Kino
Film der Woche: „Song of Names“
Am Anfang der Filmerzählung steht ein Konzert, das nicht stattfindet: 1951 soll der 23-jährige Geiger David Rapoport (Jonah Hauer-King), genannt Dovidl, in London sein Debüt geben. Doch er erscheint nicht. Sein bester Freund, Martin Simmonds (Gerran Howell), ist schockiert. Und Martins Vater Gilbert (Stanley Townsend) bricht es tatsächlich das Herz. Denn er hatte den jüdischen Jungen aus Warschau vor Ausbruch des Krieges in seiner Familie aufgenommen und dem musikalisch Hochbegabten eine Ausbildung ermöglicht. Was ist passiert? – Erst mehr als drei Jahrzehnte später kommt Martin (jetzt verkörpert von Tim Roth) dem Verschwundenen (nun von Clive Owen gespielt) bei Reisen nach Polen und in die USA auf die Spur und erfährt, warum Dovidl einst verschwunden ist.
Seinen größten Kino-Erfolg hatte der auch auf der Opernbühne erfahrene kanadische Regisseur François Girard bisher mit dem vor 20 Jahren mit einem Oscar für die beste Originalmusik ausgezeichneten Drama „Die rote Violine“. Davor hatte er mit einigen Musik-Dokumentationen auf sich aufmerksam gemacht, etwa über den Pianisten Glenn Gould. Bei all seinen Arbeiten fällt auf, wie effektvoll er Musik und Bilder miteinander verschmelzen kann und mit Tönen Charaktere erforscht, um dem Publikum die kompliziertesten emotionalen Verwicklungen nahezubringen.
Rückblenden in die Kindheit
Mit dieser Qualität besticht auch sein neuer Spielfilm. „Song of Names“ basiert auf dem gleichnamigen Roman des britischen Journalisten, Radiomoderators und Musikautors Norman Lebrecht aus dem Jahr 2002. Wer den Roman kennt, wundert sich nicht, dass es knapp zwei Jahrzehnte gedauert hat, ehe das Buch verfilmt wurde. Komplizierte Zeitsprünge geben der Erzählung eine alles andere als einfache Struktur. Eine Klippe, die Regisseur François Girard und Drehbuchautor Jeffrey Cane („James Bond 007: GoldenEye“ „Exodus: Götter und Könige“) mit Geschick genommen haben.
In Rückblenden aus den 1980ern, da er sich auf die Reisen begibt, werden Martins Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und Jugend lebendig. Sehr wirkungsvoll. Das resultiert zum einen aus der eleganten Fotografie des französischen Kameramanns David Franco und zum anderen aus dem kraftstrotzenden Soundtrack des kanadischen Komponisten Howard Shore („Aviator“, „Der Herr der Ringe“, „Der Hobbit“). Häufig wuchtig, aber alles Sentimentale vermeidend, macht Shore ganz im Sinne des Filmgeschehens klar: Musik kann erzählen, was Worte nicht ausdrücken können, kann sowohl Einzelschicksalen Kontur und Facettenreichtum verleihen als auch die Menschheitsgeschichte an sich beleuchten.
Die Unsichtbarkeit des Leids
Um die Spannung nicht zu nehmen, sei nicht verraten, was es mit dem titelgebenden „Song of Names“ auf sich hat. Angemerkt sei aber: Das Stück erklärt, warum Dovidl urplötzlich alle Zelte abgebrochen hat. Zudem macht es klar, was einen begabten Musiker und ein künstlerisches Genie voneinander unterscheidet. Und, die größte Leistung von Komponist Howard Shore: Der „Song“ verweist deutlich, aber nicht aufdringlich darauf, dass die Figur des Dovidl auch metaphorisch zu verstehen ist. Das Verschwinden dieses Manns steht für die Unsichtbarkeit des durch den Holocaust ausgelösten Leids unter vielen, viel zu vielen, der Nachgeborenen.
Der in die Jahre gekommene Martin indes ist die Hauptfigur des Films. Seine Reisen in die eigenen Erinnerungen und dann von London aus nach Polen und in die USA sind auch Reisen zu seinem eigenen Ich. Dank Tim Roths Unaufgeregtheit im Spiel wird rasch klar, dass es hier viel darum geht, die Aufmerksamkeit des Publikums für das Erbe der Historie und für die eigene Unzulänglichkeit zu stärken. Roth, der wie immer eher in sich gekehrt agiert, führt das Publikum behutsam zum Kern des Films. Und der Film macht deutlich: Wollen wir eine lebenswerte Welt, müssen wir alles wissen. Aber: Wissen heißt nicht automatisch, dass wir auch alles verstehen können.