Theater RHEINPFALZ Plus Artikel Beim Heidelberger Stückemarkt geht es im Wettbewerb um Herkunft und Identität

Einst ein Paar: Katharina Ley und Friedrich Witte in „Das weiße Dorf“.
Einst ein Paar: Katharina Ley und Friedrich Witte in »Das weiße Dorf«.

Immerhin digital: Nach der Absage 2020 findet der Heidelberger Stückemarkt diesmal online statt, mit gestreamten Aufführungen, Lesungen und Live-Talks mit Zuschauerchat und einem Netzmarkt für digitale Produktionen. Wie gewohnt gibt es viele neue Stücke, viele Preise, ein Gastland (Litauen) und den Autorenwettbewerb, der die Gegenwartsgesellschaft in den Blick nimmt, sich aber kaum für Corona interessiert.

„Fischer Fritz“ fängt keine Fische mehr. Er ist überhaupt nicht mehr sonderlich „frisch“, wie er selbst sagt, nämlich alt und krank. Er schlägt sich herum mit den Folgen eines Schlaganfalls, kann nur noch mit Rollator laufen und nicht mehr seine geliebten Pfefferminzschokolädchen auspacken. Aber ins Pflegeheim will er partout nicht. Fritz will zurück in sein altes Haus in Niederbayern, an den Fluss mit den Fischen, die er jetzt nicht mehr fängt, in die vertraute Gegend.

Ein bayerischer Sturkopf

Wir lernen den bayerischen Sturkopf in einer der sechs Lesungen kennen, in denen Schauspieler die Auswahl für den Autorenpreis des Stückemarkts von Schauspielern des Heidelberger Ensembles präsentieren. Fritz können wir uns schon gut auf einer Bühne vorstellen, wie er da die Ratschläge der auf einfache Lösungen gepolten Ärztin an sich abperlen lässt, dem in der Stadt lebenden Friseursohn mit beharrlichem Schweigen widersteht und sich später zu Hause mit der polnischen Pflegerin arrangiert, die kein Bayerisch kann, aber sein Herz mit Fischgerichten erobert.

Über den Zungenbrecher von Fischers Fritz, der frische Fische fängt, so erzählt es nach der Lesung die in München lebende Autorin Raphaela Bardutzky, hat sie zu dieser Geschichte gefunden. Wer ist dieser Fritz eigentlich, ist er nun schon alt?, fragte sie sich. Es geht ihr nicht nur ums Altsein, sondern auch um eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung und um Einsamkeit, auch der jungen Polin, die angelockt von 1400 Euro Monatslohn nun „gefangen ist am Arsch der Welt“. Und es geht in diesem genau recherchierten und kunstvoll mit Deutsch, Bayerisch und Polnisch jonglierenden Stück um Sprache und deren Verlust, um das Fremdsein in einem unbekannten Land oder im eigenen Leben, das einem zusehends entgleitet.

Rückkehr in die Provinz

Damit sind auch Fragen nach Herkunft und Identität berührt, die in drei weiteren Wettbewerbsstücken explizit thematisiert werden. In „Einfache Leute“ der Tirolerin Anna Gschnitzer ist es Alex, die es aus einem Dorf zu einer Kuratorenstelle im Kunstmuseum geschafft hat. Jetzt kehrt sie zurück in die Provinz zu Eltern und Jugendfreundin Toni, die nie raus gekommen ist aus dieser engen Welt. Es gibt eine euphorische Nacht, die alle Grenzen aufzulösen scheint, aber am Ende für Alex die schmerzvolle Erkenntnis bereit hält, nirgendwo mehr dazuzugehören. So geht es auch der Studentin Ana in Fabienne Dürs „Gelbes Gold“, wo die Rückkehr in die Plattenbauvorstadt mit der Imbissbude des Vaters alle Lebensentwürfe ins Wanken bringt. Das reine Frauenstück „Peeling Oranges“ der US-Amerikanerin Patty Kim Hamilton schildert die Lebensverwerfungen einer in Oregon lebenden Koreanerin und ihrer Töchter, eine schwierige Rollensuche zwischen Traditionen, Erinnerungen und einer herumgeisternden Großmutter.

Man kann sich alle diese Stücke gut auf der Bühne vorstellen, auch wenn oftmals dramatischer Dialog und erzählende Passagen artifiziell ineinander verschränkt werden. Eher ein Fall für den erstmals beim Stückemarkt vergebenen SWR-Hörspielpreis ist dagegen „Hypnos“ von Wilke Weermann, dem einzigen Mann in der Auswahl. Der kunstvoll gebaute Text taucht ein in die Kopfwelt einer Koma-Patientin, als Collage aus Träumen, Stimmen und Versuchen der Außenwelt, mittels einer Zukunftstechnologie in Kontakt zu treten. Weermanns Science-Fiction-Szenario, das natürlich an die Corona-Patienten auf unseren Intensivstationen denken lässt, ist bestes Kopfkino. Svenja Viola Bungartens „Maria Magda“ wiederum ist eine krude Mischung aus Horror und feministischer Wutrede. In einem katholischen Internat verschwinden Mädchen, wüten Albträume. Es geht um Hexenverfolgung und patriarchale Rollenbilder, die unbefleckte Empfängnis ist hier sexueller Übergriff, überhaupt wird die Geschichte des Katholizismus radikal umgeschrieben. Aber vielleicht kriegt ein Jelinek-gestählter Regisseur das ja auf die Bühne.

Das Siegerstück aus dem Jahr 2019

Bei Teresa Doplers Stück „Das weiße Dorf“, Sieger des Wettbewerbs von 2019, das wegen des abgesagten Stückemarkts im Vorjahr diesmal das Festival eröffnete, war das weniger schwierig. Auf einer Kreuzfahrt am Amazonas treffen sich Ruth und Ivan wieder, zwei Karrieremenschen, die für ein paar Monate ein Paar waren und sich dann aus den Augen verloren hatten. Ihre neuen Partner sind mit an Bord, aber wir erleben nur die beiden, wie sie sich und ihre alte Liebe begutachten, verpassten Chancen nachtrauern und doch keinen Mut zum Neuanfang aufbringen. Die Sprache ist hier ein risikofreies Versuchsfeld. In seiner Inszenierung platziert Ron Zimmering seine Darsteller Katharina Ley und Friedrich Witte auf eine schwankende Plattform und analysiert mit kühlem Blick das emotionale Scheitern zweier Menschen, vor deren gnadenlosem Realitätscheck auch die größte Liebe keinen Bestand hat.

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