Kultur
Buch aktuell: Norbert Gstreins neuer Roman „Als ich jung war“
In feiner, präziser Prosa porträtiert der Österreicher Norbert Gstrein – 1989 Gewinner des Bachmannpreises – in seinem neuen Roman einen jungen Mann, der spürt, dass er sein Glück woanders suchen muss. „Als ich jung war“ führt daher von Tirol ins ferne Wyoming.
„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhanden gekommen sein.“ So spricht Franz, der Zweifler, aufgewachsen in den Bergen Tirols. Seine Eltern betreiben einen Gasthof und richten Hochzeiten aus; Franz fotografiert die glücklichen Paare. Doch er glaubt nicht an die Wahrheit und Einzigartigkeit dieses angeblich „schönsten Augenblicks des Lebens“. Die immer gleich inszenierten Feiern und Fotos scheinen Glück nur vorzugaukeln.
Die verlorene Liebe
Und tatsächlich: Nach einer der Hochzeiten stürzt nachts eine frisch getraute Ehefrau den Berghang hinunter und stirbt; zuvor hatte sie einen Streit mit ihrem betrunkenen Mann. Dieser tragische Moment geht Franz nicht aus dem Kopf, ebenso wenig wie der nächtliche Spaziergang mit einem Mädchen namens Sarah, in das er sich verliebte, und das er aus den Augen verlor.
Flucht in die USA
Franz zieht darauf nach Wyoming in den USA und arbeitet als Skilehrer. Einer seiner Schüler ist ein Professor, der Franz adoptieren möchte und über sieben Jahre hinweg immer wieder bei ihm Unterricht nimmt. Bis er schließlich Suizid begeht. Franz ist erschüttert über diesen zweiten Todesfall in seiner unmittelbaren Nähe. Welche Geheimnisse und Sorgen hatte der Professor, und warum stürzte die Braut in den Tod? Haben die beiden Ereignisse etwas mit ihm selbst zu tun? Stecken hinter Menschen und Fotos immer ganz andere Geschichten, als diejenigen, die erzählt werden?
Diese Fragen umkreist Norbert Gstrein gleichermaßen einfühlsam und unterhaltsam, auf hohem sprachlichen Niveau. Sein kunstvoll komponierter Roman sucht auch nach einer Definition von Heimat und nach dem angemessenen Umgang mit einer unerfüllten Liebe. Franz, die sympathische, suchende Hauptfigur, kehrt schließlich zurück nach Österreich. Ob er dort endlich Gewissheit und Orientierung findet? Und vielleicht doch noch einmal Sarah trifft? Norbert Gstrein schickt seinen Protagonisten auf verschlungene Wege mit vielen Überraschungen. Der 58-jährige Autor formuliert klare, unaufdringliche Sätze, deren Ruhe und Kraft wohl nicht zufällig an die Berge Tirols erinnern.
Das Schweigen in uns allen
„Genau zwei Tage vor seinem Tod hatte der Professor zu mir gesagt, er sei überzeugt, dass jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben habe, von der er nicht wolle, dass jemand anderer sie zu hören bekomme, es gebe bei jedem ein Zentrum des Schweigens, ein Zentrum der Scham, an das er sich selbst kaum heranwage.“
Lesezeichen
- Norbert Gstrein: „Als ich jung war“; Hanser; 352 Seiten; 23 Euro.