Literatur
Ein ziemlich ernster Comic über die Spaßmacher Laurel & Hardy
Der traurige Clown ist natürlich ein abgedroschenes Klischee. Es ist ebenso beständig wie die Mär, Stan Laurel und Oliver Hardy seien als enttäuschte, ins Vergessen gestürzte Opfer des Star-Systems in Armut gestorben. Dass die romantische Legende so gar nicht zutrifft, beweisen ihre dauerhafte Popularität, die Übernahme ihrer Gags durch nachfolgende Kollegen – und ihre literarische Wiederkehr.
Laurel & Hardy in der Literatur
Der Argentinier Osvaldo Soriano bediente sich in seiner Erzählung „Traurig, einsam und endgültig“ (deutsch 1978) der Schablone vom tristen Ende. Urs Widmer griff im Bühnenstück „Stan und Ollie in Deutschland“ (1979) Elemente ihrer absurden Komik auf. In jüngerer Zeit erschienen ein Theaterstück von Tom McGrath, ein Roman von John Connolly und 2019 ein viel diskutierter biografischer Spielfilm von Jon S. Baird.
Jetzt also ergänzt der italienische Zeichner Gianluca Buttolo diesen Reigen der Gattungen um eine Graphic Novel. Es ist ein Werk der Huldigung und Hingabe, bestehend aus realistischen, den Filmen nachempfundenen Tuschzeichnungen, die auf Farbe gänzlich verzichten und sich höchstens Grautöne erlauben. Die Sprechblasen-Texte stammen ebenfalls von Buttolo, der sich ein wohlmeinendes Vorwort seines als Trickfilm-Schöpfer des „Herrn Rossi“ bekannten Landsmanns Bruno Bozzetto besorgt hat.
Seine unwiderstehlichen Zeichnungen, in denen es häufig keine Hintergründe gibt, bettet Buttolo in eine Rahmenhandlung: Der gealterte Ruheständler Stan Laurel wird von einem jugendlichen Fan angerufen, dem er seine gemeinsame Lebensgeschichte mit dem bereits verstorbenen Oliver Hardy referiert. Tatsächlich stand der Komiker, der 1961 mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet wurde, ohne Geheimnummer im Telefonbuch.
Dass Buttolo den Anrufer ausgerechnet Seth nennt, könnte als Hinweis auf seinen gleichnamigen kanadischen Kollegen („Lemony Snicket“, „Eigentlich ist das Leben schön“) ein Insider-Gag für die kundige Graphic-Novel-Gemeinde sein. Im Übrigen porträtiert Buttolo neben seinen Protagonisten auch ihre Weggefährten und Kollegen mit fast fotografischer Präzision, etwa den gemeinsamen Anwalt Ben Shipman, den Produzenten Hal Roach, Regisseur Leo McCarey und die zahlreichen Ehepartnerinnen.
Der beleibte, 1892 geborene US-Südstaatler Oliver Hardy fand ein dauerhaftes Glück erst mit seiner dritten Frau. Der „doofe“ Stan Laurel – zwei Jahre älter und der weitaus kreativere Kopf des Gespanns – trat mit vier verschiedenen Frauen insgesamt achtmal vor den Standesbeamten. Dazu kamen einige von der Presse weidlich ausgeschlachtete weitere Beziehungen sowie seine permanenten Streitigkeiten mit Studio-Boss Roach. Dem Alkohol frönten Laurel und die zweite Frau Hardy zeitweilig im Übermaß.
Viel Stoff also sowohl für Biografen als auch für Graphic-Novel-Autoren. Der 1968 in Udine geborene Gianluca Buttolo will das Seelenleben, die Freuden und Heimsuchungen zweier Künstler illustrieren, die von der ihnen international entgegengebrachten Zuneigung eher überrascht denn befriedigt waren.
Ein künstlerisch anspruchsvolles Buch
So machen Inhalt wie Gestaltung dieses „wertige“ Buch auf ebensolchen Papier zu einem schönen, künstlerisch ansprechenden und handwerklich beispielgebenden Werk der Fülle. Die Bibliografie wäre nützlicher, wenn sie anstelle der italienischen Übersetzungen die Originalausgaben verzeichnen würde. Immerhin ergänzt sie der Bielefelder Splitter-Verlag, der bereits biografische Graphic Novels über Hitchcock, Tarantino, George Lucas und die Kinopionierin Alice Guy-Blaché herausgegeben hat, um ein paar ausgewählte „Literaturempfehlungen deutschsprachiger Werke“.
Lesezeichen
Gianluca Buttolo: „Laurel & Hardy“. Deutsch von Christoph Haas. 175 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter-Verlag.