Kultur Der Staatsmann
Für seine Darstellung des Winston Churchill im Film „Die dunkelste Stunde“, der morgen in den Kinos anläuft, hat Gary Oldman vergangene Woche seinen ersten Golden Globe erhalten und gilt damit auch als Oscar-Kandidat. Der Film von Joe Wright entwickelt dank Oldman eine mitreißende Dynamik – und erzählt von der Kraft von Worten in verzweifelten Zeiten.
In den 1930er Jahren, einer Zeit großer wirtschaftlicher und sozialer Probleme in den USA und anderen Industriestaaten, hat Hollywood Biografien am laufenden Band produziert. Die Spielfilm-Porträts bedeutender Persönlichkeiten mit Führungsqualitäten dienten auch dazu, dem Publikum Mut zu machen. Wir leben wieder in weithin als mutlos empfundenen Zeiten. Und wieder führt uns das Kino gern die Leistungen großer Frauen und Männer vor. Nun also werden Leben und Wirken von Winston Churchill (1874-1965) im britischen Spielfilm „Die dunkelste Stunde“ beleuchtet. Erst im Vorjahr war die britisch-US-amerikanische Koproduktion „Churchill“ zu sehen. Das war das launige Porträt eines schwierigen Charakters. Der jetzt anlaufende Film geht darüber weit hinaus – inhaltlich und künstlerisch. Schon der Titel, „Die dunkelste Stunde“, deutet an, dass der 2014 durch sein oscarnominiertes Skript zu „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ auch als Drehbuchautor berühmt gewordene neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten und der mit Hits wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Abbitte“ erfolgreiche Regisseur Joe Wright mehr im Sinn haben als eine Sammlung von Anekdoten voller psychologischer Deutungen. „Die dunkelste Stunde“ ist ein Zitat aus der berühmten Rede „This Was Their Finest Hour“ („Dies war ihre beste Stunde“) des da gerade neuen britischen Premierministers im Juni 1940. Hitler-Deutschland hatte Frankreich überrollt, was der Staatsmann die „dunkelste Stunde in der Geschichte Frankreichs“ nannte. Die Rede wurde damals immer wieder im Radio übertragen. Viele Historiker sind sich einig, dass Churchills Worte den Widerstandsgeist der Briten gegen den Feind entscheidend gestärkt haben. Das war nötig. Denn ganz England hatte Angst vor einer Invasion durch Nazi-Truppen. Vor diesem Hintergrund sah sich Winston Churchill, seinen Landsleuten längst als durchsetzungsfähiger Militär und Minister in verschiedenen Verantwortungsbereichen bekannt, vor die so schlichte wie schier unmenschliche Aufgabe gestellt, sein Land zu retten. Hier setzt der Film ein – und entwickelt von der ersten Szene an eine mitreißende Dynamik. Die Sogkraft der Erzählung ist wesentlich Hauptdarsteller Gary Oldman zu verdanken. Zu Recht erhielt er für seine Leistung einen Golden Globe. Oldman, weithin berühmt als Interpret des Sirius Black in den „Harry Potter“-Adaptionen und als James „Jim“ Gordon in Christopher Nolans „Batman“-Trilogie, gilt als Star mit oft unglaublicher Wandlungsfähigkeit. Dabei setzt er in diesem Fall nicht allein auf äußere Ähnlichkeiten, wiewohl die Maskenbildner Erstaunliches geleistet haben. Oft hat es den Anschein, als lausche Oldman während des Spiels in sich hinein, um die richtige Haltung zu finden, die aussagekräftigste Mimik und Gestik. Da trifft er sich ganz offenbar mit dem von ihm verkörperten Staatsmann. Denn der hat zweifellos die Fähigkeit besessen, Zuhörer und Zuschauer mit seinen Auftritten nicht nur momentan zu beeindrucken, sondern nachhaltig zu beeinflussen. Besonders deutlich wird das in den zentralen Szenen des Films, die Churchill im Gespräch mit König Georg VI. (Ben Mendelsohn) zeigen. Oldman offenbart hier durchaus den Machthunger Churchills, zeigt aber zugleich, wie er die Macht tatsächlich zum Wohle seiner Heimat nutzen möchte. Anthony McCarten hat dafür brillante Dialoge geschrieben. Das Ringen um Entscheidungen ist mit größter Spannung aufgeladen. Doch erst die Präsenz von Oldman und seiner durchweg ebenfalls exzellent agierenden Mitstreiter macht daraus einen ungemein an den Nerven zerrenden Thriller. Und das, obwohl die Geschichte überwiegend als Kammerspiel offeriert wird: Der größte Teil der Handlung spielt hinter den Kulissen der Politik und im Privaten. Da kommt dann Churchills Gattin Clementine, verkörpert von Kristin Scott-Thomas, eine besondere Rolle zu. Ohne Sentimentalität zeigt die Schauspielerin, wie diese Frau, eine engagierte Kämpferin für die Gleichberechtigung der Geschlechter, ihren Mann gestärkt, ja, ihm gedient hat, ohne ihre eigene Persönlichkeit aufzugeben. Scott Thomas ist besonders dann für Oldman eine wichtige Partnerin, wenn Churchill im Verborgenen mit seinen Zweifeln ringt, einfach auch Angst hat, das Falsche zu tun. Im Zusammenspiel entwickeln die beiden Stars eine erstaunliche Intensität. Dabei gelingt es ihnen, dem Publikum jeweils einen Blick in das Innere des Gegenübers zu ermöglichen. Das ist wirklich Schauspielkunst. Dennoch verlässt man das Kino auch mit einem gewissen Grübeln. Denn da gibt es doch gelegentlich arg pathetische Szenen, etwa in der Bebilderung der Kriegsgräuel. Wirklich störend wirkt, wie das ansonsten facettenreiche Porträt Churchills in einigen Momenten durch überzogene Heldenverehrung ersetzt wird. Dies ist vielleicht dem Umstand geschuldet, dass im derzeit vom Brexit-Wahn gebeutelten Großbritannien die Sehnsucht nach einer integren und intelligenten, auch wagemutigen politischen Führungspersönlichkeit mit echtem Charisma besonders ausgeprägt ist. Denn ja: Es schimmert nicht nur durch, es wird überdeutlich darauf verwiesen, dass die Regierenden in London heutzutage dringend nach einer nicht allein klug redenden, sondern auch klug handelnden politischen Persönlichkeit wie Churchill gieren. Hier wäre weniger wirklich mehr gewesen. Das schmälert aber nicht die Begeisterung ob der weithin gebotenen inszenatorischen Eleganz und schauspielerischen Brillanz. Beides macht diese Filmbiografie zu einem Hochgenuss.