Schauspiel
Festival Theater der Welt in Frankfurt und Offenbach
Ein Programmsegment bestätigte einen nicht wirklich neuen Trend: Die Grenzen zwischen den künstlerischen Gattungen werden immer brüchiger, Theater wird zur Performance. Schon im Vorfeld hatte die Programmdirektorin Chiaki Soma einen Slogan für das Festival gesucht und unter der Überschrift „Inkubation Pod. Dreaming Worlds“ Videoarbeiten im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst rund um die Schnittstelle von Theater, Film und Bildender Kunst versammelt. Man ging vorbei an Rauminstallationen, konnte sich zur Akupunktur anmelden oder im „Zukhra“-Raum der usbekischen Künstlerin Saodat Ismailova auf einer großen Leinwand schlafenden Frauen zusehen, die allmählich zu verschwinden schienen.
Tatsächlich um die Zukunft des Theaters ging es in anderen Produktionen. Meiro Koizumi aus Japan zum Beispiel überraschte mit einer in den virtuellen Raum verlegten Prometheus-Trilogie. Im zweiten Teil wurde der Zuschauer mit einer 3D-Brille in ein kleines Zelt verbannt, wo er plötzlich vom Waldboden aufsteigende Verwirbelungen thermischer Energie wahrnehmen konnte, die Menschen normalerweise nicht sehen, Schmetterlinge dagegen schon.
Was macht KI aus dem Schauspieler?
Mit solchen Arbeiten etablierte Chiaki Soma ein Thema, das in Deutschland noch nicht wirklich angekommen ist, für Theater- und Filmemacher aber zentral werden könnte. Immerhin streikten zeitgleich in Hollywood Drehbuchautoren und Schauspieler. Sie stellten die bedeutende Frage, was aus all den Berufen werden soll, die wegfallen, sobald in Film und Theater Künstliche Intelligenz (KI) und virtuelle Realitäten (VR) die Hauptrolle spielen.
Beim Festival Theater der Welt konnte jeder Besucher an sich selbst testen, was KI auf der Bühne so alles kann. In „Ultimate Safari“ der Theatergruppe Finn Works aus Tansania zum Beispiel ging es zuerst einmal um die Ikone des modernen Safari-Tourismus: Bernhard Grzimek, der zwar für den Schutz von Wildtieren in Tansania gesorgt, in den Nationalparks aber auch einen neokolonialen Verteilungskampf um die Ressource Land angestoßen hat. Eine Schauspielerin und zwei Schauspieler spielten im Publikum und erzählten in einer choreografierten Inszenierung, wie so etwas funktioniert. Dann sollten die Zuschauer eine 3D-Brille aufsetzen und saßen plötzlich als Safari-Touristen auf dem Dach eines Range Rovers und sahen eine Elefantenherde zum Anfassen nahe und derart real vorbeiziehen, dass man sich fragt, ob das nicht die Blaupause für eine neue Art Safari-Tourismus sein könnte. Die Tiere und Menschen in den Nationalparks hätten ihre Ruhe und der Mitteleuropäer ein beeindruckendes Seherlebnis im eigenen Wohnzimmer.
Der Zuschauer auf dem Schleudersitz in den Kosmos
Finn Works zeigt, dass KI eine Bereicherung für dokumentarisches Theater sein kann. Der thailändische Filmemacher und Cannes-Preisträger Apitchatpong Weerasethakul stößt in eine ganz andere Dimension vor und macht in „A Conversation With the Sun“ aus dem Zuschauer einen handelnden Akteur, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dabei sollte jeder auf die anderen achten, die in Form von weißen Punkten in der VR-Brille erscheinen. Das wiederum ist schwierig, da ihn zugleich Bilder wie die einer langsam aufsteigenden wunderbar glühenden Sonne überwältigen. Man schwebt über einem Abgrund, und das Hirn gibt die Information: Vorsicht, da ist nirgendwo sicherer Grund! Gleichzeitig drängt es einen, weiter zu gehen. Ziemlich schwierig, so völlig losgelöst im kosmischen Raum.
Schauspieler braucht Weerasethakul nicht, ganz im Gegensatz zum portugiesischen Autor und Regisseur Tiago Rodrigues. In „Catarina und Von der Schönheit Faschisten zu töten“ geht um Portugals Salazar-Diktatur, die erst 1974 durch einen Putsch beendet wurde. Im Stück hat sich eine Familie dazu verpflichtet, jedes Jahr einen Faschisten zu töten. Dieses Mal funktioniert das allerdings nicht, und so kommt es, dass der Schauspieler, der den Faschisten spielt, am Ende in einer endlos anmutenden Rede rechtsradikales Gedankengut in linksliberalen Redeschablonen von sich gibt.
Teil des Publikums will die Bühne stürmen
Der Text zeigt auf hohem Niveau, warum sich die Diskursgrenzen zwischen rechts und links immer mehr auflösen. Ein Teil des Publikums wollte die Bühne stürmen und dem „Faschisten“ das Reden verbieten. Die Schauspieler hielten dem Druck aber stand und spielten weiter bis zum donnernden Schlussapplaus jener Zuschauer, die von Cancel Culture nicht so viel halten und weiterhin davon ausgehen, dass auf der Bühne reales Leben „lediglich“ dargestellt wird. In drei Jahren wird man sehen, wie sich das mit der KI weiterentwickelt hat. Spielort des Festivals ist dann Chemnitz.