Kultur-Leitartikel RHEINPFALZ Plus Artikel Die künstliche Macht

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Ein Pirmasenser Fotograf, wow, plötzlich im Weltfokus. Boris Eldagsens auf Gesprächsbedarf abzielende Guerillaaktion bewegt sich im Epizentrum der gegenwärtigen Mega-Diskussion um Künstliche Intelligenz.

Schon gruselig, oder toll, geht beides. Die Künstliche Intelligenz jedenfalls, kurz KI, mit der auch Boris Eldagsen arbeitet, bringt die Verhältnisse ins Kippeln. Promptofotografien nennt der Fotograf Arbeiten wie „The Electrican“ nach dem Fachbegriff „prompts“ für die Arbeitsaufträge, die dem Computer erteilt werden. Darauf fasst eine ältere Frau die Schultern eine jüngeren wie mit Scherenhänden an. Das Werk erinnert an Robert Franks 1958 publiziere Fotoserie „The Americans“. Oder an Dorothea Langes Aufnahmen aus einem kalifornischen Obdachlosencamp 1936. KI-Bilder sind, wenn man so will, Amalgame der vorhandenen Bildwelt, die in Programme wie Dall-E eingespeist wurden. Ein kleinster gemeinsamer Nenner daraus. Davon, was sie zeigt aber, hat die KI natürlich keinen Schimmer.

Noch macht sie Fehler, mit denen sich rechnen lässt. So scheint die Hand auf Eldagsens Werk aus der Reihe „Pseudomnesia“ (falsche Erinnerung); die, die der jüngeren Frau vom rechten Rand aus an den Busen fasst, nur aus vier Fingern zu bestehen, was das Werk nur geheimnisvoller macht. Umgekehrt haben wohl die Wenigsten eine Ahnung davon, wie das alles funktioniert.

Der gebürtige Pirmasenser Fotokünstler Boris Eldagsen (links) und sein KI-generiertes Werk „Pseudomnesia: The Electrician“.
Der gebürtige Pirmasenser Fotokünstler Boris Eldagsen (links) und sein KI-generiertes Werk »Pseudomnesia: The Electrician«.

Heißt das, unsere Welt, wie wir sie kennen, stürzt ein, ohne, dass wir verstehen durch was genau? Oder wird sie etwa besser durch KI, deren Auftauchen einige mit der Entdeckung des Feuers vergleichen oder der Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg aus Mainz? Steht die Machtübernahme an, weil – wie der KI-Forscher Eliezer Yudkowsky fest annimmt – KI uns „umbringt“, irgendwann? Oder ist sie die Rettung, etwa in der Medizin, dem Klimaschutz oder der Forschung, in der sie schon eine Milliarde Arbeitsstunden von Forschenden in einem Jahr erledigt? Kann gut sein, dass wir gerade an der ganz großen Wegscheide stehen.

Vor einiger Zeit wurde Beethovens durch KI komponierte zehnte Sinfonie uraufgeführt. Auf einem mit ihrer Hilfe generiertem Kunstwerk tauchte die Reflexion eines Berges im sich kräuselnden See auf, etwas, das gar nicht programmiert war. Die Kreativität galt jahrhundertelang als exklusives Terrain, auf dem der Mensch sich beweist. Plötzlich sind wir nicht mehr allein. Möglich, dass KI uns dereinst überbietet, so wie von dem US-Erfinder und Futuristen Raymond Kurzweil in seiner „Theorie der Singularität“ vorausgesagt. Wobei sich in der Kunst, dem sehr weiten Feld, an dem auch Boris Eldagsen laboriert, zunächst nur viele alte und ein paar neue Fragen stellen, wie: Was ist das überhaupt, Kunst? Reicht es etwa nicht, am Computer Bilder zu kuratieren, um als Künstler und Künstlerin zu gelten? Und was ist eigentlich mit dem Urheberrecht an den Werken, von denen die KI lernt?

Im wahren Leben allerdings drohen toxische Konsequenzen. Nicht nur für bestimmte, KI-affine Berufszweige wie Fotografie und Journalismus. Ein Vorschein des sozialen, gesellschaftlichen, politischen Gifts, das KI verbreiten kann, sind so die Fotos, die vor Kurzem auftauchten, die den Papst mit obercooler Rappersteppjacke zeigen, Trump, wie er sich gegen sein Festnahme wehrt. Oder Putin – immerhin ein plausibles Sinnbild – knieend vor Chinas Staatspräsident Xi Jinping.

In der Zeitschrift „Die Aktuelle“ ist ein von KI „erfundenes“ Interview mit Rennfahrer Michael Schumacher erschienen. KI hat aus einem leichten Unfall von Elon Musk einen tödlichen gemacht. Wahrheit ist für sie (noch?) keine Kategorie. Kommt halt darauf an, was man damit macht. Schwer auszudenken, wenn sie erst konsequent als Herrschaftsinstrument genutzt wird. Der Preis: Macht. Ablehnung: mehr als fraglich.

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