Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Auflösung des Hauses Decker“ von Angelika Meier

Der Umgang mit einer alten Industriellen-Villa, in der sich einige Geheimnisse verbergen (hier eine zum Museum umgebaute Villa i
Der Umgang mit einer alten Industriellen-Villa, in der sich einige Geheimnisse verbergen (hier eine zum Museum umgebaute Villa in Grevenbroich), spielt die Hauptrolle in Angelika Meiers Roman.

Bei Angelika Meiers „Die Auflösung des Hauses Decker“ nicht an Edgar Alan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ zu denken, fällt schwer, ist aber möglich. Geht es doch in dem Roman der 1968 geborenen Autorin (auf den ersten Blick) keineswegs um Schauer und Grusel, sondern um die Traumatisierung der überaus spannenden Hauptfigur Odra Decker.

Odra Decker schafft es nicht, sich nach dem Tod ihres Vaters vom Haus ihrer Kindheit, einer mit Büchern und Kunstwerken vollgestopften Industriellen-Villa im Ruhrgebiet, loszusagen, geschweige denn, deren Bestände samt Gebäude zu verkaufen. Und so delegiert sie dieses Problem an den verkrachten Kunstwissenschaftler Josef von Házy, den sie als Sekretär in ihre Dienste nimmt.

Josef allerdings ist gleichfalls kein Mensch, der sich leicht von Dingen trennen kann. Im Gegenteil, zwischen ihm, dem Ich-Erzähler, und der um zehn Jahre älteren Odra, seiner Chefin, gibt es wenig Trennendes. Beide können die Wirklichkeit kaum aushalten, beide wollen, dass sich nichts ändert. Beide nehmen deswegen mehr oder weniger starke Psychopharmaka ein.

Last der Vergangenheit

Aber auch die Vergangenheit ist für die zwei Sorgenkinder des Lebens, wie Thomas Mann sie charakterisieren würde, eine fast unerträgliche Last: Josef, der eigentlich mit Nachnamen Fellner heißt und in äußerst prekären Verhältnissen aufgewachsen ist, stammt aus dem Stadtteil Hasenbergl, einem der sozialen Brennpunkte Münchens. Auf dem Gymnasium rief man ihm „der Josef, der Josef vom Hasi“ nach, er wurde gemobbt nach allen Regeln der kindlichen Kunst.

Und Odra wird vom alleinerziehenden Vater, einem Professor für Anthropologie, als lästiges Anhängsel empfunden. Lieber bespiegelt er sich selbst, wie die Tochter nach seinem Ableben in seinen Tagebüchern nachlesen kann. Das kleine „prosystolische Geräusch“ an deren Herzen nimmt der Egomane nicht wahr und interpretiert es einfach als „kindliche Art, den Atem anzuhalten“. Auch ihr Zeichen- und Maltalent übersieht er geflissentlich sowie später ihr Kunststudium, über das er sich lustig macht. Nicht ernst genommen hat er vor allem die traumatisierende Attacke des Großvaters, der seine kleine Enkelin – wohl zur „Charakterstärkung“ – zwang, sich zwei zutiefst verstörende Fotos anzusehen: aufgenommen vor und nach einem Angriff während des Ersten Weltkriegs, mit allen Lebenden und Toten, die am Ende übrigblieben.

Irgendwann kommt die Bestandsaufnahme aber doch in Gang. Josef beginnt die Bücher zu katalogisieren, wobei er entdeckt, dass es darunter viel weniger Originale oder Gesamtausgaben gibt als angenommen. Auch bei den Bildern der „Klassischen Moderne“ scheint dies der Fall, da ist nichts Exorbitantes dabei, sagen zu Rate gezogene Abgesandte von Auktionshäusern, nur Grafiken, keine Gemälde. Einzig der Verkauf der Afrika-Sammlung scheint etwas einzubringen, wobei man gerade in deren Existenz etwas Verwerfliches vermuten mag.

Die „Auflösung des Hauses Decker“ ist nun nicht mehr aufzuhalten. Das Zerplatzen der Seifenblasen vielmehr, an deren sukzessivem Verschwinden die desillusionierende Auflistung der vermeintlichen Schätze Schuld trägt, und nicht etwa die Einsicht der beiden mittlerweile zum Ehepaar gewordenen „Schlafwandler“, die ihren Kopf am liebsten in den Sand stecken.

Womit wir nun doch bei Edgar Alan Poes Erzählung angekommen sind und feststellen müssen, dass Meier wohl kaum zufällig den Titel ihres nicht halb so wild daherkommenden, sondern sehr diszipliniert und höchst elegant geschriebenen Romans dem seinen nachbildete. Es gibt aber auch einige innerliterarische Details, auf die sich die Autorin bezieht. Der sumpfige Teich vor dem Schloss, in das Poes Ich-Erzähler von Roderich Usher, dem letzten Spross des gleichnamigen Hauses, zu Hilfe gerufen wird, entspricht dem Stausee voller toter Fische in der Nähe der Villa Decker, deren Gestank Josef von Házy-Fellner gleich am Anfang irritiert. Und Roderich ist ein begabter Mensch, er schreibt und malt – fast ohne Unterlass. Wie Odra.

Ein rätselhaftes Loch

Wie sie ist er „von eigentümlich reizbarem Temperament“. Und auch er hat etwas zu verbergen, seine tote Schwester nämlich, die er lebendig begraben hat – so wie Odra ihre Seelen-Bilder im Bunker der Villa, mit deren Verschwinden sie in der Tat etwas Ähnliches im Sinn hatte. Sogar ein tiefes Loch entdeckt Odras Sekretär nunmehr im Keller, wie ist es entstanden? Aber Meier lässt die Villa stehen und nicht in sich zusammenfallen wie Poe sein Schloss.

Eine Rezension ist keine wissenschaftliche Untersuchung. Eine solche aber würde sich lohnen im Fall von Meiers Roman und Poes Erzählung, vielleicht im Fach „Vergleichende Literaturwissenschaften“ unter Hinzuziehung psychoanalytischer Erkenntnisse in einer deutschen-amerikanischen Exzellenz-Universität.

Lesezeichen

Angelika Meier: „Die Auflösung des Hauses Decker“; Roman, Diaphanes Verlag, Berlin-München; 272 Seiten; 24 Euro.

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