Kultur Am Weltenrand
Männer, die sich schlecht benehmen und Frauen im Kampf gegen Sexismus bevölkern die Buchneuerscheinungen des Herbstes. Dabei kann es sich um Romanfiguren handeln, aber auch um Schreibende. Im zweiten Fall hat das weibliche Geschlecht eindeutig die Nase vorn. Und beim Lesen dann sowieso.
In „Vox“ wird Frauen von konservativen Hardlinern der Mund verboten und das Stimmrecht entzogen: Keine soll mehr als hundert Wörter am Tag reden dürfen. Das feministische „1984“ der Sprachwissenschaftlerin Linguistin Christina Dalcher war in den USA ein viel diskutierter Überraschungserfolg, aber ganz sprach- und machtlos sind die Frauen bei uns noch nicht, jedenfalls nicht auf dem Buchmarkt. Die „Dickschiffe“ sind zwar immer noch Männersache, in diesem Herbst etwa Michael Lentz’ tausendseitiges Vaterbuch „Schattenfroh“ oder Philipp Weiss’ enzyklopädischer Weltroman von der Pariser Kommune bis zu Fukushima („Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“). Aber den Ton und die Agenda bestimmen doch eher die Frauen, als Leserinnen wie als Autorinnen. „Einige Leute, vor allem Männer“, schreibt Meg Wollitzer in ihrem neuen Roman „Das weibliche Prinzip“, „sehen die meisten Romane von Frauen als eine einzige weiche, undifferenzierte Masse, die wenig mit ihnen zu tun hat“. Zu Unrecht. Während die Österreicherin Marie Luise Lehner Frausein als ständigen Spießrutenlauf „Im Blick“ sexistischer Männer beschreibt, nähert sich Jennifer Clement in ihrer Mutter-Tochter-Geschichte „Gun Love“ unbefangen Waffennärrinnen aus dem White-Trash-Milieu. Juli Zeh läßt in „Neujahr“ einen Mittelständler beim Bergradfahren auf Lanzarote außer Atem geraten. A. L. Kennedy erzählt von der schwierigen Beziehung zwischen einem Londoner Beamten und einer Ex-Trinkerin („Süßer Ernst“). In Lisa Hallidays Romandebüt „Asymmetrie“ begegnen sich auf einer Bank im Central Park ein alter Schriftsteller, ein junge Frau und ein irakischer Doktorand. Sorority e.V, ein Frauen-Netzwerk um die Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, liefert mit „No more Bullshit“ das ultimative „Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten“. Margarete Stokowski läutet „Die letzten Tage des Patriarchats“ ein, und selbst Bestsellerkönigin Cecilia Ahern erhebt ihre Stimme („Frauen, die ihre Stimme erheben. Roar!“) gegen Scham und Unterdrückung. Dass man über Erfahrungen mit Verführung, Sex und Gewalt in literarischer Form offener und differenzierter als in Manifesten oder Twitter-Hashtags schreiben kann, glauben auch die 17 Frauen des Hanser-Sammelbandes „Sagte sie“. Das Internet wiederum birgt schon seit Dave Eggers „Circle“ keine Heilsversprechen mehr, nur noch digitale Dystopien. Karl Wolfgang Flender in seinem Noir-Roman „Helden der Nacht“ und Michael Hvorecky in „Troll“ beschwören eine Diktatur der Bots, Trolls und Künstlichen Intelligenzen, Eckhard Nickel wiederum serviert in „Hysteria“ ekelhaft künstliche Lebensmittel. Der Widerstand gegen die Globalisierung und Beschleunigung aller Verhältnisse produziert aber auch immer neue Erinnerungstechniken und Helden der Langsamkeit und des Rückzugs. Judith Schalansky etwa erinnert sich in „Verzeichnis einiger Verluste“ an verschwundene Menschen und Dinge. Und Richard Powers umarmt sogar Bäume („Die Wurzeln des Lebens“). Die Sehnsucht nach sozialem Zusammenhalt, Heimat und generationenübergreifender Identität bringt auch wieder eine Flut von neuen Familienromanen hervor, darunter Tim Parks’ „In extremis“ und Andreas Martin Widmanns „Messias“. Wie in jeder Saison debütieren auch wieder etliche Schauspieler und Feuilletonjournalisten als Schriftsteller: Burghart Klaußner legt eine Nachkriegserzählung „Vor dem Anfang“ vor, Hilmar Klute eine Literatursatire aus den Achtzigern („Was dann nachher so schön fliegt“). Auch im Genre des Künstlerromans tut sich einiges. Christian Schnalke begibt sich in „Römisches Fieber“ auf die Spuren deutscher Romantiker im Rom der Goethezeit, Karen Duve entdeckt „Fräulein Nette“ (von Droste-Hülshoff) als freches Mädchen, und Philipp Schwenke läßt in „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ Karl May an der Realität des Orients scheitern. Stephan Thome führt im China des 19. Jahrhunderts deutsche Missionare, englische Diplomaten und konfuzianische Gelehrte zusammen („Gott der Barbaren“). László Kraznahorkai, der ungarische Großmeister der Melancholie, kehrt in „Baron Wenckheims Heimkehr“ an seine düsteren Anfänge zurück, und in Thomas Hürlimanns „Heimkehr“ fängt ein gewisser Heinrich Übel nach einem Unfall in der Schweiz in Sizilien ein neues Leben an. Peter Sloterdijk hat sich trotz Bedenken („Mein innerer Beobachter ist kein Publizist“) erneut „dem Unabwendbaren gebeugt“ und ein neues Buch mit Gedanken und Klatsch veröffentlicht. Und auch Jonas Jonasson kann es nicht lassen: In „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ trifft sein Karlsson Trump und Nordkorea-Kim, „Männer, die sich schlecht benehmen“, um mit Joshua Ferris’ Erzählband zu sprechen.