Glosse Hart am Leben
Die Rache des jungen Mannes: Dicke Schuhsohlen
Wie schön, das neue Buch des Ludwigshafener, na ja, Philosophen Norbert Bolz widmet sich mir. Das heißt, dem alten weißen Mann, der bequemen Projektionsfläche für all das, was schief läuft. Es ist eine Verteidigungsschrift, glaube ich, Bolz hat gerne öffentlichkeitswirksam Kummer. Beim Durchblättern entdeckt, der kristallin schöne Satz: „Männer sind Jäger, die nicht mehr gebraucht werden.“ Für alte weiße Männer ergibt sich der Rest. Aber der Aphorismus erklärt auch, warum unsereins so gerne Sneaker trägt. Turnschuhe eigentlich, die uns, obwohl funktionslos, dennoch alert und auf dem Sprung scheinen lassen – zu was auch immer.
Das jüngere Superstar-Selbst
In Weiß am besten müssen die Teile jetzt auch schon wieder seit Längerem sein, der Alphatiernichtfarbe, die einen Reichtum illuminiert, der Ersatz schaffen kann, für den Fall, dass die Schleicher unschön eingesaut sind. Und aus der Serie der „Originals“ haben sie zu stammen – der Treiber der Erinnerung an unser altes, jüngeres Adidas-Superstar-Selbst. Außerdem stellen diese eine Verbindung von uns alten zu den größeren Jungs, zu den Marvins, Bens, Pauls und Hugos her, in deren Fußstapfen wir – bis jetzt – modisch in nicht gerade anstrengungslos vollführten großen Schritten traten. Jetzt sind wir wieder von gestern.
Dialog mit der Jugend
Denn wie wache Geister bemerkt haben dürften, findet seit geraumer Zeit eine Absetz-, um nicht zu sagen: Absatzbewegung zwischen den Generationen statt. Nicht, dass die Kommunikation so endet, wie bei Martin Kippenberger (1953 bis 1997), dem Exzess-Künstler, der in seinen früheren Tagen als Geschäftsführer der berüchtigten Berühmt-Bar SO 36 in Berlin die Preise erhöhen wollte. Den daraufhin folgenden „Dialog mit der Jugend“ hielt er auf einem Anamnese-Gemälde fest, dass ihn mit bandagiertem Kopf, blauem Auge und gebrochener Nase zeigt – hinterher. Heute finden in Umfragen beängstigende 92 Prozent der Kinder ihre Eltern gut, wenn sie sie nicht geradezu lieb haben. Ob sie es auch mögen, wenn sie aussehen wie sie selbst, steht in einer anderen Excel-Tabelle. Und deshalb tragen – so die These –, die, die heute das Jungbleiben noch vor sich haben, als Rachemove augenfällig dicke Schuhsohlen und staksen in plumpen Tretern daher, schwarz, aus veganem Material.
In Stiefeln, guten alten Doc Martens oder Sneakern, die ein wenig gehässig Ugly Dad Shoes – hässliche Vater-Schuhe – heißen und eine besondere Form der kulturellen Aneignung darstellen. Sie gleichen den Modellen aus den Achtzigern und Neunzigern (Samba, Converse), aber kommen quasi in SUV-Ausführung daher, mit Hilfe von Plateausohlen aufgebockt.
Junge Stakser, alte Hüpfer
Leicht erhöht, aber erdenschwer schlurft man mit diesen Dingern durch die Gegend, von der Problemüberlast beschwert, die die alten Hüpfer hinterlassen haben, während die, weiß besneakert wieseln, ohne die Selbstanklage ihrer toxisch unbeschwerten Aktivitätsentfaltung (siehe oben) zu verstehen. Aber wehe, jemand der Mühe hat, zwei Stufen auf einmal zu nehmen, sollte versuchen in den Daddy- und Opa-Schuhen zu reüssieren – dann droht neben einer einschneidenden Persönlichkeitsspaltung herzlichstes Mitleid.
Die Windel voll
Nie auch sollten in der Alterskohorte Unter-100 die aufgeblähten Hosen mit Schlag getragen werden, die zu den Klobschuhen passen und neuerdings die Passform Skinny wieder obsolet aussehen lassen. Mann (alt, weiß) wirkt darin als wäre er mit vollen Erwachsenen-Windeln und vom Enkel geborgter Buxe auf dem Rückweg ins Seniorenheim.
Beim nächsten Mal sprechen wir dann, was es mit der generationsübergreifenden Jeans-Marke Not Your Daughters Jeans auf sich hat. Auf Deutsch: Nicht die Jeans deiner Tochter.