Journalismus
Enthüllungsreporter Günter Wallraff wird 80
Wallraff ist weiterhin der Reporter, der sich immer wieder mit neuen Masken tarnt und oft hart an der Grenze der Legalität recherchiert. So überraschte er nur wenige Monate vor seinem Geburtstag die verdutzte Öffentlichkeit mit einem Coup auf dem Rhein, als er in den frühen Morgenstunden – natürlich ohne Erlaubnis – in einem Kanu das von Schließung bedrohte Inselgymnasium Nonnenwerth besuchte. Er wollte den Schülern seine Solidarität zeigen. Genützt hat es zwar nichts, aber Wallraff war wieder einmal in aller Munde.
Er wird wegen solcher Aktionen bewundert und gefürchtet. Die Anzahl seiner Gegner ist mit der Zeit aber auch nicht geringer geworden. Und wie oft hat er sich als vehementer Kritiker von Missständen in der bundesdeutschen Arbeitswelt vor Gericht verteidigen müssen! Die meisten Prozesse hat er gewonnen. Auch, wenn häufig an diesem Denkmal gerüttelt wird - dass es einstürzen könnte, ist kaum zu erwarten.
Hang zum Außenseiter
Wallraff, der „Mann mit der Maske“ mit einem gewissen Hang zum Außenseiter, der in der Rolle des Türken Ali seine Identität zwar nicht vollendete, aber doch neu formte. Die vielen Masken, die er trug, verbargen nicht nur sein wahres Gesicht. Sie ermöglichten es ihm auch, immer wieder neue soziale Rollen zu übernehmen. Die Maske als „Teppich des Lebens“ (Stefan George), die Maske, die in das Gesicht wächst, zur Charaktermaske wird? Er gab sich als Obdachloser aus, als Mönch und Ministerialrat, arbeitete als Tagelöhner bei Thyssen und schlich sich beim Kölner Gerling-Konzern als Bürobote ein.
Schließlich verwandelte er sich in den „Bild“-Reporter Hans Esser, beschimpfte das Springer-Blatt als eine „gigantische Fälscherwerkstatt“ und wurde daraufhin als „Untergrund-Kommunist“ tituliert. Sonderlich beeindruckt war er davon nicht. Er publizierte in all diesen Jahren Buch um Buch über seine Erfahrungen und Recherchen. Die meisten waren höchst erfolgreich, auch wenn es immer wieder Stimmen gab, die Wallraffs alleinige Autorenschaft bestritten.
Juristische Scharmützel
Er wollte die „Welt hinter den Werkstoren“ kennen lernen, ging in die Fabriken, um „selbst Arbeiter zu werden, so zu denken und zu fühlen wie ein Arbeiter.“ Dabei enthüllte er häufig Ungeheuerlichkeiten, skandalöse Zustände – ob im Call-Center oder in der Großbäckerei. Sein „Wallraffen“, wie diese Spielart des investigativen Journalismus inzwischen genannt wird, führte oft zu juristischen Scharmützeln.
Wallraff schien mitunter gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber er gab den permanenten Drachentöter, mit einem hochmoralischen Gestus, der manchen in seiner Umgebung übel aufstößt. Dabei ragt dieser Typus des Enthüllungsreporters wie aus einer fernen Vergangenheit als Ikone in die Gegenwart.
Misshandelt und zusammengeschlagen
Der Einzelgänger Wallraff wollte immer schon Höheres erreichen. Er deckte Putschpläne des früheren portugiesischen Präsidenten Spínola gegen die demokratische Führung in Lissabon auf. Er entlarvte die engen Kontakte zwischen Franz-Josef Strauß und dem chilenischen Militärmachthaber Pinochet. Die Obristen in Athen misshandelten und sperrten ihn ein, nachdem er sich auf dem Syntagma-Platz in Athen angekettet hatte und von Polizisten zusammenschlagen ließ.
Vielleicht wollte er damals in den unruhigen 1960er-Jahren die Rolle des Opfers annehmen, eine „katholisch-masochistische Konstitution“, wie die „Süddeutsche“ schrieb. In diesen Jahren waren Strauß und Springer seine gefährlichsten Gegner. Dann brannte es auch noch in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld. Der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer urteilte damals: „Günter Wallraff hat seinen Leib hingehalten. Er wollte den Griechen ein Grieche sein, ihr Leiden auf sich nehmen, um es einer gleichgültigen Welt sichtbar zu machen.“
„Abnorme Persönlichkeit“
Dabei war er doch einer wie viele, die nach dem Krieg weitgehend vaterlos aufwuchsen. Ein Einzelkind, rebellisch noch dazu. Nach der Mittleren Reife schloss er mit Mühe eine Buchhändlerlehre ab, ging dann zur Bundeswehr, die ihn als „abnorme Persönlichkeit, untauglich für Krieg und Frieden“ abservierte. Schließlich aber nach der Wende die hässliche Sache mit dem Stasi-Verdacht, den Wallraff nie ganz ausräumen konnte und der am Ende die Freundschaft mit Wolf Biermann ruinierte. Beweisen konnte ihm aber niemand etwas. So bleibt auch diese Wunde offen – wie so viele Fragen. Aber wenn es Günter Wallraff nicht gäbe – man hätte ihn erfinden müssen.