Kultur Bitte schreib mir nicht!

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Liebe Klara, damit hast Du sicher nicht gerechnet, dass Du von mir einen Brief bekommst – nach all den Jahren. Vielleicht hast Du auch gar nicht dran gedacht, dass wir nächstes Jahr unser 40. Abi-Jubiläum haben werden. Dietmar und ich haben neulich abends beim Bier und in etwas sentimentaler Stimmung ausgeheckt, dass wir uns auf die Suche nach euch allen machen und ein Fest auf die Beine stellen wollen. Bisher hatten wir ja noch nie gefeiert, aber jetzt bekommt Ihr das volle Programm mit Schulführung und allem drum und dran. Von außen hat sich der alte Kasten ja nur wenig verändert, aber innen vermutlich schon. Abendessen gibt es dann bei Dietmar. Er hat aus dem kleinen Hotel seiner Eltern richtig was gemacht. Ich bin immer mal wieder zum Essen hingegangen, oder eben abends auf einen Absacker. Manchmal kam auch Wilfried dazu, wenn sein Schichtdienst bei der Polizei es zugelassen hat. Dann haben wir Skat gekloppt wie damals in der Pausenhalle. Aber damit ist jetzt wieder Schluss. So etwa 40 aus unserem Jahrgang haben wir in den vergangenen Wochen aufgespürt. Stell Dir vor, der stille Bernd leitet ein Labor in den USA an einer der Nobel-Unis. Das hätte ich damals von ihm nicht erwartet. Ulrich hat Karriere bei einer Bank gemacht, das war nicht überraschend. Aber der lustige Klaus ist schwer dem Alkohol verfallen, und Stefan hockt seit einem Schlaganfall im Pflegeheim. Ich bringe es ehrlich gesagt nicht fertig, ihn dort zu besuchen. Ein paar von uns sind natürlich auch schon tot. Renate hat sich ja damals, kaum dass sie in Berlin war, den goldenen Schuss gesetzt. Michael ist mit dem Motorrad verunglückt – nicht damals, als uns das kaum überrascht hätte, sondern erst vor ein paar Jahren, und da konnte er selbst überhaupt nichts für. Merkwürdig ist aber auch: Von vielen findet sich keine einzige Spur im Netz – von Christine zum Beispiel, die ich mal in Mainz getroffen habe, oder von Jochen. Vermutlich würde man die Hälfte von ihnen auch gar nicht mehr erkennen, wenn man ihnen auf der Straße begegnen würde. Die Zeit geht an keinem spurlos vorüber – an mir jedenfalls ganz bestimmt nicht. Bei Dir war’s gar nicht schwer, Dich zu finden. Um ehrlich zu sein: Ich hatte schon seit Jahren verfolgt, was Ihr in eurem Architekturbüro so macht. Und ich muss sagen: Ich bin beeindruckt. Mutige Entwürfe, klare Formensprache, interessante Details. Ein bisschen was verstehe ich ja auch davon, selbst wenn ich damals nur das Bauunternehmen meines Vaters übernommen habe – übernehmen musste. Da war dann nur Kaiserslautern drin, während Du ausgezogen bis in die Welt. Ich wär’ gern mitgegangen, damals. Aber es lief auch hier ganz gut. Zum Beispiel auf die 15 Häuser in Pfälzer Haus-Hof-Bauweise bei uns am Dorfrand, die ich mit einem Partner gebaut habe, bin ich durchaus ein bisschen stolz. Vielleicht kannst Du Dir die ja mal anschauen. Ich hätte auch noch weitergemacht, aber dann kam mir die Erkrankung dazwischen. Jetzt bin ich dabei, alles an eine junge Mitarbeiterin zu übergeben. Sie gleicht der Tochter, die ich nie hatte. Ihr traue ich zu, den Laden gut weiterzuführen. Liebe Klara, weißt Du noch? Das alte Sommerhaus meiner Eltern gleich hinter der Grenze? Villa Kunterbunt hast Du damals immer gesagt, wegen der roten Farbe. Was hatten wir damals für eine schöne Zeit! Eigentlich war es ja nicht viel mehr als eine Bretterbude, aber herrlich war es doch. Die Veranda, der Erker, die Sprossenfenster und der Bach am Rand vom Grundstück. Meine Frau hat sich nie viel draus gemacht, ihr war das zu einfach. Aber das galt bald wohl auch für mich. Wir sind jedenfalls schon seit Jahren getrennt. Ehrlich gesagt, war’s eine Erleichterung. Jedenfalls das Sommerhaus: Ich bin oft zum Angeln dort gewesen, nur die vergangenen Jahre nicht mehr, seit ich die ersten gesundheitlichen Probleme hatte. Erst wieder vor drei Monaten, aber da sah es nicht mehr nach Villa Kunterbunt aus, sondern krankhaft lila ausgebleicht und ziemlich von den Brombeeren überwuchert. Schlimmer noch: Eingebrochen haben sie auch, Party gefeiert und alles zerschlagen. Die Matratzen aufgeschlitzt und das Verandageländer verheizt. Das Brett, wo Du mit Deinem Zirkel unsere Initialen eingestochen hattest, hab ich nicht mehr gefunden. Kein schöner Anblick, aber eigentlich hat es mir das Abschiednehmen erleichtert. Mein Anwalt soll das Grundstück den Naturschützern übertragen, es liegt ja im Schutzgebiet. Ich werde es nicht mehr brauchen. Aber ich dachte, das könnte Dich interessieren. Liebe Klara, weißt Du noch? Wir sind damals mit meinem R 4 hingeschaukelt. Du hattest Dich damals dort so wohl gefühlt. Abends haben wir gequatscht oder gelesen auf dem alten Canapé am Ofen, morgens der Sprung in den Bach, dann einkaufen auf dem Markt, Rotwein aus dem Dorfladen und das Obst aus den Gärten der Nachbarn. Was haben wir damals für Pläne geschmiedet! Der Wirklichkeit haben sie nicht standgehalten, wie so oft. Ich war beim Bund, und Du warst plötzlich fort, erst Aachen, dann Hamburg, Skandinavien und Holland. Deinen Claus hast Du dann ja auch sehr schnell getroffen. Ich muss sagen, er sieht nett aus, auch wenn ich das damals nicht so richtig würdigen konnte. Ich nehme an, ihr habt Kinder? Liebe Klara, das ist jetzt ein ziemlich langer Brief geworden. Ist sonst eher nicht so meine Art. Aber nach 40 Jahren gibt es ja auch was zu erzählen. Gäbe es zumindest. Es sieht nicht so aus, als könnte ich beim Abitreffen dabei sein: Die Krankheit ist zurückgekehrt, die Behandlungsmühle geht von vorne los und ich mache mir da wenig Illusionen. Aber eines sollst Du noch wissen: Ich habe Dich sehr geliebt. Lebe wohl, Martin. PS: Bitte schreib mir nicht. Der Autor Sebastian Böckmann (57) ist Leiter der Lokalredaktion in Landau. Er hätte nächstes Jahr 40. Abi-Jubiläum, hat aber keine Lust, es zu organisieren: Manches bleibt besser Erinnerung. Ein Sommerhaus hat er nie besessen.

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