Kultur Die Lehre der Leere

„Lebendige Räume“ steht auf der Bank. Die Innenstadt von Kaiserslautern bietet das blanke Gegenteil.
»Lebendige Räume« steht auf der Bank. Die Innenstadt von Kaiserslautern bietet das blanke Gegenteil.

Das Symbolfoto der Corona-Zeit zeigt nichts als Leere – draußen. Alles verwaist. Derweil verschwimmen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Die Menschen sitzen vor der Webcam und senden live. Gottschalk wirkt ver-rückt wie wir alle. Was uns die Bilder über die Gegenwart verraten.

Was einem jetzt nahe geht: Anton Tschechow und seine Helden eines verwarteten Lebens. Das Video „Life Track“ des georgischen Künstlers Vajiko Chachkhiani, auf dem ein etwas unheimlicher Hospiz-Insasse durch das Fenster seines Zimmers hinausblickt in den Garten, wo die Vögel zwitschern. Oder das Projekt des kanadischen Künstlers Jan Rafman, der seit 2008 Google-Street-View-Fotos sammelt und neu sortiert, aufgenommen mittels kamerabewehrter Autos, die im Auftrag des Unternehmens durch die Straßen fahren und rundum fotografieren.

Die Aufnahmen von Rafmans Auswahl wirken dabei wie inszeniert. Oder die Fotos sehen aus wie die Sozialreportagen von Walker Evans aus den USA der 1930er-Jahre, die als Teil der Biennale der aktuellen Fotografie gegenwärtig in der geschlossenen Mannheimer Kunsthalle hängen – unbesucht. Die Google-Kamera hat absichtslos auch den Rand der Gesellschaft erfasst. Prostituierte, Gang-Mitglieder, Obdachlose. Vor schäbigen Baracken stehen Bewohnerinnen, die nur darauf gewartet haben, dass das Auto vorbeikommt: sie zeigen ihren nackten Hintern.

Das Abwesende scheint umso präsenter

„9 Eyes“, neun Augen, nennt Rafman sein Projekt. Monatelang stand es still, jetzt, in Corona-Zeiten führt er es weiter. Nun laufen Personen in Schutzanzügen durchs Bild. Aber auch eine verwehte Normalität scheint auf. Denn auf Street View sind die Straßen noch voller Menschen. Ganz anders als auf den Bildern, die die Gegenwart generiert und die wir aus den Zeitungen und dem Fernsehen kennen. Oder von Internetplattformen wie „Covid-19 Archive“, wo internationale Dokumentarfotografen aktiv sind. Sie alle zeigen den öffentlichen Raum verwaist und menschenleer. Leere Städte, leere U-Bahnen, leere Marktplätze, leere Bauwerke, das leere Berlin als steinerne Uckermark, Leere, überall. Als seien es Bilder von einem Tag danach. Ein Gemälde von De Chirico. Und das Abwesende erscheint umso präsenter.

Die „New York Times“ veröffentlichte vor Kurzem einen Fotoessay über entvölkerte Metropolen: London, New York, São Paulo, Delhi, Bangkok, München. Die „Bilder beschwören die Romantik von Ruinen herauf“, hieß es dazu. Evelyn Finger schrieb in der „Zeit“ über eine Serie zwangsweise allein gelassener heiliger Stätten, sie seien „Symptom einer säkularen Weltuntergangsangst“. Tatsächlich kann einen beim Anblick der Nicht-Existenz öffentlichen Lebens schon einmal der blanke Horror Vacui anfassen, Horror vor dem Nichts.

Wir sehnen uns nach Begegnungen

Bei Martin Heidegger, dem Existenzphilosophen, heißt es zwar, die Leere sei mit „Eigentümlichen des Ortes verschwistert und darum kein Flehen, sondern ein Hervorbringen“. Wir Normalos indes dürften das ganz anders sehen. Wir sehnen uns dann doch eher nach der Begegnung mit mehr als zwei Menschen. Mit anderen als denjenigen, denen wir im eigenen Haushalt auf die Nerven gehen. Und das draußen. Nach vollen Fußballstadien, Weinfesten, bei denen man sich auf den Füßen steht, geöffneten Märkten. Ja, plötzlich. Hauptsache Teilhabe, Hauptsache Community, real, physisch, fast egal bei was. Zu schweigen von ausverkauften Konzerten, Kinosälen, Ausstellungsvernissagen. Und man vermisst die Bilder, wie die Gelbwesten in Paris demonstrieren. Alles Memorabilia eines – das bleibt zu fürchten – vergangenen Lebens.

Denn, was wir Öffentlichkeit nennen, hat innerhalb weniger Tage, in der die Stubenhockerei eine Tugend geworden ist, geradezu einen schockhaften Strukturwandel durchgemacht. Eine Privatisierung, wenn man so will. Einen Drift, von draußen nach drinnen. Die halbe Welt sitzt jetzt frontal vor der Webcam und versendet sich und die Ratlosigkeit, die alle erfasst zu haben scheint.

Die Webcam macht jetzt viele gleich

Am Mittwochabend etwa konnte man online an einem Gespräch mit Johan Holten, dem Direktor der Kunsthalle Mannheim, teilnehmen, der zu Hause in Heidelberg saß. Auf dem Computerschirm sah man in eingeblendeten Fenstern die anderen Teilnehmer/innen des Live-Ereignisses in ihrer Bleibe vorm Laptop sitzen. Sprechende Köpfe, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Und jede/n einzelne/n konnte man groß zoomen. Das ist jetzt die Öffentlichkeit. Gemeinsam livestreamen wir vor uns hin, allein daheim.

So entstellt die Corona-Krise die sozialen Unterschiede von Menschen zur Kenntlichkeit wie kaum etwas zuvor, wenn die einen im Homeoffice sitzen, wo ihnen andere die Pakete vor die Tür legen. Aber die Webcam, die jetzt massenhaft zum Einsatz kommt, macht auch viele gleich. Sie entzaubert die einen. Während sie die anderen ermächtigt. Die Optik ist fast immer identisch, ob nun Anne-Sophie Mutter online ist oder Sangesbruder Karl-Heinz aus Oppau. Es sei, als habe man die Zentralperspektive abgeschafft, schrieb Kolja Reichert dazu in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Auch Stars sehen nun mal blass aus

Frontal sitzen Menschen in abgeschlossenen Räumen vor der Schrankwand, ein Wäscheberg türmt sich im Hintergrund auf, der Schreibtisch ist noch schnell vor das Bücherregal geschoben. Für Wohnungssoziologen sind das paradiesische Zeiten. Aber alle, auch die Stars sehen online – ohne Stylistin, Kameraleute, Beleuchter, roten Teppich – so blass aus, manche auch im übertragenen Sinn. So wie Influencerinnen, die den neuesten Concealer auflegen, während man jetzt sehr genau um die Krankenschwester weiß, die 14-Stunden-Schichten schiebt.

Prominente ältere Herren wirken wie Thomas Gottschalk in der schnell wieder abgesetzten „Quarantäne-WG“ auf RTL in ihrem Hobbykeller vor der Computer-Kamera wie aus der Zeit gestürzt und vom „Wetten, dass …“-Sofa gestoßen. Verkatert. Ver-rückt wie wir alle. Es sind Bilder eines Alptraums, der endlos Schleifen zieht. Wir warten, bis er aufhört. Lesen Tschechow derweil.

Privat ist öffentlich: Uwe Renners, stellvertretender Chefredakteur der RHEINPFALZ, interviewt Andrea Bergsträßer, Pflegedirekto
Privat ist öffentlich: Uwe Renners, stellvertretender Chefredakteur der RHEINPFALZ, interviewt Andrea Bergsträßer, Pflegedirektorin im Westpfalz-Klinikum. Beide im Homeoffice.
Vorausschau? „Piazza d’Italia“ von Giorgio de Chirico (1888-1978).
Vorausschau? »Piazza d’Italia« von Giorgio de Chirico (1888-1978).
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