Kultur Ein Märchen, damals wie heute

Ungewöhnlicher Roadtrip: Der italoamerikanische Chauffeur Tony Lip (Viggo Mortensen, links) kutschiert den Jazzmusiker Don Shirl
Ungewöhnlicher Roadtrip: Der italoamerikanische Chauffeur Tony Lip (Viggo Mortensen, links) kutschiert den Jazzmusiker Don Shirley (Mahershala Ali) im Jahr 1962 zu Konzertterminen durch die Südstaaten der USA. Es herrscht noch »Rassentrennung«.

Drei Golden Globes und zahlreiche andere Auszeichnungen gab es bereits. Dazu gilt Peter Farrellys „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ mit fünf Nominierungen als einer der heißesten Kandidaten der anstehenden Oscar-Verleihung.

Die stellenweise melancholisch angehauchte Komödie wird von einer wunderbaren Menschlichkeit getragen. Unverstellt plädiert der Film für ein respektvolles Miteinander, egal, welche kulturellen, politischen, ethnischen oder sexuellen Präferenzen Individuen voneinander unterscheiden. In einem Land, in dem, angeführt vom Präsidenten, Ruppigkeit und Kälte den Ton angeben ist das nicht zu unterschätzen! Peter Farrelly erzählt eine zum Teil auf Tatsachen beruhende Geschichte: 1962 geht der afroamerikanische Pianist und Komponist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) auf Tournee durch die Südstaaten der USA. Der als Rausschmeißer im berühmten New Yorker Nachtclub „Copacabana“ erfahrene Tony „The Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen) heuert als Shirleys Fahrer an. Tony braucht Geld. Das ist zunächst der einzige Grund, wieso er, der raubeinige Weiße, sich bei einem „Schoko“, wie er Don Shirley nennt, verdingt. Viel zu sagen haben sich die beiden erstmal nicht. Ihr Verhältnis ist ein rein geschäftliches. Doch im Laufe der gemeinsamen Fahrt kommen sich die Männer näher, lernen den jeweils anderen kennen und erfahren damit auch einiges ihnen bisher Unbekannte oder zumindest Unbewusstes über sich selbst. Die Dramaturgie des Films, an dessen Drehbuch ein Sohn des echten Tony Villelonga beteiligt war, erinnert an den vor 30 Jahren bei der Berlinale uraufgeführten Hollywood-Hit „Miss Daisy und ihr Chauffeur“. Der bekam damals, bei neun Nominierungen, vier Oscar-Trophäen zugesprochen. Man staunt und ist auch erschrocken, dass das Thema Rassenwahn in den USA nach wie vor eine solche Virulenz hat. Wie 1989 ist es offenbar auch 2019 angebracht, in der Kunst publikumswirksam über die Dummheit und Gefährlichkeit von Vorurteilen nachzudenken. Der Titel des Films bezieht sich auf etwas, was es heute wenigstens nicht mehr gibt, einen Reiseführer mit dem Titel „The Negro Motorist Green Book“. Das vom afroamerikanischen Publizisten Victor Hugo Green herausgegebene Buch erschien von 1936 bis 1966 immer wieder in Neuauflagen. Es half Frauen und Männern mit schwarzer Hautfarbe, herauszufinden, welche Hotels, Restaurants und Geschäfte ihnen zur Verfügung standen. Auch die Protagonisten des Films nutzen diese Publikation – und müssen erleben, wie lebensgefährlich es sein kann, wenn sie von der vorgegebenen Route und den empfohlenen Stationen abweichen. Inszeniert hat Peter Farrelly. Seit der von ihm mit seinem Bruder Bobby inszenierten Trash-Klamotte „Verrückt nach Mary“ (1998) gilt er als Experte für derbe Scherze, die gern unter die Gürtellinie zielen. Hier nun setzt er überwiegend auf feineren Humor. Aber es geht in einigen Szenen auch hart zur Sache. Kompromisslos ernst etwa hat Farrelly Momente inszeniert, die den Irrsinn des alltäglichen Rassismus’ zeigen: Eben noch wird Don Shirley von einem ausschließlich weißen Auditorium als Künstler bejubelt. Im nächsten Moment muss er sich als „Nigger“ beschimpfen lassen, der nicht auf dieselbe Toilette gehen darf wie sein Publikum. Wo derartige Ungerechtigkeiten kurz und knapp beleuchtet werden, hat der Film seine dichtesten Augenblicke. Das A und O einer derart stark auf zwei Charaktere konzentrierten Geschichte sind jedoch die schauspielerischen Leistungen. Und die sind exzellent. Bei aller kolportagehaften Zuspitzung des Geschehens und damit verbundenen Typisierungen der Figuren, sind Oscarpreisträger Mahershala Ali („Moonlight“) und Viggo Mortensen doch reich anmutende Charakterstudien gelungen. Dank ihres Engagements wachsen Don und Tony über Kumpel-Klischees hinaus, werden zu Persönlichkeiten, deren Tun und Werden man als Zuschauer nur zu gern folgt. Die Nachfahren des echten Don Shirley sehen das allerdings anders. Sie wollen wissen, dass die Wahrheit eine andere war und von Freundschaft nicht die Rede sein konnte. Tony Villelonga soll ein Rassist gewesen und geblieben sein. So muss man den Film denn wohl als Märchen sehen, das die Hoffnung auf ein menschliches Miteinander nähren möchte. Das tut auch Not. Denn derart viel Harmonie wie am Ende dieses Wohlfühlfilms sucht man in der Realität vergebens, nicht nur in den USA.

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