Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Der Krieg im Gedicht (Teil zwei): „Tränen des Vaterlandes“ von Andreas Gryphius

Andreas Gryphius auf einer historischen Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert.
Andreas Gryphius auf einer historischen Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert.

Es ist Krieg, mitten in Europa. Wieder einmal. Der Kontinent hat so unfassbar viele Kriege erleben müssen, dass das auch nicht spurlos an der Literatur vorbeigegangen ist. Die Kriegslyrik ist ein eigenes Genre, das versucht, in Worte zu fassen, was nicht in Worte zu fassen ist. Und dennoch versucht es der schlesische Barockdichter in seinen „Tränen des Vaterlandes“, die in einer ersten Fassung 1637 erschienen sind.

Die Welt im Krieg. 30 Jahre lang. Eine nicht enden wollende Apokalypse. Und mittendrin Deutschland, das Vaterland des großen Barockpoeten Andreas Gryphius (1616-1664). Jeder Krieg ist eine Menschheitskatastrophe, das erleben wir gerade in der Ukraine, auch, weil er immer die Unschuldigen und Schwachen, die Wehrlosen am härtesten trifft. Aber der Dreißigjährige Krieg, den Gryphius beschreibt und den er miterleben musste, war eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Und er sollte für Jahrhunderte ein deutsches Trauma bleiben.

Was Gryphius in diesem Gedicht, das zu den berühmtesten deutschen Texten des 17. Jahrhunderts zählt, schildert, ist nichts weniger als die Hölle auf Erden. Die Apokalypse. Es wirkt wie der Text zu Albrecht Dürers berühmten Holzschnitt „Die apokalyptischen Reiter“. Kein Schrecken des Krieges wird ausgespart: Vergewaltigung, Hungersnot, Feuersbrunst, Kirchenschändungen. Die Flüsse sind von den unzähligen Leichen verstopft, die Städte zerstört. Der Mensch leidet unter unvorstellbaren Kriegsgräueln. Und keine Rettung, kein Trost nirgends.

Drastischer wurde der Krieg selten in Worte gefasst. Und wie uns die Bilder aus der Ukraine zeigen: Der Krieg ist von einer perversen Zeitlosigkeit. Mögen sich die mörderischen Waffen seit dem Dreißigjährigen Krieg auch verändert haben, sie bringen doch immer nur Tod und Leid. Und der Dichter, der hier spricht, hat sein Entsetzen über das Grauen um ihn herum, das er nun schon seit 18 Jahren („dreymal sind schon sechs Jahr“) seit dem Kriegsausbruch 1638 mit ansehen muss, in Worte gefasst, die nichts von ihrer erschütternden Wirkung verloren haben. Das vom Krieg geschundene Land, ein einzig Weinen.

Thränen des Vaterlandes / Anno 1636.

WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!

Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun

Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /

Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.

Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.

Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /

Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun

Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.

Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.

Dreymal sind schon sechs Jahr / als unser Ströme Flutt /

Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.

Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /

Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth

Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.

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