Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Der erste Supermarkt der Bundesrepublik, ein „merkwürdigens Versuchslaboratorium “

Die Schweizer waren schneller: Schon 1948 gab’s bei Migros in Zürich Selbstbedienung. Foto: picture alliance/ullstein bild
Die Schweizer waren schneller: Schon 1948 gab’s bei Migros in Zürich Selbstbedienung.

Samstags überschreiten wir die Grenzen von Raum und Zeit. Und kommen dann manchmal ins Staunen. Zum Beispiel darüber, dass der Selbstbedienungs-Supermarkt genauso alt ist wie das Grundgesetz.

In der jungen Bundesrepublik – keine 14 Tage nach Verkündung des Grundgesetzes – eröffnete am 4. Juni 1949 in Augsburg der erste Supermarkt. Der damals ganz und gar ungewöhnliche Geschäftsaufruf lautete: „Bediene Dich selbst.“ Ein Vorschlag, der zunächst eher misstrauisch beäugt wurde. Im Juni 1949 berichtete die „Augsburger Allgemeine“ von einem „merkwürdigen Versuchslaboratorium der Einzelhandelstechnik“, durch das die Kunden „mit einer Art Teewagen und einem Holzkasten bewaffnet“ ziehen würden, vorbei an Regalen, die mit insgesamt 2000 Produkten befüllt seien.

Die revolutionäre Einkaufsidee stammte aus den USA. In Memphis im US-Bundesstaat Tennessee hatten bereits 1916 erste Märkte ihrer Kundschaft Selbstbedienung angeboten. Im Supermarkt „Piggly Wiggly“ gab es anstelle einer Verkaufstheke Regale, aus denen Kunden Waren entnehmen konnten. Hierzulande fand der Einkauf bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vornehmlich in Tante-Emma-Läden oder in kleinen Bäckereien und Metzgereien statt. Butter, Mehl, Zucker und Salz wurden an der Theke geordert, im Mittelpunkt der Läden stand der Händler, nicht der Kunde. Das erste deutsche SB-Geschäft in der Augsburger Morellstraße hieß aufgrund seiner Firmenfarbe „Der blaue Laden“. Hier erprobte die Handelskette BMA (Bernhard Müller Augsburg) das neue Konzept.

Die Idee hatte der Augsburger Bernd Müller aus den USA mitgebracht

Die Idee hatte der damalige Chef in den USA kennengelernt und nach Deutschland gebracht. Unterstützt wurde er vom amerikanischen Registrierkassen-Hersteller National Cash Register Company. Die Deutschlandzentrale von NCR befand sich seit 1947 ebenfalls in Augsburg. Später erinnerte sich Müller: „Das Geschäft lag auf unserem Großhandelsgelände. Zunächst war es nur als Probeladen fürs Personal gedacht, dann kamen aber auch Leute aus der Nachbarschaft.“ Im Laufe der Zeit wurden auch Berechtigungsscheine für externe Kunden ausgegeben. Den ersten frei zugänglichen Selbstbedienungsladen für alle startete die BMA knapp ein Jahr darauf in der Augsburger Innenstadt. Der große Ansturm konnte kaum bewältigt werden. Weil zu viele Kunden davorstanden, musste der Laden stundenweise sogar schließen. Durch das neue Erfolgsmodell expandierte das Unternehmen weiter. Bis zum Ende der 1950er Jahre folgten rund 100 BMA-Filialen in ganz Bayern.

Am 30. August 1949 eröffnete die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“ (Pro) in St. Georg ebenfalls einen „Supermarkt“. Die anfängliche Scheu, im 170 Quadratmeter großen „S1“ nicht mehr vom Kaufmann hinter der Ladentheke bedient zu werden, wich schnell der neuen Shopping-Freiheit. Außerdem hielt hier eine weitere amerikanische Erfindung Einzug: der Einkaufswagen. Den hatte erstmals 1937 Sylvan N. Goldman in seinen Humpty Dumpty-Supermärkten in Oklahoma City bereitgestellt.

Schon in den 1960ern begann das Sterben der Tante-Emma-Läden

Mit den „Packeseln aus Draht“ sollten Kunden möglichst viele Waren einladen und zur Kasse transportieren. Die Firma Wanzl aus dem schwäbischen Leipheim lieferte 20 Einkaufswagen des Modells „Pick-up“ und 40 Einkaufskörbchen. Wanzl stieg zum weltgrößten Produzenten von Einkaufswagen auf, inzwischen stellen die Baden-Württemberger pro Jahr rund zwei Millionen Stück her.

Durch die Konzentration im Lebensmittelmarkt auf wenige große Händler wurde seit den 1960er Jahren das Sterben der Tante-Emma-Läden eingeläutet. Derzeit ist der Lebensmittelhandel wieder im Wandel, Internet und neue Technik sind auf dem Vormarsch in die Einkaufswelt: Sprechende Produkte, Kühlschränke, die Einkaufslisten erstellen und selbstfahrende Einkaufswagen. Computergesteuerte Kassensysteme mit Strichcodes gehören mittlerweile zum Standard. Experimente mit sogenannten Future Stores, in denen der Kunde alle Waren selber einscannt und die Artikel an der Kasse anhand einer Liste – ohne sie aufs Band zu stapeln und ohne Kassiererin – online bezahlt, befinden sich in der Testphase. Beim Online-Shopping können Einkäufe übers Internet vom Heimcomputer oder vom Smartphone geordert werden. Laut einer Studie steigt der Online-Marktanteil im Lebensmittelhandel in den nächsten Jahren auf mindestens zehn Prozent. Die Auslieferung mit Drohnen scheitert derzeit jedoch auch an deren geringer Tragfähigkeit von nur fünf Kilogramm.

Auch der kurz darauf eingeführte Einkaufswagen ist eine US-amerikanische Erfindung. Foto: dpa
Auch der kurz darauf eingeführte Einkaufswagen ist eine US-amerikanische Erfindung.
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