Fernsehen RHEINPFALZ Plus Artikel Filmbiografie würdigt Alice Schwarzer zum 80. Geburtstag

Nina Gummich spielt in „Alice“ die Feministin Alice Schwarzer.
Nina Gummich spielt in »Alice« die Feministin Alice Schwarzer.

Zum 80. Geburtstag von Alice Schwarzer am 3. Dezember erinnert die ARD in einer Filmbiografie an die Anfänge des Wirkens der herausragenden Journalistin und streitbaren Frauenrechtlerin. Der Zweiteiler beschränkt sich dabei auf eine ganz einschneidende Zeit im Leben der „Emma“-Gründerin.

Deutschlands Fernsehgemeinde, zumindest der weibliche Teil, hielt am 6. Februar 1975 den Atem an. Im Streitgespräch saßen sich Alice Schwarzer, längst eine der Leitfiguren des Feminismus, und Esther Vilar gegenüber. Es ging um den Mann.

Die Gegenspielerin

In ihrem 1971 erschienenen Buch „Der dressierte Mann“ hatte Vilar Schwarzer Contra gegeben: Nicht die Frau werde durch den Mann unterdrückt, sondern umgekehrt: „Die Frauen können wählen, und das ist es, was sie den Männern so unendlich überlegen macht. Jede von ihnen hat die Wahl zwischen der Lebensform eines Mannes und der eines dummen, parasitären Luxusgeschöpfes – so gut wie jede wählt für sich die zweite Möglichkeit. Der Mann hat diese Wahl nicht“, argumentierte die deutsch-argentinische Schriftstellerin und wertete sogar die kognitiven Fähigkeiten von Frauen im Vergleich zum „starken Geschlecht“ ab.

Schwarzer nimmt die Diskussion an, die sie mit ihrem Buch „Der kleine Unterschied“ angestoßen hatte. Zwei Jahre nach dem gemeinsamen Fernsehauftritt prallen die beiden nochmals aufeinander. In „Das Ende der Dressur“ behauptet Vilar, Lesben würden heterosexuelle Frauen, die „normalerweise für ihre ausgefallenen Wünsche absolut unzugänglich wären“ verführen. Auch dies ein Angriff auf Alice Schwarzer, die nach einer längeren Beziehung zu einem Mann mit einer Partnerin zusammenlebt.

Ein Herzstück der Filmbiografie: der als TV-Duell ausgetragene Streit zwischen Alice SChwarzer (Nina Gummich) und Esther Vilar (
Ein Herzstück der Filmbiografie: der als TV-Duell ausgetragene Streit zwischen Alice SChwarzer (Nina Gummich) und Esther Vilar (Katharina Schüttler) .

Der Streit zwischen Schwarzer und Vilar gehört zu den Höhepunkten in dem Zweiteiler „Alice“, der drei Tage vor dem 80. Geburtstag der „Emma“-Gründerin am Mittwoch, 30. November, ausgestrahlt wird. Die Filmbiografie nach einem Drehbuch von Daniel Nocke und Silke Steiner, bei der Nicole Weegmann die Regie übernahm, führt in die Jahre 1964 bis 1977. Die zeitliche Beschränkung hat sich gelohnt. die Filmbiografie hetzt nicht von Ereignis zu Ereignis, es bleibt Raum für die Entfaltung der Figuren.

Offenes Denken

Wenn auch als Au Pair, entflieht Alice Schwarzer (gespielt von Nina Gummich) 1964 der geistigen Enge der Heimat. Sie genießt die französische Lebensart und die Offenheit des Denkens. Als eine der ersten erkennt sie, dass die Freiheit aller Menschen ohne die Befreiung der Frau aus traditionellem Rollenverständnis und gesetzlichen Beschränkungen nicht möglich ist. Fest macht sie es am Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper. 1971 gewinnt sie Hunderte Frauen, darunter Romy Schneider dafür, sich öffentlich zu einer Abtreibung zu bekennen.

Der erste Schritt aus der Rolle der passiven Journalistin zur Aktivistin ist gemacht. Weitere folgen, darunter die Gründung der Zeitschrift „Emma“ im Jahr 1977, die den Schlusspunkt des Films bildet. Alice Schwarzer ist da längst die Ikone der modernen Frauenbewegung, die in die Fußstapfen der von ihr verehrten Simone de Beauvoir tritt. Zugleich ist sie – bis heute – eine der meistgehassten Frauen des Landes. Was sie nie gehindert hat, sich weiter engagiert einzumischen.

Bei einer Vorab-Vorführung von „Alice“ in Berlin trafen sich Alice Schwarzer und Schauspielerin Nina Gummich.
Bei einer Vorab-Vorführung von »Alice« in Berlin trafen sich Alice Schwarzer und Schauspielerin Nina Gummich.

Neben dem politischen Wirken rückt das Privatleben Schwarzers in dem Zweiteiler nie in den Hintergrund. Der Film gewinnt vor allem durch Nina Gummich an Kontur. Die Schauspielerin sieht Schwarzer nicht nur ähnlich. Sie gibt der Vorkämpferin für Gleichberechtigung eine ungeheuer positive Ausstrahlung und verkörpert einen Elan und Optimismus, denen sich kaum ein Zeitgenosse und Zuschauer entziehen kann. Alice Schwarzers Lust an der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und tradierten gesellschaftlichen Strukturen beeindruckt ebenso wie ihre Fähigkeit zum analytischen Denken, ihre genaue Analyse und die Kunst, das Erkannte treffend zu formulieren.

Termin

„Alice“, Mittwoch, 30. November, 20.15 Uhr, im Ersten; ab 23. November bereits in der ARD-Mediathek.

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