Kultur Die Stimme der Hoffnung

Film im Film: Yasmin Raeis als die Sängerin Oum Kulthum vor einem ihrer großen Auftritte.
Film im Film: Yasmin Raeis als die Sängerin Oum Kulthum vor einem ihrer großen Auftritte.

Ein Schleier schwebt sanft durch die Luft, tänzelt im Wind, sinkt langsam zu Boden: Mit diesem eindringlichen Bild hat Shirin Neshat in ihrem Regiedebüt „Women Without Men“ (2009) der Sehnsucht unterdrückter Frauen nach Selbstbestimmung Ausdruck verliehen. Mit „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ kommt nun der zweite Spielfilm der in den USA lebenden iranischen Künstlerin ins Kino.

Shirin Neshat, Jahrgang 1957, versucht eine Annäherung an eine überlebensgroße Legende, an die ägyptische Sängerin Oum Kulthum (1904 bis 1975). Noch 43 Jahre nach ihrem Tod genießt diese in der arabischen Welt einen Ruhm, der in den so genannten westlichen Staaten allenfalls mit dem von Maria Callas vergleichbar ist. „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ beleuchtet Stationen ihres Lebens und ihrer Karriere. Zu sehen sind beispielsweise Szenen aus der Jugend Oum Kulthums in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals hatte sie ihr Vater, bevor er mit ihr vor Publikum sang, als Junge verkleidet. Denn die Sitte verbot es Mädchen und Frauen, öffentlich aufzutreten. Gezeigt wird ebenfalls – Oum Kulthum ist inzwischen eine umjubelte Künstlerin – eine Begegnung mit Ägyptens König Faruk (1920 bis 1965). Noch einmal viele Jahre später feiert Staatspräsident Nasser (1918 bis 1970) sie als „vierte Pyramide Ägyptens“. Die Erwartungen der Fans an einen biografischen Spielfilm, der den verehrten Star feiert, werden also erfüllt. Akzente setzt Shirin Neshat dadurch, dass sie gelegentlich deutlich macht, wie sehr sich Oum Kulthum ihres Status` bewusst war und diesen durchaus ausnutzte. Etwa, wenn sie den Karikaturisten einer Tageszeitung maßregelt und ihn ob einer wenig schmeichelhaften Zeichnung existenziell bedroht. Die Schöne konnte auch ein Biest sein. Wirklich spannend wird dieser Spielfilm jedoch durch eine zweite Ebene: Shirin Neshat bietet dann doch keine typische Filmbiografie. Sie bricht die Legendenbildung auf, indem sie ihr Alter Ego, eine hier Mitra genannte Regisseurin (Neda Rahmanian), ins Zentrum stellt. „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ beobachtet also – sozusagen als Film über einen Film – diese junge Frau beim Drehen eines Kinoporträts über die unvergessliche Sängerin, beim Grübeln, beim Diskutieren mit Kollegen, in privaten Situationen. Dabei sind die Film-im-Film-Szenen und jene um Mitra formal elegant miteinander verwoben. Bildfolgen in Farbe und in Schwarz-Weiß gleiten nahtlos ineinander über. Shirin Neshat gelingt es eindrücklich, die Schwierigkeiten einer Frau in einem von Männern dominierten Alltag zu verdeutlichen, ohne dass dies vordergründig oder belehrend wirkt. Nicht ganz überzeugen jedoch jene Momente, in denen es um persönliche Probleme der Regisseurin mit ihrem jugendlichen Sohn geht. Da nur sehr knapp angerissen, ohne Motive aufzudecken, wirkt es im Fluss der ansonsten stimmigen Erzählung etwas aufgesetzt, dass der junge Mann sich gegen seine Mutter stellt. Warum und mit welcher Absicht er dies tut, erschließt sich nicht. Mag sein, dass Shirin Neshat deutlich machen möchte, wie schwer es noch immer ist, traditionelle Verhaltensmuster zu überwinden. Das erschließt sich aber schon deutlich in den Streiflichtern aus Mitras Arbeitswelt, in der sie gegen männliche Vorurteile anzukämpfen hat. Am einprägsamsten ist „Auf der Suche nach Oum Kulthum“, wenn die in verschiedenen Lebensphasen von unterschiedlichen Darstellerinnen verkörperte Titelfigur ins Blickfeld rückt. Bestechend sind sowohl die im Stil alter Hollywood-Melodramen gestalteten Szenenfolgen, die wirklichen Ereignissen nachempfunden wurden, wie das Zusammentreffen mit Nasser, als auch einige Dokumentaraufnahmen, etwa die des von mehr als vier Millionen Menschen begleiteten Trauerzugs 1975 in Kairo. Auch, wer noch nie von Oum Kulthum gehört hat, empfindet, welche Bedeutung die charismatische Sängerin in ihrer Heimat hatte und hat – als Projektionsfigur für die Träume von Millionen und als Stimme der Hoffnung unzähliger Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben.

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