Mannheim
Geiger Ray Chen mit dem Royal Scottish National Orchestra frenetisch gefeiert
Die überschäumende Begeisterung am Donnerstag hatte mehrere Gründe. Einmal das populäre Programm mit Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur und Mussorgsky-Ravels „Bildern einer Ausstellung“. Dann die gute Laune des zum Geschichtenerzählen aufgelegten Dirigenten (auf Englisch, dabei hat der Mann in Freiburg studiert). Schließlich das willig folgende Orchester und ein Geiger, der die Stimmung durch liebenswürdiges Entertainment mächtig anheizte.
Der Reihe nach. Tschaikowskys Violinkonzert ist beliebt und für fähige Solisten eigentlich ein Selbstläufer. Der demnächst 35-jährige Ray Chen, in Taipeh geboren und in Australien aufgewachsen, machte aus dem Selbstläufer einen Selbstrenner. Flink geigte er. Kapriziös war seine Annäherung an die Musik – bekanntlich eine, die der große Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick einst „stinken“ hörte und damit schwer daneben lag. Und selten hat man einen so zugewandten Musiker auf dem Podium gesehen. Und das ohne Afferei.
So treten moderne Meister der Geigenzunft auf
Eine Performance up to date. Dagegen wirken die Hohepriester der Geigenzunft von einst ziemlich außer Mode gekommen. Trotzdem sollte man genau hinhören. Über Technik muss man auf Chens Niveau nicht reden. Der Mann kann, was er will, und das zeigt er in jedem Takt. Jede virtuose Finesse wird extra ins Schaufenster gestellt, damit sie ja keiner verpasst. Da wird glasklaren Spitzentönen lange nachgesonnen, es sind feinste Pralinés. Chens Vorliebe für vorbereitende Ritardandi kann man für Macken halten, muss es aber nicht, sie gehören zum Programm. Derweil zerfiel die Musik in lauter kostbare Einzelheiten, Tschaikowsky klang parzelliert, aber schön: schlank, sicher, kein Bombenton. Die Canzonetta (zweiter Satz) profitierte von gebremster Süße. Das finale Allegro vivacissimo von einer flinken Ungeduld, die der Spieler kaum zügeln zu wollen schien. Aber da waren Dirigent Thomas Sondergard und das Orchester wachsam und auf der Hut. Bravi, Gejohle. Was nett Australisches nebst Märlein gab’s als Zugabe.
Mit Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“, auch so ein Selbstläufer, sind die Gäste auf Du und Du. Das Royal Scottish National Orchestra durfte sich, Ravels Orchesterfassung sei Dank, in allen seinen Instrumentengruppen vorteilhaft präsentieren. Ihr gerade in eine Verlängerung gegangener dänischer Musikdirektor Sondergard (57) war in Mannheim vor allem eines: ein Ermöglicher, der schwer darauf achtete, die große Linie in dieser kaleidoskopartigen Erzählung eines fiktiven Ausstellungsbesuches zu wahren. Programmmusik ist das nicht, eher ein Spaziergang durch die Gedanken des Komponisten beim Anblick von Zeichnungen und Aquarellen seines gestorbenen Freundes Victor Hartmann, eines Malers und Architekten, der zwar kein sehr großer Künstler war, aber ein Verfechter des altrussischen Stiles, der mit Mussorgsky von der Erneuerung Russland durch die Wiederbelebung einer Volkskunst von unten träumte. Gegliedert werden die Bildbetrachtungen durch variierte Zwischenspiele, sogenannte „Promenaden“.
Mächtiger Applaus für das gelungene Konzert
30 kurzweilige Minuten waren garantiert bis das Ganze in der übergroßen, pompös sakralen Apotheose mündete, die Hartmanns putzig-bunten Entwurf für ein „Großes Tor zu Kiew“ an Bedeutung und vaterländischer Inbrunst weit hinter sich lässt. Im Konzertsaal wirkt es als einer der besten Rausschmeißer, die man sich vorstellen kann, was von Sondergard und dem Orchester genau so zelebriert wurde. Den Feinsinn hatte man für instrumentationstechnische Delikatessen wie dem „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“, dem Keifen der Marktweiber zu Limoges oder der archaischen Wucht eines dumpf vorbeirollenden Ochsenkarrens reserviert.
Am Ende waren beide erfreut, die Gäste über einen großen Erfolg, das mächtig applaudierende Publikum über ein gelungenes Konzert.