Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Erste Schauspiel-Premiere an der Ausweichspielstätte

Brecht-Parabel mit Revue-Finale: Ragna Pitoll, Annemarie Brüntjen und Jessica Higgins.
Brecht-Parabel mit Revue-Finale: Ragna Pitoll, Annemarie Brüntjen und Jessica Higgins.

Mit Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ eröffnet die neue Ausweichspielstätte des Mannheimer Schauspiels. An Brechts 125. Geburtstag Grund für Feierlaune und Begrüßungsreden. Der Klassiker kommt dann recht jugendlich zerzaust daher.

Ziemlich weit draußen, nur ein paar Autominuten entfernt vom Viernheimer Kreuz, befindet sich die neue Heimat des Mannheimer Nationaltheaters. Statt Jugendstilanlage und Innenstadtflair gibt es hier Ausfallstraßen und Baumärkte. Der neue Ort ist ein großes Versprechen. Auf dem ehemaligen Gelände der US-Streitkräfte soll ein neuer Stadtteil entstehen, ein urbanes Startup sozusagen, Kultur inbegriffen. Das Theater übernimmt mit seiner Ausweichspielstätte während der Generalsanierung des angestammten Hauses hier die Pionierrolle: modernes Schauspiel im Alten Kino Franklin, wo früher GIs Hollywoodschinken guckten.

Für einen Neuanfang ist der Ort perfekt. Der Zuschauerraum eine schmucklose Halle mit Stahltribüne, grelle Strahler an der Decke, Werkstattatmosphäre; draußen langer Bartresen, zu kleine Garderobe und überall Gedränge. Man fühlt sich an die Berliner Schaubühne erinnert, die ja auch in einem ehemaligen Kino untergekommen ist. Bei der ausverkauften Eröffnungspremiere gab’s Brecht und gespannte Erwartungen. Dem neuen Theater galten die vor allem, aber auch Charlotte Sprengers Inszenierung des „Guten Menschen von Sezuan“. Wie große Freiheiten würde sich die junge, schon viel gefragte Regisseurin wohl herausnehmen?

Die Bühne als Partyzone

Der Zugriff war sozusagen zweigeteilt. Inhaltlich traut Sprenger dem von vielen Schülergenerationen ausinterpretierten Klassiker noch viel zu, ästhetisch dagegen fürchtet sie Betulichkeit und Langeweile. Letzterem begegnen sie und ihr Ausstattungsteam mit hyperaktivem Aufwand. Die zehn Darsteller sind im Dauereinsatz, unentwegt wird getanzt, gesungen, gerutscht, gerauft. Die Kostüme im billigen Fast-Fashion-Look werden gendergerecht gewechselt, getauscht oder im Zwiebelprinzip übereinandergeschichtet. Dass der Wasserverkäufer Wang seine Erfrischung im Haifischkostüm kredenzt, gibt gleich mal die Richtung vor: Ein bisschen Mackie Messer und „Dreigroschenoper“ darf es schon sein. Die Bühne, mit ihren Purpursäulen und Fünfziger-Jahre-Leuchten ein Mix aus Kirchenschiff und Kinosaal, ist nicht bloß bei einer verunglücken Hochzeitsfeier eine wilde Partyzone. Dazu kommt ein lautstarker Soundtrack von Orgel und Keyboard, wenn nicht gerade einer der originalen Brecht/Dessau-Songs für kontemplative Beruhigung sorgt.

Das heißt aber nun nicht, dass die Parabel von der Schwierigkeit, ein guter Mensch in einer schlechten Welt zu sein, chancenlos wäre. Dem im finnischen Exil fertiggestellten und 1943 mitten im Weltkrieg in der Schweiz uraufgeführten Stück traut die Regisseurin durchaus Aktualitätspotenzial zu.

Kapitalismus- und andere Krisen

Mit den über der Szene flimmernden Internet-Filmchen aus aller Welt soll allerdings wohl angedeutet werden, dass der kritische Ansatz sich inzwischen nicht auf ein Kapitalismusproblem beschränken lässt. Die Krise ist zum globalen Dauerzustand geworden. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, lässt sich nicht bloß wie bei Adorno auf den Faschismus beziehen oder wie bei Brecht auf den ausbeuterischen Kapitalismus, sondern auch auf Klimakatastrophe und andere Krisen.

Am Beispiel der Klimarettung ließe sich die Geschichte der von den Göttern mit Geld und der Verpflichtung zum Gutsein mit einem Tabaklädchen ausgestatteten Shen Te durchspielen. Als sich für die anderen aufopfernder Mensch ist die Heldin schnell pleite, aber wenn sie in die Rolle des herzlosen, ökonomisch knallhart kalkulierenden Vetters Shui Ta schlüpft, kann sie das Kapital vermehren und der Allgemeinheit nützen. Auch beim Umgang mit der Klimaveränderung und ihren Folgen wird der gute Willen des Einzelnen nicht ausreichen, wird viel Wirtschaftskraft nötig sein für Windräder, Wasserstoffproduktion und Staudämme.

Viel Frauenpower

Brechts Text besitzt also durchaus noch kritische Widerhaken. Charlotte Sprengers Inszenierung deutet dies aber nur an, interessiert sich noch am meisten für die hier ebenfalls gestreifte Geschlechterfrage. Als Frau wird die ehemalige Prostituierte Shen Te nicht sonderlich ernst genommen, als rätselhafter Vetter dagegen genießt sie umstandslos Renommee und Respekt.

Annemarie Brüntjens Darstellung löst diesen Gegensatz immer mehr auf, sie streift sich die Klamotten beider Figuren schichtweise über den Körper, wird in beiden Rollen härter, selbstbewusster und brüllt ihrem wankelmütigen Lover ihre Liebeserklärung wie eine Kampfansage entgegen. Büntjen, Ragna Pitoll (Frau Yang) und Jessica Higgins (Witwe Shin) übernehmen hier auch die Rollen der Götter, die hier selbstbewusste wie selbstgefällige Göttinnen sind, den Menschen in ihrer Not aber auch nicht viel Empathie entgegenbringen. Viel Frauenpower also, die karrieregetriebenen Männer (Arash Nayebbandi als arbeitsloser Pilot, Eddie Irle als reicher Geschäftsmann und Gelegenheitswohltäter) geben da ein eher klägliches Bild ab.

Finale mit Showtreppe

Am Ende gleitet der Abend endgültig ins Revuehafte. Die drei Göttinnen sind jetzt maliziöse Diven in purpurleuchtenden Roben, stöckeln über eine klamottenübersäte Showtreppe herab und zelebrieren den Stückschluss nicht wie von Brecht erdacht als Gerichtsverhandlung, sondern als großes Showfinale. Der Autor hat natürlich trotzdem das letzte Wort: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Das Theater kann ja meist nur schlaue Fragen stellen und ein bisschen unterhalten, das Denken muss das hochverehrte Publikum dann schon selber übernehmen. Und das hat im neuen Mannheimer Theater schon mal ganz ordentlich geklappt.

Termine

Weitere Vorstellungen am 17., 19. und 24. Februar, 11., 25. und 26. März.

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