Zungenknoten
Deutsch-französische Kolumne: Ein Zufall des Kalenders
Am vergangenen Wochenende hat die Bundesrepublik ihrer Corona-Toten im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin würdevoll gedacht. Nous avons tous été impressionnés. Die tragische Marke von 80.000 Toten war erreicht. In Frankreich wurde die runde Zahl von 100.000 Todesopfern erreicht, ohne Gedenkfeier. „100.000 morts en France: l’hécatombe du Covid-19“, teilte die Tageszeitung „Le Monde“ mit. Wir Franzosen befinden uns weltweit an achter Stelle, an vierter in Europa, nach Großbritannien, Italien und Russland. Alle haben über die Notwendigkeit einer Gedenkfeier gesprochen, les Allemands l'ont réalisée. Aber Macron denkt noch darüber nach. Sein Lehrer Paul Ricœur sagte mit Recht: „Il existe un trop plein d'oubli et un trop plein de mémoire.“
Un mort est un mort, comme le dit vox populi, mais la mathématique des morts ist eine zweifelhafte Zahlenwirtschaft. „Die Autobahn ist geräumt“, ist der klassische Satz bei den Verkehrsnachrichten im Radio. Was dahinter steckt, wird schnell vergessen. Der Vater eines Kollegen starb. Er sagte mir: „Ich will nicht, dass meine Tochter den toten Großvater sieht. Sie soll Opa in guter Erinnerung behalten.“ Wir haben gleichaltrige Kinder. Je répondis: „C'est une erreur, il ne faut pas cacher la mort à ta fille.“
Als junger Pfarrer war ich oft mit dem Tod konfrontiert. Ein siebenjähriges Mädchen avait été tué par un chauffard alcoolisé. Wie redet man darüber? Wie tröstet man die Eltern? Heute sind es gleichaltrige Freunde, que j'accompagne. Günther me sourit sur le pas de la porte mit Blick auf die Vogesen. Quelques heures plus tard il nous quitte. Ich fahre in Munster am Altersheim vorbei. Je pense à nos aînés – dont ma propre mère – qui sont parqués dans les maisons de retraite. Autrefois ils mourraient à la maison.
Le hasard du calendrier veut que les Allemands am selben Sonntag an den Auftritt Martins Luthers beim Reichstag in Worms erinnert haben. Querdenker Luther: „Hier stehe ich und kann nichts anders.“ Das hat nichts zu tun mit Corona-Querdenkern qui nient la réalité d'une maladie mondiale qui s'étend comme un nuage radioactif. Sein „Querdenken“ öffnete den Weg zum freien Denken et la responsabilité individuelle. Luther in Worms il y a cinq cents ans wurde in Frankreich nicht erwähnt.