Kino Filme über Fluchterfahrungen beim 29. Trickfilmfestival Stuttgart

In „Flee“ blickt ein Afghane zurück auf seine Kindheit vor der Flucht nach Dänemark.
In »Flee« blickt ein Afghane zurück auf seine Kindheit vor der Flucht nach Dänemark.

Das 29. Internationale Trickfilmfestival in Stuttgart hat zahlreiche Animationen mit hohem Realitätsbezug gezeigt. Darunter: eine Parabel über die Leuchtkraft der Kunst in dunklen Zeiten, die ihren Anfang in Odessa nimmt. Preise sind an dänische und chilenische Filmemacher gegangen.

Zurück im Kino und als Open Air auf dem Schlossplatz im Herzen Stuttgarts: Darauf freuten sich Liebhaber des künstlerischen Animationsfilms nach zwei Jahren Sofa-Festival. Doch den Zustrom zu den Sälen hatten sich die Veranstalter des 29. Internationalen Trickfilm-Festivals üppiger gewünscht. Die Besucherzahlen von 2019 wurden deutlich verfehlt. Das lag vermutlich auch daran, dass das Festival erstmals ein hybrides Angebot machte. Wer Menschenandrang und Volksfest-Stimmung auf dem Schlossplatz scheute, konnte virtuell dabei sein. Rund 10.000 Sichtungen in der Online-Mediathek machten die zögerliche Rückkehr zur Live-Veranstaltung ein Stück weit wett.

Eine Kindheit in Kabul

Ein Mann legt sich auf eine Couch. „Tief atmen und die Augen schließen“, sagt eine Stimme aus dem Off. Eine Therapiesitzung? Nicht ganz. Denn es ist eine Kamera im Spiel, die noch richtig justiert werden muss. Dann gleiten die Gedanken des etwa 45 Jahre alten Mannes in die Vergangenheit. Musik der 1980er erklingt, „Take on me“ von A-ha. Animierte Zeichnungen zeigen einen fröhlichen Jungen mit Kopfhörer. Er tanzt durch die Straßen von Kabul, der Hauptstadt des damals von der Sowjetunion besetzen Afghanistans. Dass der kleine Mann das Kleid seiner Schwester trägt, stört niemanden. Aber in die fröhliche Stimmung mischt sich bald ein melancholischer Ton. Der Junge vermisst seinen Vater, der von den Sowjets verhaftet wurde.

„Flee“ erzählt eine wahre Geschichte als animierte Dokumentation, ähnlich wie „Waltz with Bashir“ (2008) von Ari Folman. Sie handelt von Amin, der als Jugendlicher mit Mutter und Geschwistern aus Afghanistan nach Moskau und dann allein weiter nach Dänemark fliehen musste. Amin fühlt sich sicher in einem liberalen Land, das Homosexuelle nicht verfolgt. Er macht Karriere als Wissenschaftler, aber sein Asyl basiert auf einer Lüge. Noch nie hat er seine wahre Geschichte erzählt. Bis jetzt, als er sich seinem Schulfreund, dem Regisseur Jonas Poher Rasmussen, anvertraut. Aber er stellt eine Bedingung. Niemand darf seinen wahren Namen erfahren oder sein Gesicht sehen.

Vor Amins innerem Auge

Für Rasmussen, der bisher nur Realfilmdokus gedreht hat, war die Animation das ideale Format, um den schmerzhaften, einer Therapie ähnelnden Erinnerungsprozess in die ästhetisch reizvolle Form handgezeichneter Szenen zu gießen. Klare Konturen verdeutlichen den Film, der vor Amins innerem Auge abläuft. Und immer, wenn die Emotionen zu heftig werden, verschwimmen auch die Bilder. Sie zerfließen in abstrakte Formen – wie ein nebelhafter Schleier, der sich über das Trauma legt. Für die anrührende Visualisierung hat „Flee“ schon viele Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Europäischen Filmpreis. In Stuttgart gewann er den Langfilmwettbewerb.

Ebenfalls von einer Flucht erzählt „Die Odyssee“, dieses Mal aus der Sicht von Kindern und ein Stück weiter weg von konkreten Bezügen als in „Flee“: Flucht als einer Art menschlicher Grunderfahrung. Dabei betört der Film der Französin Florence Miailhe vor allem durch seine außergewöhnliche Optik. Jede Einstellung wirkt nicht nur wie gemalt, sie ist es tatsächlich. Denn die Regisseurin verwendete die Öl-auf-Glas-Technik, bei der die Pinselstriche direkt unter der Kamera auf bis zu vier Glasplatten aufgetragen werden. So entsteht ein farbenprächtiges, auch inhaltlich nicht immer nur düsteres Bild einer Reise von zwei Geschwistern, die auf der Flucht vor dem Terror der Soldaten von den Eltern getrennt werden.

Flucht aus Odessa

Die Regisseurin und ihre Ko-Autorin, die Schriftstellerin Marie Desplechin, rücken die Geschichte zwar grundsätzlich ein Stück weg von historischer Konkretion, hin zu mythischen und leicht märchenhaften Dimensionen, wie sie sich auch im deutschen Verleihtitel widerspiegeln. Auf der anderen Seite geht die auch für Kinder geeignete Geschichte deshalb so unter die Haut, weil konkrete Erfahrungen in sie einfließen. Etwa die Flucht von Florence Miailhes Urgroßeltern aus Odessa oder das Skizzenbuch ihrer Mutter aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Dank der verwendeten Originalzeichnungen funktioniert „Die Odyssee“ auch als anrührende Parabel über die Leuchtkraft der Kunst in dunklen Zeiten. Der Film ist bereits im regulären deutschen Kinoprogramm angelaufen, allerdings nur in wenigen ausgewählten Filmkunsttheatern.

Auch ein dritter Film nahm Bezug auf das Thema Migration, dieses Mal in der anderen Richtung: von West nach Ost. Wieder spielt die Handlung größtenteils in Afghanistan. Helen, eine junge Tschechin, verliebt sich während ihres Studiums in Prag in Nazir und geht mit ihm in dessen Heimat Kabul, allen Warnungen zum Trotz. In warmen Farben und handgefertigten Strichzeichnungen erzählt die Tschechin Michaela Pavlátová in „My Sunny Maad“ von Szenen einer Ehe unter den Bedingungen des Kulturschocks. Helen muss Burka tragen und sich mit den traditionalistischen Vorstellungen ihres Mannes auseinandersetzen.

Eine mutige Frau

Anders als bei einer solchen Handlung zu erwarten, vermeiden die liebevoll animierten Szenen jegliche eurozentristische Besserwisserei. Sie erzählen auf Augenhöhe aus der Perspektive von Helen, die ihre große Liebe auch unter widrigen Bedingungen retten möchte. Unterstützt wird sie dabei vom liberal eingestellten Großvater, dem Oberhaupt der Großfamilie, und von der Zuneigung des Adoptivkindes Maad, die der drohenden Entfremdung der Eltern immer wieder entgegenwirkt.

Mit subtilem Humor und beeindruckendem Einfühlungsvermögen konzentriert sich die Regisseurin auf die private Geschichte einer mutigen Frau, die auf reale Begebenheiten zurückgeht. Der Film basiert auf dem Roman „Frišta“ von Petra Procházková und liefert authentische Innenansichten aus dem Alltag in Kabul, ohne die universelle Perspektive auf die Ehe als solche zu vernachlässigen.

Die Frau, die foltert

Auch bei den Kurzfilmen, dem eigentlichen Herzstück des Festivals, überraschte der diesjährige Jahrgang durch seinen auffallenden Realismus. Insofern war es keine Überraschung, dass ein Film mit direktem Wirklichkeitsbezug den Internationalen Kurzfilmwettbewerb gewann. „Bestia“ des Chilenen Hugo Covarrubias porträtiert einen weiblichen Folterknecht während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Im Puppentrick vor realistischem Hintergrund animiert, beeindruckt die gedrungene Frauenfigur durch helmartige Haartracht und panzerartige Körpersprache.

Doch die Gewalt gegen politisch Verfolgte schlägt auf die Täterin zurück. Die Figur bekommt Risse, und das ganz wörtlich, vor Augen geführt durch ein kleines Loch an der Schläfe. In Tag- und Nachtträumen wird das Böse von sich selbst heimgesucht. Schreckensfantasien unterhöhlen die Arbeit im Foltergefängnis, was schließlich zur Versetzung an einen Schreibtisch führt. In seiner atmosphärischen Dichte deutet der Film die Gräueltaten nur an. Er konzentriert sich auf das, was die Folter mit dem Folterer macht, angelehnt an die Identität einer historisch verbürgten Geheimdienstagentin. Im Unterschied zur Realität kommt die Täterin aber nicht straffrei davon. So viel Rache gönnt sich der ansonsten eher stille Film dann doch.

Wie ihre Arbeit in einem Foltergefängnis des Diktators Pinochet die gewalttätige Aufseherein zermürbt, zeigt der preisgekrönte c
Wie ihre Arbeit in einem Foltergefängnis des Diktators Pinochet die gewalttätige Aufseherein zermürbt, zeigt der preisgekrönte chilenisch Film »Bestia« von Hugo Covarrubias.
x