Kultur Der Alltag steckt voller Tragödien

Im Wettbewerbsfilm „Hikari“ von Naomi Kawase kümmert sich eine junge Frau (Ayame Misaki ) um einen Fotografen (Masatoshi Nagase)
Im Wettbewerbsfilm »Hikari« von Naomi Kawase kümmert sich eine junge Frau (Ayame Misaki ) um einen Fotografen (Masatoshi Nagase), der zusehends erblindet, und verliebt sich in ihn.

Die beiden Wettbewerbsfilme, die den meisten Applaus bekamen und gute Chance auf die Goldene Palme haben, waren Gefühlskino der besten Sorge – oder wie es Clint Eastwood am Sonntag bei seiner Kinolehrstunde in Cannes ausdrückte: „Film ist eine emotionale Kunstform, keine intellektuelle.“

Ein Paar lebt in Scheidung. Sie hat einen Neuen, er eine Neue. Und wer leidet? Der zwölfjährige Sohn. Irgendwann beschließt Aliocha zu verschwinden. Die Eltern merken es erst nicht, denn seine Mutter ist bei ihrem Liebhaber im entfernten Moskau und sein Vater bei seiner neuen Frau, die schwanger ist. Fast die Hälfte seines Wettbewerbsbeitrags „Nelyubov“ (lieblos) verwendet der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev darauf, die Eltern als vergnügungssüchtige Menschen in einem ziemlich kalt und grau aussehenden Land zu zeigen. Als der Junge verschwindet, teilen sie sich die Zeit ein, als würden sie sich das Sorgerecht teilen: Mal ist der eine, mal die andere mit der Polizei unterwegs, um das Kind zu suchen. Dieses unmögliche Verhalten zeigt Zvyagintsev mit einer Ruhe, Gelassenheit und Intensität, wie man das bislang nur von den belgischen Dar-denne-Brüdern kannte (die zweimal die Goldene Palme gewannen). Gerade deshalb aber bewegt dieser Film die Gefühle der Zuschauer mehr als andere, optisch bessere. Am 11. April starb Michael Ballhaus, einer der besten Kameramänner der Filmgeschichte – dem es zu diesem Zeitpunkt so ging wie der Hauptfigur im japanischen Wettbewerbsfilm „Hikari“ (strahlender Glanz) von Naomi Kawase: Er war blind. Für einen Mann, dessen Augen sein wichtigstes Arbeitsmittel waren, ist das schrecklich. Doch so ruhig, wie Ballhaus sein Leiden ertrug, geht auch der Fotograf Masaya damit um. Ganz blind ist er noch nicht, manchmal sieht er eine helle Fläche – so zeigt es Kawase (48), die bekannteste Autorenfilmerin Japans, die ihren Film der Welt der Blinden gewidmet hat und dies schafft, ohne dass es peinlich oder rührselig wird. Die junge Misaki schreibt Hörbeschreibungen von Kinofilmen für Blinde. Man sieht sie beim Einsprechen ihrer Texte im Studio, wo Blinde zuhören und sie sofort korrigieren. So ist ihnen die Beschreibung „Skulptur aus Sand“ nicht präzise genug, sie schlagen „Statue aus Sand“ vor. Einer der Zuhörer ist Masako, ein berühmter Fotograf. Misaki nähert sich ihm behutsam (so ähnlich stellt man sich automatisch die Annäherung der Regisseurin Sherry Horman an Ballhaus vor, die in den letzten Jahren seine Ehefrau wurde). Es dauert eine Weile, bis er Misaki an sich heranlässt, fragt, ob er ihr Gesicht berühren darf und es fotografiert, obwohl er nichts sieht. Eine wunderschöne Liebeserklärung. Doch selbst nach dem ersten Kuss (und dem unscharfen Foto) bleibt ihre Liebe problematisch. Eine Überraschung jenseits der Wettbewerb war „Napalm“ von Claude Lanzmann (91), dem Holocaust-Filmer. 30 Minuten lang bringt er touristische, unkritische, fast schon sympathisierende Worte und Bilder für die Diktatoren von Nordkorea mit meterhohen kommunistischen Statuen und starker Militärpräsenz. Er kontrastiert sie mit Super-8-Aufnahmen von 1958, als er als Mitglied der ersten westlichen Delegation überhaupt das Land bereiste. Dann kommt er zur Sache und erzählt, wie er sich damals in eine Krankenschwester verliebte. Sie spritze ihn jeden Tag, es gab keine gemeinsame Sprache, aber sie verstanden sich und schafften es trotz aller staatlicher Kontrolle, einen Nachmittag unbewacht zusammen zu verbringen. Außer Küssen war nichts, aber sie fiel bei einer Bootsfahrt ins Wasser, und beide eilten ins Hotel. Lanzmann erzählt das langsam und spannend wie ein Märchenonkel, man sieht das Gesicht des alten Mannes in Großaufnahme. Natürlich ist eine solche privat-politische Liebesgeschichte (sie tauchte in Lanzmanns Autobiografie schon auf) pure Eitelkeit, aber interessant ist sie schon, zumal die Frau ein Napalm-Opfer war, er sie nie wiedersah und man Lanzmann einen so sentimentalen Film nie zugetraut hätte.

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