Wortkaskaden, sondern leise und dabei geradezu krachend lautlos funktioniert seine Satire. Polt ist gewissermaßen Experte für schmerzhafte Stille. Davon wissen die Verantwortlichen des Zweiten Deutschen Fernsehens ein Lied zu singen, die 1980 im Mainzer Unterhaus dabei waren, bei der Übertragung der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises „I sag nix”, sagte Polt. Es verstrichen zehn Minuten kostbarer Sendezeit. „I woas scho, des ziagt sich” und „mei”, sagte er dann noch. Auch vor gut 40 Jahren tobten Debatten um Meinungs- und Redefreiheit. In den Öffentlich-Rechtlichen war es beispielsweise nicht opportun, den CSU-Politiker Friedrich Zimmermann wegen einer Meineid-Affäre „Old Schwurhand” zu nennen. Also besann sich Polt des Philosophen Ludwig Wittgenstein und dessen Postulat: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Geboren wird der vielsagendste Schweiger unter den deutschen Kabarettisten am 7. Mai 1942 in München. Der Vater ist im Krieg, die Mutter flieht mit dem Kind vor den Bomben aufs Land: „Ich bin eine Zeit lang in Altötting aufgewachsen, was sehr günstig ist, wenn man Komiker werden will“, wird später zu den geflügelten Polt-Wörtern gehören, wenn er mal wieder über das Wesen des Humors ganz allgemein und des seinen im Speziellen gefragt wird. Aber erst neulich hat er auch davon gesprochen, wie sehr ihn die Bilder aus der Ukraine bedrücken, ihn, wie so viele seiner Generation, an die Kindheit erinnerten, an die in Trümmern liegende Stadt München, in die die Familie Polt Anfang der 1950er-Jahre zurückkehrt.

Humor als „Polsterung, um nicht durchzudrehen“

Dass der Humor und das Lachen für ihn auch eine Art Schildkrötenpanzer sind – er selbst nennt es im Interview „Polsterung, um nicht durchzudrehen“: Wen wundert’s. Aber zunächst studiert der junge Polt ganz ernsthaft: Politikwissenschaft, Geschichte, Kunstgeschichte in München, 1962 bis 1966 in Göteborg Skandinavistik und Altgermanisch, arbeitet als Dolmetscher, Lehrer, Übersetzer. Er spricht fließend Schwedisch und Italienisch, und wenn er nicht am bayerischen Schliersee „herumschildkrötelt“, dann tut er das in Italien: ein bayerischer Kosmopolit.

Und wie wird aus so einem ein Kabarettist, Autor, Filmemacher, Satiriker, Volkssänger und Erfinder des „Leberkäs Hawaii“? „Ja mei“, würde er wohl sagen – und schweigen. Es haben wohl auch die Begegnungen mit den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt eine Rolle gespielt. Einige der Polt-Wegbegleiter wie Dieter Hildebrandt und Otto Grümandl leben nicht mehr.

Die Polt-Familie

Die Biermösl Blosn, untrennbar mit den Revuen „München leuchtet”, „Diridari” und „Tschurangrati”, mit denen Polt das Kabarett in die Tempel der Münchner Hochkultur brachte – Kammerspiele und Residenztheater – haben sich getrennt. Aber mit den Well-Brüdern arbeitet er noch heute zusammen. Auch Regisseur Hanns-Christian Müller und die Schauspielerin Gisela Schneeberger gehören zur Polt-Familie.

Der eher streitbare Kabarettist Christian Springer gehört nicht dazu. Er greift den leisen Polt derzeit am lautesten an wegen dessen Haltung zum Ukraine-Krieg. Gerhard Polt ist allerdings nicht einer, der sofort zurückschießt. Man darf vermuten, dass er bedächtig und langsam nachdenkt und noch eine Weilchen herumschildkrötelt, bevor er – vielleicht – was sagt.

Mehr Polt

  • Nach wie vor unerlässlich, um in allen Lebenslagen nicht zu resignieren, von Gerhard Polt und Claudia Pichler: „Der große Polt. Ein Konversationslexikon“; Kein & Aber; 170 Seiten; 16 Euro.
  • Am 12. Mai sind Gerhard Polt und die Well Brüder aus’m Biermoos auf dem Heidelberger Schloss zu erleben.
  • Noch mehr Polt im Internetz unter https://polt.de
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