Kultur Der coole Engel der Zeichen

Voller Zeichen: Basquiats „A Panel of Experts“, 1982.
Voller Zeichen: Basquiats »A Panel of Experts«, 1982.

Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt hat jetzt etwas von Untergrund. Mattschwarze Einbauten sind eingezogen, Tunnelgänge, Club-Atmo, Hip-Hop-Musik, Indie-Filme, Notizblöcke. Gefeiert wird ein gefallener Engel der Coolness, Jean-Michel Basquiat. Sprayer, DJ, Model, Schauspieler, Kunstmarktstar der Picasso-Liga. Ein New Yorker Ikarus der Achtziger. 1988 tot. Mit 27 Jahren, eine Überdosis. „Boom for real“ heißt die Schau, die die Legende mit einem hochkomplexen Werk grundiert. Ein Knaller.

Der Prestel-Verlag hätte den Ausstellungstitel für sein Katalogbuch gerne übersetzt, wird bei der Pressekonferenz erzählt. „Boom, echt“. Echt jetzt? Geht gar nicht. Basquiat ist so seine Geburtsstadt New York und so USA. Ende der Siebziger taucht er in der Kunstszene der damals ziemlich abgebrannten Kapitale am Hudson River auf. Ein androgyner Typ mit Rastazöpfchen, really saucool. Immer auf der Flucht vor den Cops, wenn er mit einem alten Kumpel die Stadt mit Graffiti-Kommentaren voller Zorn und Sehnsucht zutextet. Unterzeichnet: Samo, was so viel heißt wie „same old shit“, der alte Mist. Dabei hatte er gerade damit begonnen, das neue Ding aufzuziehen. Das Problem mit Basquiat, der Blick auf sein Werk ist leider von seinem Künstlerleben verstellt, der Ausleuchtung seiner Aura-Zone. Er brannte für zehn Jahre lichterloh. An beiden Enden. Und wer oberflächlich hinschaut, sieht in seinen Arbeiten Street Art, darauf Krickelkrakel, Rechtschreibfehler, Königskronen und rätselhafte Kürzel, Chiffren, die bei weitem schwerer zu entziffern sind als sein Dasein als Hochgeschwindigkeitsbohemien. All die Referenzen auf das Buch Genesis und die Beat-Literatur, das Jungpaläolithikum und japanische Mangas, auf Tizian und einen schwarzen Baseballspieler, Hank, dessen Nachname Aaron er in einigen Werken verwendet. Das heißt, Aaron könnte auch für die negativ belegte, schwarze, Shakespeare-Figur in „Titus Andronicus“ stehen. Und für den Bruder von Moses. Im Alten Testament. Und weiter so. Rund 1000 Werke entstanden in der kurzen Zeit, die Basquiat blieb, Sturm und Drang auf Acryl und Leinwand geworfen, oder auf irgendwas, einen Riesen-Rest mit anderen Sachen exklusive, kein Fetzen Papier war vor ihm sicher. Seine Werke sind ein hemmungsloser Mix aus Malen und Zeichnen, Kindlichkeit und Chaos, Text und Bild. Asphalt-Kunst für die Reichen, sagen seine Kritiker. Kunst, mit der man sich einen Lebensentwurf zukauft, den man vielleicht selbst hätte führen können wollen. Oder lieber doch nicht. Die Schau, kuratiert von Eleanor Nairne vom Barbican Centre in London, dem Kooperationspartner, und Dieter Buchhart für die Schirn, jedenfalls wischt dieses Basquiat-Bild sehr eindrucksvoll beiseite. Sie zeigt rund 100 kultur- und zeitgeschichtlich aufgeladene Werke, ein tief in der amerikanischen Seele verwurzeltes Labyrinth. Seit 30 Jahren ist sie die erste große Ausstellung des in Museums-Sammlungen kaum präsenten Künstlers in Deutschland. Basquiat kommt aus der aufstrebenden Mittelschicht. Die Mutter aus Puerto Rico. Sein Vater ist Haitianer, der vergeblich versucht, das Rebellische aus ihm heraus zu prügeln. Einmal rammt er ihm ein Messer in den Po. Er soll was Anständiges lernen. Aber Basquiat, hochbegabt und unwillig, cancelt das mit der privaten katholischen Schule, auf die er geht, lieber vorzeitig. Er will halt reich und berühmt werden. Und beides ohne WLAN-Anschluss. Basquiat schläft anfangs in New York unter Brücken und bei Mädchen, die er abschleppt. Bei einer zieht er ein, Suzanne Mallouk. Die Wohnung ist winzig, die Zeiten wild. Basquiat ein Energiebündel voller Romantik und Wut. Ein Schwarzer in einer von Weißen dominierten Welt. „Das Schwarze ist mein Protagonist, weil ich schwarz bin“, sagt er 1985 in einem Interview, „und deshalb verwende ich es als Hauptfigur“. Sich selbst malt er 1983 als schwarzen Scherenschnitt, nur zwei Augenschlitze, keine Nase, kein Mund. Die gleiche Figur findet sich auch auf einem Triptychon, das zwei Jahre vorher entstand. Sieben mal steht der Name Ben Webster auf der linken Leinwand. Webster wie der schwarze Jazzpianist. Basquiat ist ein großer Liebhaber des Jazz, der Musik überhaupt gewesen, vielleicht ist sie der Urgrund seiner Kunst. Seit 1979 spielt er Klarinette und Synthesizer in der Noise-Band Gray. Im Mudd Club unter anderem, wo Grace Jones abhängt und Madonna, mit der er kurz was am Start hat. Auf einem Film, der in Frankfurt läuft, sieht man ihn im Atelier selig lächelnd tanzen. Basquiat hat immer alles aufgesaugt, Bebob und Bach, die ersten Hip-Hop-Beats, im MoMa Cy Twombly, dessen Gekritzel er übernimmt. Das medizinische Lehrbuch „Gray’s Anatomy“, aus dem er die inneren Organe seiner skurrilen Figuren abzeichnet, trug er quasi immer bei sich. „Meine facts“, sagte er einmal, „hole ich mir aus Büchern, Sachen über Zerstäuber, den Blues, Methylalkohol, Gänse im ägyptischen Stil“. Beim Malen hört er, umringt von Semiotik-Büchern und Künstlermonografien Musik, gleichzeitig läuft der Fernseher. Er sieht im Kino zehn Mal „Apokalypse Now“, also in einer Woche. Er spielt die Hauptrolle, einen verarmten Künstler, in einem Film mit dem Titel „Downtown 81“, der in der Schirn im dunkelsten Ausstellungswinkel läuft, sich selbst quasi. Im Hintergrund die heruntergekommene Stadt und die Musik von The Lounge Lizards oder Kid Creole and the Coconuts. Debbie Harry, die Sängerin von Blondie und später seine erste Sammlerin, hat einen Märchenprinzessinnenmoment. Bei Drehbeginn ist Basquiat 19 Jahre alt. Er beginnt alles rauszuhauen und wird dabei bleiben. Die komplette Bude, die er mit Suzanne Mallouk bewohnt, übersät er mit Figuren und Zeichen, mit Masken, Skeletten, Schädeln, Königskronen, Heiligenscheinen, Getier, Boxerhandschuhen. Auch den Kühlschrank, der jetzt in der Schirn steht, um etwas von Basquiats Entäußerungswut einzufrieren. Andy Warhol hat das Teil später gekauft. Für viel Geld, heißt es. Kein Vergleich zu den Einhundertzehnkommafünf Millionen Dollar, 99 Millionen Euro, die 2017 ein japanischer Internetmilliardär für ein 1982 entstandenes Werk „ohne Titel“ bei Sotheby’s in New York ausgab. Aber auch keiner zu dem einen Dollar, um den Basquiat Warhol in einem Restaurant in SoHo für eine collagierte Postkarte anquatscht. Bald schleppt der Schweizer Galerist Bruno Bischofsberger Basquiat in Warhols weltberühmter Factory an. Es ist der 4. Oktober 1982. Und nach der Begegnung eilt Basquiat ins Atelier und knallt ein Doppelporträt auf die Leinwand, das er – noch feucht - zwei Stunden später in der Factory anliefern lässt. Warhol in Dürer-Denker-Pose und mit zerzauster Perücke. Er breit grinsend und mit noch breiterer Nase, die Dreadlocks stehen stracks ab wie unter Strom. „Dos Cabezas“, heißt das Werk. „Ich bin eifersüchtig“, soll Warhol dazu gesagt haben, „Basquiat ist schneller als ich.“ Auf einem Video aber legt Warhol väterlich dominant den Arm um den Nachwuchsstar. 1985 beginnen sie eine Reihe von Gemeinschaftsbildern, „Collaborations“. Die Kritik daran ist vernichtend. Das Frankfurter Bild aus der Serie ist aber sehr okay. Beide haben darauf jeweils das Logo der Haushaltswarenfirma Church & Dwight bearbeitet, „Arm & Hammer“. Warhol bläst es auf. Basquiat löscht es mit dem Konterfei eines schwarzen Musikers mit Saxophon. Ein antirassistisches Statement? Kann sein. Denn er malt immer mit großer Dringlichkeit. Er ritzt Furchen in den Grund. Manche seiner Bilderfindungen grenzen an Voodoo. Und dann wieder an den deutschen Expressionismus. Basquiats Durchbruch ist die legendäre Schau „New York - New Wave“ 1981 im Museum P.S.1 auf Long Island, in der ihn sein Mudd-Club-Kumpel Diego Cortez unterbringt, neben Künstlern wie Warhol, Keith Haring, Robert Mapplethorpe, David Byrne. 15 der damals von Basquiat gezeigten Werke auf Leinwand, Papier, Holz, Altmetall und Schaumgummi sind jetzt in der Schirn zu sehen. Comic-hafte Autos fahren darauf herum, die Skyline durchkreuzen Flugzeuge. Am 12. August 1988 liegt der 27-jährige Basquiat tot in seinem Atelier in der Great Johnes Street. Todesursache, ein Drogen-Mix, vor allem Kokain. Sein letztes Bild ist noch nicht trocken, ein schwarzer Knochenmann auf Goldgrund. „Riding with Death“, Ritt mit dem Tod. Eines seiner frühen Werke trug den Titel „Gefallener Engel“. Gut, dass die Schutzheilige Schirn ihn jetzt für die Kunstgeschichte rettet. Die Ausstellung Bis zum 27. Mai in der Schirn. www.schirn.de

Künstler mit Footballhelm, Foto von Edo Bertoglio aus dem Jahr 1981.
Künstler mit Footballhelm, Foto von Edo Bertoglio aus dem Jahr 1981.
Warhol und Basquiat. „Dos Cabezas“ aus dem Jahr 1982.
Warhol und Basquiat. »Dos Cabezas« aus dem Jahr 1982.
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