Ausstellung
Eine Wiederentdeckung: Ludwig Knaus im Museum Wiesbaden
In der Mitte des 19. Jahrhunderts rangen verschiedene künstlerische Strömungen miteinander. Der Tradition verpflichtet waren die Romantiker und Idealisten, neu und revolutionär die Realisten und Naturalisten, auf die sich später die Impressionisten berufen sollten. Das Medium des neuen Realismus war vor allem die Zeichnung. „Nicht gemalt werden durfte, was zuvor nicht zeichnerisch erfaßt und damit beherrscht war“, fasste es vor einigen Jahren Bernd Küster zur ersten Retrospektive von Ludwig Knaus’ Zeichnungen in Aschaffenburg zusammen.
Und Ludwig Knaus – aus einfachen Verhältnissen stammend, ausgebildet beim Landschaftsmaler Otto Reinhold Jacobi und später bei Carl Ferdinand Sohn und von Wilhelm von Schadow an der Akademie in Düsseldorf, wo er sich ein Atelier mit Anselm Feuerbach teilte – beherrschte seine Sujets schon sehr früh meisterhaft. Die Zeichnung war ihm ein Mittel der Wirklichkeit, was auch die aktuelle große Ausstellung im Museum Wiesbaden zeigt, die man „Homecoming“ genannt hat. In Wiesbaden ist man stolz auf seinen alten Knaus.
Wache Augen, furchige Gesichter
Vor allem in der Schilderung des einfachen, bäuerlichen Volkslebens ist Knaus ein großartiger Könner. Er wollte malen, „wo die Leute sprechen und handeln und in intimer Beziehung zueinander stehen“. Seine Schwarzwaldbauern mit ihren wachen Augen und furchigen Gesichtern, die bäuerlichen, bunten Szenen des Landlebens, die seit der Jahrhundertmitte in Hessen, im Schwarzwald, in England, Italien, Belgien und Holland entstehen, gehören zu den besten Genredarstellungen der Zeit, wie ein Chronist schon 1878 bemerkt: „Seine Bauern sind eben Bauern, er glättet die Härten ihres Wesens nicht, um sie salonfähig zu machen.“
Knaus, Professor an der Berliner Kunstakademie, war damals ein echter Star: 1855 waren seine Arbeiten auf der Pariser Weltausstellung zu sehen und wurden gefeiert. Knaus zog nach Paris, verkaufte seine Werke in die USA. Der New Yorker Kunsthändler Samuel Putnam Avery kümmerte sich erfolgreich um die Vermarktung: „New York ist the market for Knaus.“ Die französische Kaiserin Eugénie, die letzte Monarchin Frankreichs, erwarb auch ein Gemälde. Doch nach seinem Tod 1910 geriet Knaus schnell wieder in Vergessenheit. Die Genremalerei, die er populär gemacht hatte, verlor ihren Stellenwert.
Faszinierende Zeichnungen
Sein Werk verblasste, was wohl auch die aktuelle Schau mit 170 Arbeiten nicht ändern wird. Auch wenn Werke wie die berühmte, schon zur Entstehungszeit tausendfach reproduzierte „Goldene Hochzeit“ echte Spitzenwerke des 19. Jahrhunderts darstellen. Besonders lohnend ist die Ausstellung auch, weil es Kurator Peter Forster und seiner Mitkuratorin Rebecca Krämer gelungen ist, einige Arbeiten erstmalig aus den USA zu leihen, die nun in die Geburtsstadt des Künstlers zurückkehren.
Genauso wie die teilweise von vielen Figuren bevölkerten Gemälde wie etwa „Der Taschenspieler“ von 1862 faszinieren die Zeichnungen in der Schau, von denen die meisten aus der Sammlung des Museums selbst stammen. Hier zeigt sich die Meisterschaft von Ludwig Knaus beinahe noch unmittelbarer. Doch man hat sie allzu dicht gehängt. Dabei sind sie der Malerei ebenbürtig und hätten ebenso großzügig präsentiert werden sollen.
Leise Sozialkritik
In Wiesbaden ist man guter Dinge, dass Knaus in Zukunft attraktiver für die Gegenwart werden könnte. Eine neugegründete Knaus-Gesellschaft soll helfen, den Malerstar des 19. Jahrhunderts wieder etwas bekannter zu machen.
Ein politischer Maler ist er nicht, ein leise sozialkritischer wohl schon, der die Armut des Volkes in seinen Bildern nicht verleugnet. Einen „poetischen Realisten“ hat Forster den Künstler genannt. Und ja, es stimmt: Er poetisiert die Verhältnisse in einer durch die Industrialisierung bereits im Umbruch begriffenen Welt. Malt strahlende Bilder, die von einem armen, einfachen, aber glücklichen Leben erzählen. Man kann diese Bilder als naiv brandmarken – oder sie seufzend mit einer gewissen Sehnsucht betrachten.
Die Ausstellung