Kultur Das Orchester schwimmt

Was das Wünschen und Träumen angeht, haben sie etwas gemeinsam. Er, die Legende, und sie, seine Verehrer. Einmal Plácido Domingo livehaftig erleben, früher als Tenorissimo, jetzt eine Etage tiefer als Bariton, diese Sehnsucht ließ sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten durchaus befriedigen – vorausgesetzt, das Einkommen stimmte und das Kartenglück war hold. Die andere Seite, der umschwärmte Star, hat es ungleich schwerer. Einmal das Wiener Neujahrskonzert leiten, einmal im Bayreuther Festspielhaus Wagner dirigieren, das sind, so wird erzählt, die beiden Lebenswünsche des offiziell 77-Jährigen.
Letzteres ist gerade passiert. Ob es zum anderen kommt, ist nach der Bayreuther Erfahrung fraglich. Furchtbar viel Ausnahmen mussten dafür gemacht werden. Aus der abgespielten „Ring“-Inszenierung von Frank Castorf wurde die „Walküre“ für drei Aufführungen reanimiert. Und dass ein Halb-Laie im Graben befehligt, dort, wo Diskussions- und Verehrungswürdiges, auch musikalisch Umstrittenes, aber immer handwerklich Abgesichertes entsteht, auch das ist neu. Um kurz nach zehn, sechs Stunden nach dem ersten Takt, erfrischt, geföhnt und befrackt nach mutmaßlichen 40 Grad, tritt ein gebeugter Domingo vor den Vorhang. Jubel, aber auch viele Buhs, die schmerzen müssen. Warum tut er sich das an? Wie ernst und teuer es dem Jahrhundertsänger mit Bayreuth war, zeigt die Vorbereitungszeit. In den USA mietete er sich, das hört man aus berufenem Munde, ein Orchester für einen nichtöffentlichen „Walküre“-Versuch. Renommierte Sänger wurden angesprochen: Ob sie für ein Privatissimum am Klavier, für eine Lehrstunde also, zur Verfügung stehen könnten? Dann vor einigen Wochen eine konzertante „Walküre“ in St. Petersburg. Von der Probe mit dem Mariinsky-Orchester und russischen Solisten gibt es einen Mitschnitt auf Youtube, er ist nicht schmeichelhaft für Domingo. Nach dem Ernstfall im Festspielhaus lässt sich immerhin konstatieren: Domingo kam durch. Kein Schmiss, kein Abbruch, aber doch sehr Fatales. Der erste Aufzug – immerhin die dramaturgisch perfektesten 65 Minuten Richard Wagners – hing durch, als handle es sich um eine Leseprobe. Domingo hangelte sich von Takt zu Takt, das Festspielorchester spielte auf Sicherheitsmodus, Zeitlupen-Tempi setzten den Sängern zu. Für einen konditionsstarken Helden wie Stephen Gould müsste der Siegmund ein Spaziergang sein, hier kam es sogar im „Winterstürme“-Hit zu Irritationen. Auch der zweite Akt war verbucht, nicht interpretiert. Die Straucheleinheiten häuften sich. Vieles wurde von den Sängern gerettet oder mutmaßlich vom beherzten Konzertmeister. Ein merkwürdiger Sprung zum dritten Akt. Domingo begann aktiver, offensiver und achtete nun gar nicht mehr darauf, was die Kollegen brauchten. Bühne und Graben entkoppelten sich. Ein Schwimmfest, kein Festspiel. An Scharnierstellen klapperte es. Und John Lundgren, ein knorriger, wetterfester, nicht unbedingt eleganter Wotan, geriet in den großen Monologen ein ums andere Mal an Abgründe. Wer für Domingos Bayreuther Engagement verantwortlich ist, darüber schweigt man sich am Hügel aus. Manche geben der inzwischen abgewickelten Eva Wagner-Pasquier die Schuld, andere sprechen von viel älteren Versprechungen aus Wolfgang Wagners Zeit. Immerhin offerierte man Domingo, der schon in den Operngräben von Wien, New York oder München stand, eine First-Class-Besetzung. Die warf so gut wie alle Castorf’sche Regie-Details über Bord: Wer freihändig sang, war verloren – hier musste festen Blickes nach unten die Körpersprache des Dirigenten entziffert werden. Bei Catherine Fosters Brünnhilde klingt trotz hochdramatischer Vehemenz noch immer das Jungmädchenhafte durch. Anja Kampe hat ihre Sieglinde als zurzeit beste Rolleninterpretin ins Übermenschliche vergrößert. Tobias Kehrer sang den Hunding wie eine Bewerbung für größte Hügel-Aufgaben, Marina Prudenskaya die Fricka als essigsaure Spielverderberin. Nicht alles im Ensemble glückte wohlgerundet bis in die letzte Verästelung. Alles verschmerzbar: Für den, der sich im Kostüm diesen Temperaturen aussetzt, gilt die Generalentschuldigung. Allein aufs Wetter schieben lässt sich Domingos Dirigat allerdings nicht.