Kultur Fragen der Würde
Der ärgerlichste Beitrag des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs steht fest: Fatih Akin hat mit seiner Serienmörder-Hommage „Der goldene Handschuh“ einen menschenverachtenden Film gedreht, der sich an Gewaltexzessen und Ekel weidet und sein komplettes Personal voyeuristisch ausstellt. Angeblich ging es ihm dabei um „die Würde des Mörders“.
„Braucht das deutsche Kino mehr Serienmörder? In den USA sind ja Serienmörder wie Jeffrey Dahmer Stars?“, lautet die erste beifallheischende Frage des Pressetermins mit Regisseur Fatih Akin – gestellt vom Moderator, der sich offenbar gern an wahrem Leid ergötzt und reichlich abgestumpft ist. „Ich wünsche mir eine Welt ohne Serienmörder“, beteuert Akin darauf zwar, klingt im Folgenden aber doch sehr angetan von seinem Sujet. „Der goldene Handschuh“ ist die Verfilmung von Heinz Strunks gleichnamigen Roman über den Serienmörder Fritz Honka, der im St. Pauli der 1970er mehrere Frauen, meist gealterte Prostituierte, tötete und zersägte. Einige Leichenteile versteckte er in seiner Wohnung in der Wand. Warum darüber schreiben? Einen Film drehen? Ein Zeitporträt hatte Fatih Akin nicht im Sinn, auch kein Psychogramm. Er weidet sich schlicht an den Kulissen, der abgewrackten Kiezkneipe „Der goldene Handschuh“, in der Honka Stammgast war und seine Opfer fand – Alkoholikerinnen, mit einem Glas Korn gefügig gemacht. Die Kneipengäste, alles verfallene, gewaltbereite oder -gewohnte Menschen, stellt der Film gerade genüsslich aus. Vor allem die aufgedunsenen, gealterten Alkoholikerinnen führt er vor. Und so nimmt Akin den Opfern noch einmal jegliche Würde. Auch den Mörder (Jonas Dassler hinter einer dicken Maske) zeigt der Film als verunstalteten Halbzombie, der einfach unkontrolliert säuft – und liefert damit die banale Erklärung, ja Entschuldigung für seine Taten: Die Frauen fanden ihn hässlich. Und ohne den vielen Korn wären sie noch am Leben. Denn der Film fügt eine 20-minütige „Hoffnungsepisode“ ein, in der Honka trocken bleibt und sich scheinbar harmlos verliebt. „Heinz Strunk hat es geschafft, diesem Monster eine Würde zu geben“, sagt Akin, wieso er den Roman des zuvor vor allem als Satiriker bekannten Heinz Strunk verfilmen wollte. Über die Würde der Opfer spricht er nur beiläufig in einem Nebensatz, über das verbreitete Menschenbild im Film gar nicht. Eine Arroganz und Herablassung spricht aus seinem Film, der Strunk’sche Humor wirkt deplatziert. Akins „Der goldene Handschuh“ gleicht einer Menschenzirkus-Freakshow mit bewusst potenziertem Ekel, einer Zurschaustellung von Zerfall, um sich an der eigenen Überlegenheit zu erfreuen. Da nagt die Säge überlaut an Knochen, strömt Blut, fallen Maden von der Decke. Und irgendwie sind die Opfer in dieser Lesart ja auch selbst schuld. Der Film passt so gar nicht zur Berlinale und ihrem gesellschaftspolitischen Ansatz. Er untergräbt die Festivalbemühungen, Frauen im Film mehr Gehör zu verschaffen und wurde wohl nur zugelassen, weil Akin einen berühmten Namen hat und in Berlin 2004 mit „Gegen die Wand“ auftrumpfte. Als willkommener Kontrast war immerhin der direkt folgende Film klug programmiert: „God Exists, Her Name Is Petrunya“, gedreht von der Mazedonin Teona Strugar Mitevska, entlarvt, wie tief patriarchalisch ihr Heimatland noch ist. Ihr Film erzählt von einer 32-jährigen arbeitslosen Historikerin namens Petrunya, die bei einer religiösen Zeremonie in ihrem Heimatort Stip die Wut der Männer auf sich zieht: Bei einer Prozession wirft das Kirchenoberhaupt ein Kreuz in den Fluss der Stadt. Wer es „fängt“ hat ein Jahr lang Glück. Offenbar dürfen aber nur Männer nach dem Kreuz springen und tauchen. Und so wird Petrunya beinahe Opfer eines wütenden Mobs, als sie es schafft, das religiöse Symbol zu ergattern. Man bezichtigt sie des Diebstahls, die Polizei schreitet gar ein. Und eine Fernsehreporterin, die über sie berichten will, verliert ihren Job. Eigentlich müsste ein solcher Film eine Satire sein. Doch die Schilderung des Hasses auf eine Frau wie Petrunya, die es wagt, zwar ungeschriebene, aber nie hinterfragte Regeln zu durchkreuzen, wirkt leider realistisch.