Kultur Berechnende Biester

Faszinierende schauspielerische Leistungen: Anya Taylor-Joy (Lily) und Olivia Cooke (Amanda, vorn) wollen Lilys Stiefvater umbri
Faszinierende schauspielerische Leistungen: Anya Taylor-Joy (Lily) und Olivia Cooke (Amanda, vorn) wollen Lilys Stiefvater umbringen. Helfen soll dabei Anton Yelchin (Tim) in seiner letzten Rolle vor seinem Unfalltod.

Von mörderischen Frauenfreundschaften hat das Kino schon des Öfteren mit großer Spannung erzählt. Besonders bezwingend wirkt noch immer Claude Chabrols „Biester“ aus dem Jahr 1995. Mit „Vollblüter“ kommt nun allerdings ein Spielfilm aus den USA in die Kinos, gegen den der Schrecken der „Biester“ geradezu blass anmutet. Die „Vollblüter“ sind die beiden Hauptfiguren, denn auf sie trifft zu, was man den als Vollblütern titulierten Vierbeinern zuschreibt: Sie muten überaus sensibel an, ja, nervös, sind absolut halsstarrig und dazu ehrgeizig bis zur Besessenheit. Genauso sind Amanda (Olivia Cooke) und Lily (Anya Taylor-Joy), die beiden jungen Frauen, von denen die düstere, in vier Abschnitte aufgeteilte Mär handelt. Sie sind Kinder aus wohlhabenden Häusern, doch in ihren Herzen arm. Amanda ist zu keinerlei Gefühlen fähig, während Lily ihr Dasein allein mit übersteigerten Empfindungen und Emotionen regelt. Die Zwei schließen Freundschaft, obwohl keine von beiden auch nur ahnt, was hinter dem Wort wirklich stecken kann. In Wahrheit verbindet die beiden auch nicht Zuneigung, sondern Selbstsucht. Sie bilden eine Zweckgemeinschaft des Bösen. Ziel: die Ermordung von Lilys Stiefvater (Paul Sparks). Wobei sich die schnieken Girls nicht die Hände schmutzig machen wollen. Mit dem Versprechen auf einen guten Gewinn verpflichten sie den Drogendealer Tim als Handlanger. Gespielt wird dieser von Anton Yelchin („Star Trek“) – es war die letzte Rolle vor seinem Unfalltod 2016. Tim soll die Tat ausführen, sie wollen für ein todsicheres Alibi sorgen. Und schon ist Spannung da, steht doch die Frage im Raum, ob der perfide Plan aufgeht. Doch diese Frage ist für Spielfilmdebütant Corey Finley, der hier ein eigenes Theaterstück fürs Kino inszeniert hat, zweitrangig. Viel wichtiger sind ihm die Charakterzeichnungen, die ein grelles Schlaglicht auf die von Profitgier angetriebene Welt werfen. Finley seziert mit seinem Thriller eine Gesellschaft, in der Empathie als Störfaktor gilt, in der bei jeder und jedem der Slogan „Ich zuerst!“ auf der Stirn zu stehen scheint. Die Dialoge von Amanda und Lily muten oft wie der nichtssagende Klingklang überdrehter Teenagerplaudereien an. Doch sie sind mehr. Hinter dem schrillen Wortgeklingel brodeln die Höllenfeuer einer Lebensart, in der alle Menschlichkeit längst Macht und Mammon geopfert wurde. Bewundernswert ist, wie elegant Corey seine Sozialkritik verpackt hat. Auch die Bildsprache fasziniert. Kameramann Lyle Vincent („A Girl Walks Home Alone At Night“) sorgt mit seinen das Geschehen nur ganz selten direkt abbildenden Tableaus gelegentlich sogar für eine satirische Überhöhung. Gewalt zeigt er kaum, sondern überlässt es der Vorstellungskraft der Zuschauer, sich diese vorzustellen. Großartig auch sind die zwei Hauptdarstellerinnen. Wie einst Isabelle Huppert und Sandrine Bonnaire in Chabrols „Biester“ faszinieren Olivia Cooke („Ready Player One“) und Anya Taylor-Joy mit einer enormen Präsenz. Zwischen ihnen stimmt die Chemie. Nie wird klar, welches der von ihnen verkörperten Monster manipulativer ist, wer raffinierter lügt und betrügt, wer wen in der Hand hat. Das Erstaunlichste: Es gelingt den Schauspielerinnen, die von ihnen mit feinsten Strichen gezeichneten Charaktere nie zu denunzieren. Man erwischt sich als Zuschauer vielmehr sogar dabei, dass man ihnen bei ihrem absolut unmoralischen Tun die Daumen drückt. Spätestens, wenn man das realisiert, bekommt man eine Gänsehaut, die einen noch lange, lange nach Ende des Films piesackt.

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