Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Genesis, Lüpertz, Kunst: Keramiktafeln des Malerstars werden enthüllt

Noch verhüllt: Standort der Lüpertz-Tafel an der Station Markplatz.
Noch verhüllt: Standort der Lüpertz-Tafel an der Station Markplatz.

Morgen werden in der spektakulär gelungenen Karlsruher Stadtbahn die 14 Keramiktafeln von Künstlerstar Markus Lüpertz enthüllt, die ein privater Verein der Stadt geschenkt hat. Aber „Genesis – Werke und Tage“ gefällt nicht allen und passt vielleicht auch gar nicht hierher. Eine Schöpfungsgeschichte.

Die Eröffnung ist am 28. April. Im kleinen Kreis. Die Mäzene, wenige offizielle Besucher. Der Künstler höchstselbst erklärt sein Werk. Fragt sich nur, ob der Verkehr in den sieben Stationen der unterirdischen Karlsruher Stadtbahn dann stillsteht. Oder die Allgemeinheit im Vorbeifahren einen Blick auf die 14 Keramiktafeln werfen darf, die dann enthüllt werden.

Versprochen ist, na ja, eine Offenbarung. Die Bildwerke von – laut Eigeninszenierung – Künstlergenie Markus Lüpertz haben die biblische Schöpfungsgeschichte zum Inhalt. Gesamttitel „Genesis – Werke und Tage“, am Durlacher Tor, dem östlichen Rand der Stadtbahn, soll das Thema „Urflut und Licht“ verhandelt werden, am Europaplatz im Westen, da wo der Rhein fließt: die „Scheidung des Wassers“. Das Kunstwerk selbst hat eine epische Historie. Und einen Preis, auch wenn der inzwischen 81-jährige Lüpertz nichts berechnet, fallen eine Million Euro Produktionskosten an. Privates Geld, Spenden, öffentliche Mittel keine. Der Initiator des Projekts, Anton Goll, hat extra den Verein „Karlsruhe Kunst Erfahren“ dafür gegründet. Sagen wir es so, nicht alle sind so begeistert von dem Geschenk wie der langjährige Geschäftsführer der Karlsruher Keramikmanufaktur Majolika.

Bisher ist auch noch nicht viel zu sehen gewesen von dem Werk, dem Goll einen „Elbphilharmonie-Effekt“ zuschreibt. Ein beim Aufbau blitzender Fischkopf in grün-braunen Tönen, eine Frauenfigur, die einen Krug hält; prekär bleibt, ob der üppige Duktus des etwas verblassten Malerstars Lüpertz überhaupt zur spektakulär minimalistischen Architektursprache der Stadtbahn passt.

Bei der Arbeit: Malerstar Markus Lüpertz.
Bei der Arbeit: Malerstar Markus Lüpertz.

Badisches Opus magnum

1941, im heutigen Liberec, früher Reichenberg in Nordböhmen geboren, war Lüpertz in den achtziger und neunziger Jahren Kategorie Baselitz. Ein Junger Wilder im allerweitesten Sinn. Sein Stil, neo-expressiv, monumental wie bei „Lüpolis“ oder „Westwall“, zwei Hauptwerken des mit Gehrock und -stock auftretenden Exzentrikers.

Skulpturen von ihm stehen an vielen öffentlichen Plätzen. Die „Philosophin“, zwei Meter 50 hoch, zum Beispiel im Berliner Bundeskanzleramt. In Karlsruhe, wo er von 1973 bis 1986 erst Gastdozent, dann Professor war, bevor er als Rektor an die Düsseldorfer Kunstakademie ging, ziert sein „Bundesadler“ den Bundesgerichtshof. „Die Stadt und die Möglichkeiten knipsten das Licht an / Wärmten mich mit südlichem Charme / Und idyllischen Plätzen“, schreibt er in den rückblickenden Versen. Die Keramiken seien, sagt er, als sozusagen nachträgliche Gabe zum 300-Jahr-Stadtjubläum 2015 zu verstehen.

Seit 2019 sitzt der Künstler jetzt an seinem badischen Opus magnum, dessen Vorlauf sehr viel weiter reicht – ungefähr in die Zeit, als es mit der 2002 beschlossenen Stadtbahn der Karlsruher Schieneninfrastruktur-Gesellschaft (KASIG) ernst geworden ist. Und fast genauso lang reibt sich die Kritik an dem Kunstprojekt, für das kein Wettbewerb veranstaltet wurde und für das es keine Ausschreibung gab.

„Bitte keine alten Männer“

Lüpertz sei Teil der „Staatskunst“, hieß es. „Bitte keine alten Männer mit biblischen Themen“, barmte die ortsansässige junge Kunstszene. „Diese Themen sind letztendlich falsche Fabeln – und konfessionelle Kunst gehört in die Kirchen“, raunzte Peter Weibel. Der ewige Chef des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien ist im März dieses Jahr 79-jährig gestorben. „Seit wann dürfen Prediger nicht mehr in den öffentlichen Raum“, hatte Lüpertz ihm entgegengehalten. Für ihn sei das Sujet eine Möglichkeit, Neuland zu betreten und den Versuch zu wagen, eine surreale Abstraktion in eine tatsächliche, gleichsam vom Dunklen ins Helle zu überführen.

2017 jedenfalls ist der Verein „Karlsruhe Kunst Erfahren“ von Anton Goll gegründet worden. Und schon im gleichen Jahr hat der Stadtrat beschlossen, dass die von je zehn mal fünf, auf drei mal sechs und jetzt vier mal zwei Meter geschrumpften 14 Tafeln über die Genesis nur sechs Jahre in beide Fahrtrichtungen der Stadtbahn installiert bleiben dürfen.

Die ursprünglich als Partner vorgesehene Karlsruher Majolika hat den Auftrag wegen kapazitätstechnischen, organisatorischen und finanziellen Gründen zurückgegeben. Bei der Keramik Manufaktur in Zell am Hammersbach, wo die Keramiken jetzt ausgeführt worden sind, mussten die Vorlagen wochenlang trocknen. Material schwand, Risse traten auf. Zeit ging dahin.

Im Dezember 2021 ist die Stadtbahn eröffnet worden, die nach dem Willen der Keramik-Mäzene zu einer „spektakulären Kunst-Galerie“ werden soll, wie es auf der vereinsinternen Netzseite genesis-lüpertz.de steht. 3,4 Kilometer lang ist der Untergrund, sieben nahezu einheitliche Stationen, sie siedelt an der Ost-West-Achse – südlich der Karlsruher Schlossanlage – und zweigt am zentralen Marktplatz ab. Ein Gemeinschaftswerk des Münchner Büros allmannwappner mit dem 2019 verstorben Lichtmagier Ingo Maurer. Wer sie betritt, fühlt sich wie in einem kontemplativen städtischen Naherholungsgebiet.

Ein Museum seiner selbst

Oben hektisches Treiben, in den Stationen plötzlich edle Stimmung, die Wände der Zugänge, der Verteilungsebenen und der Abgänge unverblendet und aus aufwendig gestocktem Material. Die Haltestellen gleichen Raumschalen aus weißen Betonwerksteinen auf dem Boden und den unteren Werkflächen. Die oberen Wandflächen und die Decken sind im Trockenbauverfahren erstellt. Das Licht fällt aus einer Konstruktion, die an musikalische Notierungen erinnert und die Ebene der Oberleitungen über die Bahnsteige verlängert. Unzählige Leuchtkörper schraffieren den Luftraum. Aus Leuchten kommt rotes, grünes und blaues Licht, das sich zusammen als weißer Lichtkegel am Boden abzeichnet. Wer hineintritt, wird bunt illuminiert. Nichts außer nüchterner Fahrpläne und der in roter Schrift angezeigte Halteort stört die Atmosphäre. Durch die großen Fenster der Zwischenebene blickt man wie auf eine Museumsszenerie. Ob Markus Lüpertz mit seiner Schöpfungsgeschichte dazu wirklich etwas beizutragen hat, hier an diesem wie aufgeladenen Ort, muss sich erst zeigen.

Detail aus einer der Keramiktafeln: Sie handeln von der Genesis.
Detail aus einer der Keramiktafeln: Sie handeln von der Genesis.
Wie eine Museumsszenierie: Blick aus der Zwischeenebene auf die Stadtbahn.
Wie eine Museumsszenierie: Blick aus der Zwischeenebene auf die Stadtbahn.
Neues Licht fällt : Passantin in der Stadtbahn.
Neues Licht fällt : Passantin in der Stadtbahn.
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