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Dichtung und Wahrheit: „Der Halbbart“, Charles Lewinskys Roman ist für den Deutschen Buchpreis nominiert
Ein kleines Bauerndorf in der Talschaft Schwyz zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Historischer Hintergrund ist der jahrzehntelange Streit zwischen den Bewohnern des Tals und dem Kloster Einsiedeln und dessen Habsburger Schutzherren. Am Ende des Romans kommt es zu einer blutigen Schlacht, die sehr der Niederlage der Habsburger bei Morgarten im Jahr 1315 ähnelt. Die genauen historischen Fakten allerdings spielen keine wirkliche Rolle.
Erzählt wird von den Schicksalen jener, die keine historische Quelle erwähnt: Arme, Entrechtete, Gedemütigte, Verfolgte. Sebi, der Erzähler, Eusebius eigentlich, ist einer von ihnen. Und seine Brüder Poli und Geni, letzterer sogar so etwas wie ein gesellschaftlicher Aufsteiger. Und da wäre natürlich noch der Halbbart, ein Fremder, der eins Tages im Dorf auftaucht und über beachtliche heilkundliche Fähigkeiten verfügt.
Der Halbbart war ein Jahr auf der Flucht. Sein Gesicht, sein ganze Körper ist entstellt, eine Gesichtshälfte weggebrannt. Man hatte ihn auf einen improvisierten Scheiterhaufen gestellt, obwohl er nichts getan hatte. Anders als seine Tochter Rebekka konnte er schwer verletzt fliehen.
Das Buch ist voller farbig und kantig gezeichneter Charaktere, Lewinsky gelingt das Kaleidoskop einer mittelalterlichen Gesellschaft abseits des Adels und Klerus, wenngleich auch diese beiden Schichten eine Rolle spielen. Da gibt es noch den aus dem Krieg zurückgekehrten Onkel Alisi, einen brutalen Söldner, dem im Kampf das halbe Gesicht zerschmettert wurde. Und natürlich „das“ Teufels-Anni. Eine alte Frau, die im Winter, wenn es auf den Feldern nichts zu tun gibt, durch die Dörfer zieht und in den Bauernhäusern Geschichten erzählt, in denen stets der Teufel vorkommt. Man bezahlt sie mit Essen gibt, das sie in großen Mengen in sich hineinschlingt.
Während sein Bruder Poli Soldat werden will, der Älteste Geni trotz eines Unfalls, bei dem er ein Bein verliert, ein Auskommen beim Landammann hat – eine Art Landrat für die Region Schwyz –, weiß Sebi nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Aus dem Kloster Einsiedeln flieht er, als der Prior von ihm verlangt, ein totes Neugeborenes den Schweinen vorzusetzen. Sebi bestattet es, hofft, dass es in den Himmel kommt, zur Heiligen wird, die ihn beschützt.
„Unsere Mutter hat immer gesagt, ich sei wohl nicht zum Arbeiten geboren, sondern zum Geschichten erfinden.“ Plötzlich weiß er, was aus ihm werden sollen: ein Geschichtenerzähler. Ein Dichter. Er geht zum Teufels-Anni in die Lehre und begreift sehr schnell: „Eine gute Geschichte ist besser als eine schlechte Wahrheit.“ Das ist fast schon eine poetische Maxime, die auch auf diesen Roman selbst anzuwenden ist. Auch Lewinsky erfindet gute Geschichten, die nur so tun, als trügen sie ein authentisches historisches Gewand. Am Ende verklärt Sebi den brutalen Überfall der Schwyzer auf die Habsburger, weil sein Onkel ihn dazu zwingt. Und seine Lehrmeisterin adelt ihn: „Das war eine sehr schöne Geschichte, Eusebius. Man wird sie bestimmt noch lange erzählen, und irgendwann wird sie die Wahrheit sein.“ Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität gehen ineinander über. Das macht gute Literatur aus.