Kultur
Dinosaurier mit Kultstatus: Das Autokino wird heute 60 Jahre alt
Zur Premiere lief „Der König und ich“ mit Yul Brynner, der Eintritt kostete 2,75 Mark. Der Standort war gut gewählt, denn die in der Nähe stationierten amerikanischen GIs wollten die Erfindung aus ihrer Heimat in der Fremde nicht missen und kamen in Scharen. Die in der Pfalz stationierten amerikanischen Soldaten waren auch der Grund, warum man in Ramstein ein Autokino eröffnete, das bis 2007 existierte. Aber auch deutsche „Halbstarke“, wie Teenager damals gerne bezeichnet wurden, wussten das abgeschiedene Wageninnere ohne elterliche Kontrolle zu schätzen. In der prüden Wirtschaftswunder-Ära konnten Heranwachsende hier ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln.
Zwei Bettlaken als Leinwand
Die Idee für das Kino unterm Sternenhimmel stammte von Richard Milton Hollingshead Junior. Sein Vater war Ladenbesitzer für Autopflegemittel und wollte neue Kunden gewinnen. Der Sohn stellte einen Kodak-Projektor auf das Dach seines Buick, als Leinwand dienten zwei Bettlaken, aufgehängt zwischen Bäumen. Am 16. Mai 1933 ließ er sich seine Idee patentieren, drei Wochen später öffnete er in New Jersey mit dem Camden-Drive-In-Theatre das erste Autokino der Welt. Die Zuschauer strömten zu Hunderten ins Freiluftkino, der Beginn einer amerikanischen Erfolgsgeschichte.
25 Cent pro Person und maximal einen Dollar für alle Insassen. Für Großfamilien ein Schnäppchen, und im Fond hatten sogar das Baby und der Hund Platz. Damit den weiter hinten platzierten Fahrzeugen nicht die Sicht durch Vorstehende genommen wurde, konnten sie auf kleine Rampen auffahren. Bereits 1942 gab es in den USA mehr als 100 „Ozoners“, wie die Frischluftarenen wegen ihrer „open zones“ bezeichnet wurden. Zum Höhepunkt im Jahr 1958 war ihre Zahl auf fast 4000 angewachsen, viele davon in ländlichen Gebieten. Manch kleines Lichtspielhaus musste wegen dieser Konkurrenz schließen.
Erstes Autokino in Europa 1957
Europas Uraufführung der Freiluftspielstätten fand am 2. September 1957 in Castelfusano bei Rom statt, ein weiteres „drive-in-cinema“ folgte 1959 in Madrid. Nach Deutschland brachte die Idee der deutschstämmige Südafrikaner Hermann Franz Passage, das geeignete Gelände fand er in der Nähe der A3 bei Frankfurt.
Anders als in den USA blieb der ganz große Boom hierzulande jedoch aus. Immerhin bis zu 40 Autokinos stellten bei uns ihre Kassenhäuschen auf, meist in der Nähe von Großstädten. Im ummauerten West-Berlin eröffnete Mitte September 1965 im Stadtteil Spandau mit dem Olympic das zweite deutsche Autokino, Ende des Monats kam noch eines in Siemensstadt hinzu. Zu den Hochzeiten besuchten pro Jahr bis zu 500.000 Zuschauer die Spielstätten unter freiem Himmel. In Zempow in Brandenburg öffnete 1977 auf dem Gelände einer ehemaligen Hühnermast-LPG das erste und einzige Autokino der DDR seine Pforten. Es überstand die Wende, musste allerdings 2018 schließen.
Die Sommerzeit machte das Geschäft kaputt
Der Rückgang der Besucherzahlen in den Autokinos begann in den 1980ern, als die Einführung der Sommerzeit die Öffnungszeiten wegen später einsetzender Dunkelheit nach hinten verschob und Videorekorder in den Wohnzimmern auf dem Vormarsch waren. Mittlerweile wird das Hauptgeschäft der etwa 20 verbliebenen Autokinos nicht mehr durch die Eintrittspreise von sechs bis acht Euro pro Person erzielt, sondern liegt im Verkauf von Fastfood und Getränken.
Trotz dieser Zusatzeinnahmen können die meisten Betreiber nicht davon leben, daher stellen sie ihre Flächen tagsüber Flohmärkten oder Gebrauchtwagenbörsen zur Verfügung. Wegen hoher Pacht und immer strengerer Umweltauflagen hat sich die wirtschaftliche Situation weiter verschärft, obwohl seit Jahren statt obskurer B-Movies und Horrorfilmen auch aktuelle Blockbuster gezeigt werden. Kino-Manager Walter Jann, dessen Gesellschaft neben der Outdoor-Spielstelle in Gravenbruch auch die Autokinos in München, Stuttgart, Köln und Essen betreibt, bleibt weiterhin zuversichtlich: „Als Dinosaurier mit Kultstatus ist der heutige Bestand auch in Zukunft gesichert.“
Der Ton kommt heute über das Autoradio
Hauptsaison der Filmpaläste draußen ist natürlich der Sommer, je heißer und trockener, desto besser fürs Geschäft. Für die kühlere Jahreszeit können gegen Pfand Heizlüfter ausgeliehen werden. Die Zeiten, als Lautsprecher an Säulen jeweils zwei Fahrzeuge beschallten oder kleine Boxen ins Wageninnere gehängt wurden, gehören der Vergangenheit an. Heute läuft der Ton über eine spezielle Frequenz im Autoradio. Wer keines besitzt, bekommt auch das gegen Gebühr gestellt.
Autokinos versprühen einen Hauch Nostalgie und stehen sinnbildlich für den American Way of Life. Im Autokino in Köln gibt es die Getränke stilecht im 50er-Jahre-Diner mit grellem Neonlicht und üppig gepolsterten, roten Sitzbänken. Rauchen, mit der Chipstüte rascheln, Snacks und Lieblingsbier mitbringen, telefonieren: In der Abgeschiedenheit des Wageninneren fühlt sich dadurch kein Nachbar gestört – anders als im herkömmlichen Kino.
Im übrigen Europa ist die Spezies Autokino vom Aussterben bedroht, weltweit gibt es insgesamt nur noch etwa 500 Spielstätten, meist in Australien und Nordamerika. Doch auch sie drohen nun der fortschreitenden Digitalisierung zum Opfer zu fallen. Berühmt ist das Thunderbird Drive-In Fort Lauderdale in Florida, mit 14 Bildschirmen gleichzeitig das größte Autokino und der größte tägliche Flohmarkt der Welt. An der Lower Eastside in Manhattan befand sich mit dem DRV-IN eines der weltweit kleinsten Autokinos, das nur 50 Fahrzeugen Platz bot. Inzwischen ist es leider geschlossen. Das verrückteste seiner Art war wohl das 1948 für nur kurze Zeit geöffnete „Drive-In and Fly-In“ in Asbury Park /New Jersey. Hier konnten neben 500 Autos auch 25 Flugzeuge parken, die über das angeschlossene Flugfeld in die letzte Reihe rollten. Nach Filmschluss wurden sie per Jeep zur Startbahn zurückgezogen.
Der Kuschel-Effekt
Den Kuschel-Effekt in Autokinos gibt es immer noch, deshalb auch der Spitzname „Knutschkino“. Allerdings haben sich bei uns die sogenannten „love lanes“ nicht durchgesetzt. Die letzten Wagenreihen ohne störende Hintermänner waren in den USA heiß begehrt, entsprechende Tickets gab es für hormongesteuerte Teenies nur gegen Aufpreis.