Yul Brynner RHEINPFALZ Plus Artikel Der Macho mit der Glatze: Am Samstag wäre Schauspieler Yul Brynner 100 Jahre alt geworden

Yul Brynner als der König von Siam in dem Fernsehfilm „Anna und der König von Siam“.
Yul Brynner als der König von Siam in dem Fernsehfilm »Anna und der König von Siam«.

Hormonstrotzende Männlichkeit trotz fehlenden Haupthaars? Das geht! Der Filmschauspieler Yul Brynner hat diesen Beweis erbracht, lange bevor ein kahler Schädel zum Accessoire kraftvollen Machismos wurde.

Der Hollywood-Star verfrachtete den Mythos vom löwenmähnigen Recken ein für allemal in die Mottenkiste – und machte die Glatze zum Inbild eines dynamisch-energischen, aggressiv attraktiven Mannestums, dessen Sex-Appeal das weibliche Publikum anzieht und männliche Zuschauer fasziniert. Am 11. Juli wäre der virile Vulkan 100 Jahre alt geworden.

Das Datum scheint festzustehen, als Geburtsort wird die fernöstliche Hafenstadt Wladiwostok angenommen. Im Übrigen verbrämte der schillernde Kosmopolit seine Lebensgeschichte mit rätselhafter Romantik. Immerhin weiß man, dass er mongolisch-burjatische Ahnen, eine russische Mutter und einen Vater mit Schweizer Pass hatte. In späteren Jahren setzte er sich für die Belange der Sinti ein. Als überzeugter Humanist kämpfte er mit Nachdruck fürs Wohl von Flüchtlingen in aller Welt.

Im Kino wurde aus dem Menschenfreund ein Berserker

Auf der Kinoleinwand gab der freigebig-wohltätige Menschenfreund derweil den Berserker. Nach dem abgebrochenen Besuch eines Pariser Elite-Internats schlug er sich als Wanderschauspieler, Musiker, Sänger und Artist durch, ehe er 1940 in den Vereinigten Staaten landete. Dort fand er Arbeit auf Theaterbühnen, im Radio und Fernsehen, schließlich als Regisseur und gelegentlicher Filmdarsteller.

Schlagartig berühmt wurde Yul Brynner, als er 1951 am New Yorker Broadway in der Uraufführung des Musicals „Der König und ich“ (von Rodgers & Hammerstein) als Herrscher von Siam besetzt wurde. Der orientalische Despot, der von der britischen Gouvernante seiner vielköpfigen Kinderschar gezähmt und kultiviert wird, machte ihn über Nacht zum Star der amerikanischen Theaterwelt. Die 1955 entstandene Verfilmung trug ihm einen Oscar, internationale Popularität und eine Vielzahl hochbezahlter Rollen ein.

Als grausamer Pharao im Bibelschinken „Die zehn Gebote“, skrupelloser Ex-General in „Anastasia“ (beide 1956) und einer der „Brüder Karamasow“ (1958) bewies er Wandlungsfähigkeit und psychologischen Tiefgang, als exzentrischer Star-Dirigent in „Noch einmal mit Gefühl“ (1960) sogar Sinn für Komödie. Vor allem jedoch spielte Yul Brynner fortan stets Yul Brynner: kernig-kraftvolle Kerle, robuste Rabauken, die unverstellte und unwiderstehliche Urkraft der männlichen Naturgewalt.

Der oft entblößte Brustkorb

Die leicht asiatischen Züge, der häufig entblößte Brustkorb, dessen muskulöse Sehnigkeit auf Brynners Artistenkarriere verwies, die sonore Bassstimme, der elegant tänzelnde Schritt, dazu der glänzend blank rasierte Kirgisenschädel, den profane Journalisten als „Hollywoods erotischste Glatze“ etikettierten – all das machte aus dem musischen Schöngeist eine dutzendfach eingesetzte Marke.

Ob als wagemutiger Korsar in „König der Freibeuter“ (1958), biblischer König in „Salomon und die Königin von Saba“ (1959), Kosakenführer in „Taras Bulba“ (1962), Indianerhäuptling in „Könige der Sonne“ (1963) oder U-Boot-Kommandant in „Morituri“ (1965): Brynner war immer der überlebensgroße Heros, Draufgänger und Haudegen, dessen Regisseure vor allem auf die plakativ veräußerlichte Erotik setzten.

Ein Ausbruch aus dem eigenen Klischee des Tausendsassas zwischen Robustheit und Grandezza war dem auch als Fotograf und Bildhauer hervortretenden Multitalent nur selten gestattet. John Sturges erschloss ihm das Western-Genre, indem er ihn den Anführer der „Glorreichen Sieben“ (1960) spielen ließ. In der Science-fiction-Schauermär „Westworld“ (1973) bot er als außer Kontrolle geratener Cowboy-Roboter eine amüsante Reflexion des eigenen Images.

Für immer der thailändische Tyrann

Die Kontur der Schablone bildete weiterhin der thailändische Tyrann. Brynner wiederholte die Rolle des kahlen Königs in diversen Reprisen auf der Bühne und 1972/73 in einer Fernsehserie. Er „durfte sein Publikum nie überraschen und konnte es so nie enttäuschen“, schrieb einmal der Kritiker Michael Schmitt. Exakt 4625 Mal hatte er den hartherzigen Herrscher verkörpert, als ihm die Jury des Tony-Theaterpreises 1985 eine Ehrenplakette verlieh.

Zu dieser Zeit war der Philanthrop und Inhaber mehrerer Ehrendoktorhüte, der am Genfer See ein Heim für Kriegswaisen aus Vietnam und Biafra errichtet hatte, ein schwerkranker Mann. Sein Kampf gegen den Lungenkrebs führte ihn auf eine schlagzeilenträchtige Reise um die halbe Welt zu Wunderheilern und Ärzten. Als er nach langem Siechtum 65-jährig in einer New Yorker Klinik starb, wurden am Broadway zu seinem Andenken alle Lichter gelöscht. Die Fernsehnachrichten in aller Welt zeigten noch einmal die Szene, wie der zum anmutigen Tänzer gewandelte Gewaltherrscher mit seiner Partnerin im Walzertakt den Song „Shall we dance“ anstimmt. Der grimmige Glatzkopf mit Gefühl.

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