Kino
Film der Woche: „Marie Curie – Elemente des Lebens“
Marie Curies Leben interessiert schon allein deshalb, weil sie eine überragende Wissenschaftlerin war. Obendrein bietet ihre Biografie mit gleich zwei ungewöhnlichen Liebesgeschichten und vielen politischen Aspekten jede Menge Dramatik.
Marie Curie war die erste Frau, die mit einem Nobelpreis geehrt wurde, 1903 neben Henri Becquerel zusammen mit ihrem Gatten Pierre Curie für Physik. Zudem ist sie eine von gerade mal vier Persönlichkeiten, die diese Auszeichnung gleich zwei Mal bekommen haben. 1911 nämlich erhielt sie die weltweit bedeutendste Ehrung für wissenschaftliche Arbeiten erneut, dieses Mal für Chemie.
Vorlage ist ein Comicroman
Aber nicht die Auseinandersetzung mit diesen ungewöhnlichen Erfolgen macht die von Marjane Satrapi („Persepolis“, „Huhn mit Pflaumen“) inszenierte Adaption der vor zehn Jahren in den USA herausgekommenen Graphic Novel „Radioactive: Marie & Pierre Curie: A Tale of Love and Fallout“ von Lauren Redniss spannend und sehenswert. Dafür sorgt in größerem Maß der Versuch, Marie Curies Wirken weit über ihre Zeit hinaus zu beleuchten, Segen und Fluch ihrer Entdeckungen zu spiegeln, in historische Zusammenhänge zu setzen.
Marie Curie (Rosamund Pike), die zunächst gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre (Sam Riley) forscht, die wesentlich an der Entdeckung der Elemente Radium und Polonium beteiligt ist und die den Begriff „radioaktiv“ prägt, wird von Marjane Satrapi sozusagen aus der Zukunft heraus betrachtet. Und die hielt bekanntlich manch Furchtbares bereit, etwa die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki. Leider hat Marjane Satrapi bei dem Versuch, das Wissen nachfolgender Generationen zu spiegeln, etwas zu viel Experimentierfreude walten lassen. Wenn Marie Curie im Film beispielsweise direkt mit dem Horror von Hiroshima konfrontiert wird, mutet das zu vordergründig an.
Eine großartige Hauptdarstellerin
Rosamund Pike („James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag“, „Stolz und Vorurteil“) bewältigt als Hauptdarstellerin brillant die schwierige Aufgabe, die Neugier der Zuschauer auf die Hauptfigur trotz aller notwendiger und gelegentlich durchaus trockener Reflexion wissenschaftlicher und politischer Fragen zu schüren und wachzuhalten: Sie charakterisiert Marie Curie nicht als verstockte, überehrgeizige Forscherin, die verbissen nach Erfolg strebt. Vielmehr verkörpert sie eine Frau, für die es ganz selbstverständlich ist, ihren Neigungen und Leidenschaften nachzugehen, sei es im Beruflichen, sei es im Privaten. Mit sparsamen Mitteln entwickelt Pike einen handfesten Charakter, eine Persönlichkeit, mit der man als Zuschauer sofort durch dick und dünn gehen würde. Ihre Marie Curie ist wissensdurstig und liebeshungrig, modern und weltgewandt und gelegentlich zugleich auch weltfremd, etwa wenn sie unbeirrbar an das Gute im Menschen glaubt.
Seine stärksten Augenblicke hat der Film, wenn er ohne agitatorischen Eifer gleichsam nebenbei die Borniertheit der bürgerlichen Elite im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts zeigt. Sexismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind an der Tagesordnung. Marie Curie wird von engstirnigen Nationalisten verunglimpft, schon allein ob ihrer polnischen und dazu auch noch angeblich jüdischen Herkunft. Dass sie als Frau in den bis dato von Männern beherrschten Bereich der Lehre und Forschung eindringt, und auch noch Erfolg hat, macht sie in den Augen der Traditionalisten, Männern wie Frauen, ohnehin zu einer „unmöglichen Person“.
Die Borniertheit der Bürger
Als sie schließlich, Witwe und Mutter, eine Liaison mit einem jüngeren Kollegen eingeht, ist sie für die tonangebenden Leute endgültig so etwas wie ein Monster, eine, „die nicht dazugehört“. Der Film setzt dem die Aufrichtigkeit Marie Curies entgegen. Eine der schönsten Szenen zeigt sie und Pierre in der ersten gemeinsamen Nacht. Marjane Satrapi bebildert das schicksalhafte Miteinander, das die zwei Liebenden tatsächlich in den Himmel abheben lässt, als bezauberndes Schattenspiel voller märchenhafter Erotik. Nicht allein hier, sondern in all ihren gemeinsamen Szenen, agieren Rosamunde Pike als Marie und Sam Riley als Pierre mit seidiger Eleganz. So springt denn auch der Funke mühelos aufs Publikum über.