Kultur Ex-US-Präsident Bill Clinton verfasst Politthriller
Die Lage ist ernst. Cyberterroristen haben sich die USA zum Ziel genommen, um mit einem Computervirus alle zentralen Netzwerke anzugreifen und lahmzulegen. Hacker als Krieger neuen Typs: Das hat sich der frühere US-Präsident Bill Clinton als Thema seines literarischen Debüts ausgesucht, bei dem ihm sein Landsmann James Patterson tatkräftig unterstützte. Die Figur im Zentrum – fast zwangsläufig: der US-Präsident.
Die Uhr tickt, es bleibt kaum Zeit, um das Unglück abzuwenden. Ein Horrorszenario: Es droht der Kollaps der Weltmacht. Dass allen die Tragödie erspart bleibt, und danach sieht es lange Zeit nicht aus, hat viel mit dem Präsidenten Jonathan Duncan zu tun. Der Mann hat es wahrlich nicht leicht im Leben: den Vater im Alter von vier Jahren verloren, die geliebte Frau an Krebs gestorben, die Tochter weit weg zum Studium, er selbst leidet an einer Blutkrankheit und den Alpträumen als mehrfach verwundeter Kriegsveteran im „Desert Storm“. Doch Duncan ist ein Kämpfertyp, lässt sich nicht unterkriegen, auch nicht vom Sonderausschuss des Repräsentantenhauses, dem er Rede und Antwort stehen muss, denn ein Amtsenthebungsverfahren droht. Wie dieser präsidiale Held den Fall dann fast im Alleingang klärt, den anderen, und es sind viele um ihn herum, immer einen Schritt voraus, erzählen James Patterson und Bill Clinton in ihrem ersten gemeinsamen Roman „The President Is Missing“. Der eine, Patterson, soll vom Verlag pro geschriebenes Buch rund neun Millionen US-Dollar vertraglich zugesichert bekommen haben (und er liefert dank tüchtiger Co-Autoren einige Exemplare im Jahr ab), der andere, Clinton, hat für seine Memoiren vorab zehn Millionen Dollar kassiert. Ein Autorenduo auf Augenhöhe also, das vom Rechtsanwalt Robert Barnett, einem gemeinsamen Freund, zu dieser lukrativen Kooperation verkuppelt wurde. Die Filmrechte sind selbstverständlich schon längst veräußert, eine TV-Serie ist in Planung. Im professionellen Spiel aus Fiktion und Realität macht den beiden sowieso kaum jemand etwas vor. Die Namen der Handelnden mögen erfunden sein, die Staaten sind es nicht. Und wenn der nicht existierende Präsident als Ich-Erzähler den Leser unmittelbar ins Geschehen hineinzieht, in seine hermetische Sphäre aus Überlegungen, Absichten, Kalkülen, Gefühlen, dann klingt da manchmal in den Anmerkungen oder Reden nicht nur der Autor Bill Clinton, sondern auch der existierende Ex-Präsident durch. Das macht ja überhaupt erst den Reiz dieses Projektes aus, das natürlich kein Schlüsselroman sein möchte: die Erschaffung eines Staatschefs mit Hilfe eines Staatschefs. Das Ergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen: Jon Duncan ist ein Präsident, wie er gern im Hollywood-Action-Kino vorgeführt wird. Ein idealer Held, ein bisschen kaputt, ein bisschen kernig, clever und smart. Er neigt zu unkonventionellen Methoden, wenn es sein muss zum Wohle der Nation. Und er zieht auch die Knarre und ballert um sich, wenn es nicht anders geht. Die Freunde sind rar (die Staaten Israel und Deutschland), die Feinde vielzählig (aus der Ukraine, Georgien, Saudi-Arabien, Russland oder den USA), überall und nicht gleich zu entdecken: ob die Cyberkrieger der Söhne des Dschihad, die Söldner, die Auftragskillerin, die hohe Beamtin als Verräterin, der Staat als Akteur, der mit den Terroristen gemeinsame Sache macht. Doch Duncan behält in den fünf chaotischen Tagen im Mai, in denen der Politthriller spielt, den Durchblick und kann am Schluss voller Stolz, den Angriff mit vereinten Kräften abgewehrt zu haben, salbungsvolle, patriotische Worte an sein Land richten. Wie die Amis der „größten Bedrohung nach dem Zweiten Weltkrieg knapp entronnen“ sind, erzählen die beiden 71-jährigen Autoren dank der üblichen Mittel des Genres Thriller: maximale Spannung und dichte Handlung, jede Menge Cliffhanger und falsche Fährten, rasantes Tempo und explosive Action in einer kurzatmigen, effektiven Sprache, die knackige Dialoge und zackige Beschreibungen am Fließband produziert. Irritationen sind garantiert, und selbst die Ursachen können nicht exakt ausgemacht werden in der Überzahl an Handelnden, Ereignissen, Rückblenden, Fakten und Details als ausgestellte Expertise, Mini-Porträts und –Psychogrammen. Mit brachialer Konsequenz bestücken Patterson und sein Co-Autor Clinton (so wohl die richtige Reihenfolge) ihren Politthriller, der vehement die alte Weltmacht mit ihren alten Werten verteidigt, selbst wenn er in eine neue Welt mit neuen Bedrohungen abtaucht. Lesezeichen Bill Clinton, James Patterson: „The President Is Missing“; Deutsch von Anke und Eberhard Kreutzer; Droemer; 480 Seiten; 22,99 Euro.