Buch aktuell
Der Mann hat viel zu erzählen: die Memoiren von Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann
Das Medienhaus Axel Springer und die Bild-Zeitung sorgen gerade selbst für negative Schlagzeilen: Die Affäre um Julian Reichelt, drei gefeuerte „Bild“-Chefredakteure auf einen Streich, geleakte Chats von Springer-Chef Mathias Döpfner mit dubiosen Inhalten. Der perfekte Zeitpunkt für das Erscheinen der 544-seitigen Memoiren „Ich war Bild. Ein Leben zwischen Schlagzeilen, Staatsaffären und Skandalen“ von Kai Diekmann, dem mit 16 Jahren am längsten amtierenden „Bild“-Chefredakteur.
„Ich war ein Junkie“, schreibt er über seine Zeit von 2001 bis 2017, „und ,Bild’ meine Droge.“ Unter seiner Ära erreicht das Boulevardblatt mit Schlagzeilen „Wir sind Papst“ oder „Deutscher Erfinder kann aus Katzen Benzin machen“ täglich bis zu zwölf Millionen Leser, ehe sich die Auflage sukzessive halbierte – dafür installiert er mit „bild.de“ eine erfolgreiche Website. Die linke Tageszeitung „taz“ wirft dem „Papierkönig“ und „Kohls Hofberichterstatter“ vor, die Bild-Zeitung zu einer „Blut- und Spermaschleuder“ gemacht zu haben. Rückblickend sieht es der 58-jährige Diekmann gegenüber der RHEINPFALZ gelassen: „Es ist relativ einfach: Unser Geschäftsmodell ist Journalismus. Die digitale Welt macht Journalismus besser und gibt uns andere Möglichkeiten, unser Publikum zu erreichen. Sie können publizistischen Erfolg heute nicht mehr an der Zahl der verkauften Zeitungen messen.“
Extra-Publicity
Vorweg: Über interne Machtkämpfe, Machtmissbrauchsfälle oder seine Nachfolger im Hause Springer äußert sich Diekmann im Buch nicht? Sein damaliger Intimus Reichelt wird einige Male beiläufig erwähnt. Mit Döpfner sei er in vielen Fragen diametral unterschiedlicher Meinung gewesen, aber nie habe er das Gefühl gehabt, von ihm Anweisungen zu erhalten. Kein Wort über das ambivalente Verhältnis beider Alphatiere und seinen Plan, in den Springer-Vorstand aufzusteigen, den wohl Döpfner durchkreuzte. Stattdessen ist er Mitgründer der Berliner PR-Agentur „Storymachine“, die Firmen und Personen bei ihrer digitalen Kommunikation unterstützt, für die er aktuell aber nicht operativ tätig ist. Zu eng ist nach wie vor die Bande zum Springer-Verlag, weshalb „Bild“ vorab Auszüge seiner Memoiren veröffentlichte.
„Wie ich es ja auch im Buch sage: Ich hätte mir eine glücklichere Entwicklung für ,Bild’ gewünscht“, verrät er gegenüber der RHEINPFALZ. „Aber: Ich bin schon seit über sechs Jahren nicht mehr dabei und daher Gott sei Dank nicht Teil dieses Dramas. Deswegen erlaube ich mir den Luxus, meine Meinung für mich zu behalten. Sagen wir mal so: Über die Extra-Publicity bin ich nicht nur traurig.“
Die lauteste Trompete
Selbst ohne Bezug auf Springers Tohuwabohu präsentiert Diekmann auf seiner „unerwarteten Seelenreise“, durch seine Brille und mit persönlichen Beobachtungen ausgeschmückt, in zwölf Kapiteln unterhaltsame bis skurrile Geschichten, die Zeitgeschichte schrieben. Den Journalismus outet er als „Haifischbecken“ und als „Maschine, die über viele kleine Rädchen das ganz große Rad dreht“ – mit der „Bild“ als „der lautesten Trompete auf der Bühne“. Ohne großes Tamtam heißt es im Epilog: „16 Jahre habe am Ende ich darüber entschieden, wer die große Bühne und die hellen Scheinwerfer bekommt, um mit seinen Botschaften ein Massenpublikum zu erreichen.“
Auf der einen Seite die „Bild“-Hasser, auf der anderen Seite der „Bild“-Macher, laut einem Döpfner-Zitat der wahrscheinlich unbeliebteste und meistgehasste Journalist des Landes. Seine Notizen, Tagebucheinträge, Briefe, Kalender und Glückwunschtelegramme vermitteln Nähe und Relevanz, gleichzeitig beleuchten sie die Mechanismen von Medien, Macht und Politik. Garniert wird das Ganze mit rund 150 Abbildungen von Fotos und Dokumenten sowie einem vierfarbiger Bildteil, die ihn auf Augenhöhe mit Lady Gaga, Papst Johannes Paul II., dem Dalai Lama oder dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama zeigen. Ein „Who’s who“ von Treffen mit Präsidenten und Päpsten, Kanzlern und Künstlern – nur wenige Prominente widerstehen dem „Bild“-Kosmos, wie der 30-jährige Herbert Grönemeyer, der Diekmann mit einem vernichtenden Blick und den Worten brüskiert: „Mit Ihnen rede ich nicht!“
Dabei ist Diekmann „Promi-blind“ und hat dafür „eine Redaktion, vollgestopft mit ausgewiesenen Experten“. Das Verblüffende: Man glaubt es ihm sogar! Genauso schlüssig ist sein Erzählprinzip, das er so beschreibt: „Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Verschiedene Wahrheiten können sich diametral gegenüberstehen.“ Den Beruf von Journalisten vergleicht er mit dem eines Unfallchirurgen, „der auch nicht in die Runde weinen kann, wenn ein Kind auf seinem OP-Tisch landet.“ Sein publizistisches Credo: „Längst sind wir nicht mehr nur journalistische Beobachter, sondern Akteure.“
Der Fall Wulff
Im lesenswerten, ersten Kapitel thematisiert der Autor unter dem Titel „Ziemlich beste Feinde“ den Fall des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Ein Paradebeispiel für das komplexe Verhältnis zwischen Medien und Politik. Bevor Wulff Bundespräsident wird, lädt Diekmann den CDU-Politiker nebst Gattin zu „Nudeln und Rotwein“ zu sich nach Potsdam ein. Seine Zeitung hofiert ihn wie einen Provinzfürsten, romantisiert sein Privatleben. Wulff revanchiert sich später mit Einladungen ins Schloss Bellevue und einem Dankesbrief für die „Unterstützung im Umfeld der Wahl zum Bundespräsidenten“. Der Bruch folgt: „Bild“ deckt auf, dass Wulff in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident eine Frage zur Finanzierung seines Eigenheims nicht wahrheitsgemäß beantwortet hat. Wulff versucht, die Berichte zu verhindern, indem er Diekmann auf die Mailbox „wulfft“ und mit „Krieg“ und „Strafantrag“ droht. Für Diekmann ist der Rubikon zwischen Freundschaft und Berichterstattungspflicht überschritten, Wulff tritt von seinem Amt zurück.
Diekmann wähnt sich auf der richtigen Seite der Geschichte und betont, sogar auf Schlagzeilen verzichtet zu haben, etwa indem die Tonaufnahme von Wulffs Mailboxnachricht bis heute unveröffentlicht ist. Ob die Zeitung eine Kampagne gegen Wulff gefahren hat? „Nun bin ich kein grundsätzlicher Gegner von Kampagnen“, erklärt Diekmann im Buch. „Ich halte es für einen Irrtum zu glauben, Medien dürften keine Kampagnen machen.“ Es sei wichtig, etwas für richtig oder falsch zu halten und leidenschaftlich und nachhaltig dafür oder dagegen zu kämpfen.
Morbide Seifenoper
Plakative und rasant erzählte elf weitere Kapitel folgen, eine Anekdote reiht sich an die nächste. Mit 17 Jahren interviewt er zum ersten Mal Helmut Kohl. Kurz darauf ist Kohl Kanzler und Diekmann in Bielefeld rasender Reporter mit einem roten VW Golf mit dem Kennzeichen „BI–LD“, der Bruno Ganz’ Telefonnummer aus dem Telefonbuch fischt und ihn sogleich in seiner Berliner Wohnung trifft. Kohl wird zum väterlichen Freund, Diekmann zu seinem Trauzeugen. Mit Tränen steht der „Bild“-Chef vor Kohls aufgebahrtem Leichnam im Ludwigshafener Bungalow, während im Zimmer die Kühlaggregate summen – das klingt nach einer morbiden Seifenoper.
„Den Text zum Kapitel Helmut Kohl habe ich selbstverständlich nicht mit Maike Kohl-Richter abgestimmt“ verrät er der RHEINPFALZ. „Von meinem Buch wusste sie natürlich, aber sie hat mir vertraut und wollte es unter keinen Umständen vorab lesen. Ich habe in der Vergangenheit regelmäßig Dokumente und Unterlagen von Helmut Kohl und seiner Frau erhalten, zu denen es immer klare Verabredungen gab, ob sie vertraulich sind oder ich sie nutzen darf – wie jene, die ich jetzt veröffentlicht habe.“ Die Kohl-Söhne Walter und Peter dürften das anders sehen, in einem „Spiegel“-Interview kündigte Walter Kohl an, gegen zahlreiche Äußerungen in Diekmanns Buch vorgehen zu wollen.
Zurück zum Buch: Ein anderes Kapitel widmet sich der Versöhnung mit Günter Wallraff, der Ikone aller „Bild“-Hasser. Nach einem gemeinsamen Tischtennismatch signiert Wallraff ein Selfie mit dem einstigen Erzfeind folgendermaßen: „Für Kai Diekmann, den partiellen Aufklärer mit Dank für offene Auseinandersetzung, Günter Wallraff.“ Diekmanns Motto „Klau deinen Feinden das Feindbild“ funktioniert auch bei der linken Tageszeitung „taz“: Nach einem unappetitlichen „Penis-Streit“ zwischen beiden Parteien vor Gericht darf Diekmann als Lieblingsfeind zum 25-jährigen Jubiläum für einen Tag die „taz“-Redaktion übernehmen und sorgt für die bestverkaufte „taz“-Ausgabe aller Zeiten – ausgerechnet mit einem Titelfoto von und einem Interview mit Kohl im „Feindesblatt“.
One Last Scoop: Donald Trump
Betroffen machen dagegen Diekmanns Schilderungen, wie er ins Visier von Extremisten gerät und nach Morddrohungen unter Polizeischutz steht. Vor dem Hamburger Domizil geht der eigene Familienkombi in Flammen auf. Er zitiert im Buch einige Hassbotschaften und ermuntert dazu, sich gegen Social-Media-Schmierfinke zur Wehr zu setzen. Bizarr wirkt sein Bericht, als ihn Wladimir Putin 2001 in Sotschi, in perfektem Deutsch, zum gemeinsamen Baden ins Schwarze Meer einlädt, sich vor den deutschen Besuchern entblößt und Diekmann eine seiner sportlichen Speedo-Badehosen leiht.
Zuletzt war er 2022 als Journalist, sechs Wochen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, bei einem Treffen von Politikern mit Putin dabei. Laut einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ habe Putin von „Krieg“ gesprochen, er verteidige knallhart seine Positionen, selbst wenn er lüge, gebe er sich scheinbar unschuldig. An anderer Stelle erlebt Diekmann hautnah Recep Tayyip Erdoğans Entgleisung beim Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos mit, um später selbst zur Zielscheibe des „Wolfs im Wolfspelz“ zu werden: Die türkische Zeitung „Sabah“ stellt ihn als türkenfeindlichen Chef der Bild-Zeitung öffentlich an den Pranger.
Lesenswert auch die Fehde mit dem Medienkanzler Gerhard Schröder, der unverhohlen einräumt: „Zum Regieren brauche ich Bild, BamS und Glotze.“ Mit Schlagzeilen wie „Rentenkürzungen wegen Hartz IV?“ kritisiert „Bild“ die SPD heftig. Mit zeitlichem Abstand betrachtet es Diekmann heute als Fehler, die Reform-Agenda 2010 bis aufs Messer bekämpft zu haben – man habe sie seinerzeit schlicht nicht verstanden.
„Tsunami der Empathie“
Stolz ist er auf Headlines à la „Refugees welcome“, mit denen „Bild“ der Flüchtlingspolitik Angela Merkels Rückenwind gibt. Pathetisch schreibt er: „Es ist ein Tsunami der Empathie, der die Redaktion flutet. Wir sind das reichste Land Europas. Wenn wir das nicht schultern, wer dann bitte?“ Zum Showdown hat Diekmann noch einen Ass im Ärmel, „One Last Scoop“: Als erster und einziger deutschsprachiger Journalist sitzt er am 13. Januar 2017 dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump gegenüber, eines der ungewöhnlichsten Interviews seiner Karriere. Mit seiner hindrapierten, buttergelben Betonfrisur begrüßt der den verdutzten Diekmann mit den Worten: „Hi, wie geht es Angela Möörkel? Kommt sie mit dieser Horrorshow, die sich in Deutschland abspielt, zurecht?“
Headliner trifft auf Headliner, Superdröhnung folgt auf Superdröhnung. „Das Interview schlägt ein wie eine Bombe, macht Schlagzeilen auf der ganzen Welt“, schreibt der Interviewer stolz. „Die ,Washington Post’ und die ,New York Times’ berichten auf Seite eins, CNN und der ,Guardian’ wollen Interviews mit mir.“ Der Chefredakteur mit ausgeprägtem Ego und einer gehörigen Portion Eitelkeit beendet seine kurzweilig zu lesenden Memoiren, laut Verlag mit einer beachtlichen Startauflage von 70.000 Exemplaren erschienen, mit Pauken und Trompeten. Eine Fortsetzung ist wohl nur eine Frage der Zeit.
Lesezeichen
Kai Diekmann: „Ich war Bild. Ein Leben zwischen Schlagzeilen, Staatsaffären und Skandalen“; Deutsche Verlags-Anstalt; 544 Seiten; 34 Euro.
Zur Person
Kai Diekmann, geboren 1964, interviewte bereits 1982 als Bielefelder Gymnasiast Helmut Kohl für die von ihm gegründete konservative Schülerzeitung. Während seiner Bundeswehrzeit gelang ihm mit einem Praktikum beim Axel Springer Verlag der Einstieg in den Journalismus. Von 1998 bis 2000 war Diekmann Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, von Januar 2001 bis Januar 2017 an der Spitze von „Bild“. Er ist einer der Mitgründer der Social-Media-Agentur „Storymachine“ und lebt mit seiner Familie in Potsdam.